Kein Abend für Westerwelle! In dieser Inszenierung wird nicht nur Deutsch gesprochen. Am Deutschen Theater, in den Kammerspielen! Woyzeck singt englisch! Vor neun Jahren hat Robert Wilson ausgerechnet dieses Stück, das so gar nicht der Stoff zu sein schien, aus dem man Lustspiele mit Gesang schneidert, am kleinen Kopenhagener Betty Nansen Theatre als eine Art Musical inszeniert. Als Komplizen holte er sich wiederum den Songschreiber und Popmusiker Tom Waits (samt dessen Frau Kathleen Brennan). Mit dem "Freischütz"-Coup "Black Rider" hatten Wilson & Waits Furore gemacht. Als ihr dänischer "Woyzeck" 2001 im Berliner Ensemble gastierte, gab es ein Donnerwetter von Applaus. Und Waits' Ohrwürmer wie "Misery's the River of the World" wurden wir damals nicht los, bis endlich seine CD "Blood Money" herauskam.
Wilsons Theaterfassung, mit der Textadaption von Ann-Christin Rommen und Wolfgang Wiens, blieb jahrelang für andere Regisseure gesperrt. Jetzt ist in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Jorinde Dröse, Jahrgang 1976, die erste, die daraus etwas Neues machen darf. Und wieder ist das Publikum begeistert. Die Bühne von Susanne Schuboth zeigt keine Dekoration, schon mehr ein trichterartiges Spielgerät, an dem sich die Figuren herrlich abarbeiten können: Tanzboden, Laufstrecke, Rutschbahn und Kirmesplatz. Denn wie in einer Schaubude werden die Figuren und Typen des Dramas vorgeführt.
Sie alle sind Karikaturen und "Naturen". Sie sind Rollenspieler: Der melancholische Hauptmann (Matthias Neukirch), der Doctor (Helmut Mooshammer), der seine medizinisch-zynischen Experimente am lebenden Objekt unternimmt - "der Mensch ist frei!". Woyzeck ist ganz "Kreatur". Gehetzt jagt er die steile Trichterwand hinauf und hinunter und rundherum. Christoph Franken ist auf diesem Rummelplatz des Lebens der King, der "Tambourmajor". Er streut Konfetti, stürzt immer wieder, ganz Leib und viele Knochenbrüche riskierend, zu Boden. "Was ein Mann!" staunt die Margreth. Aber dieser dicke liegestützende Angeber ist scharf auf Woyzecks Marie...
Bei Robert Wilson, dem großen Ästhetik-Zuckerguss-Meister, lebten die Rollen des Stücks als darstellerisch erstklassig geölte Automaten. Sie bewegten sich in bizarrer puppenhafter Langsamkeit. Auch Regisseurin Dröse zeigt kein Sozialdrama, aber die grotesken Figuren machen immer noch den Menschen dahinter sichtbar. Die mädchenhaft zarte, so gar nicht als leichtsinnig-sinnlich gezeichnete Marie von Maren Eggert. Vor allem aber Woyzeck: Moritz Grove ist die bleiche, gejagte und vom Tambourmajor drangsalierte "Kreatur". Die existenzielle Erschöpfung ist ihr ins Gesicht geschrieben.
Die Regisseurin holt diesen "Woyzeck" aus dem schmucken Design-Fenster heraus. Und plötzlich steckt wieder erstaunlich viel Büchner in der theatralen Wundertüte!
Das Ensemble stürzt sich mit karikierendem Witz und Spielbegeisterung in diese Aufführung. Hinter der Szene rechts sitzt eine kleine muntere Honkytonk-Kapelle und gibt mit viel Blech, Schlagwerk, Marimbaphon und Kontrabass den Songs von Tom Waits und Kathleen Brennan den süffig orgelnden Sound, mal rockig bitter, dann wieder ungeniert sentimental. Und die Spieler singen die moritatenhaften Lieder mit Hingabe, zärtlich weichgespült oder rauhkehlig und abgrundtief.
"I'd sell your heart to a junk man, baby" und "The ship is sinking", hören wir vom Doctor. "She's a rose, she's a pearl....she's my Coney Island Baby..." träumt Woyzeck schnulzenschön von seiner geliebten Marie. Und wenn er später noch auf ihre Leiche einschlägt, dann nur aus verzweifelter übergroßer Liebe. Und als flotte Zugabe röhrt der haarige Ausrufer (Markus Graf) auf diesem Schauplatz der Gefühle noch einmal das "Misery's the River of the World". Viel zu kurz, aber immerhin: Es krabbelt wieder in unseren Ohren.
Deutsches Theater/Kammerspiele , Schumannstr. 13 a. Mitte. Kartentelefon unter: 284 41 225.Weitere Termine: 8.,10., 11., 15. Oktober (alle ausverkauft), 6., 8., 24., 26. und 28. November 2009.





