Das Nibelungenlied ist eine Art deutsches Nationalepos – Liebe, Verrat und Rache sind dort in einer Schärfe gezeichnet, die anachronistisch wirkt, aber immer noch fasziniert. Friedrich Hebbel verarbeitete die Geschichte in seinem Theaterstück „Nibelungen“. Im Zentrum stehen die beiden starken und sehr verschiedenen Frauengestalten, Brunhild und Kriemhild. Am Deutschen Theater werden sie jetzt von Natali Seelig und Maren Eggert gespielt, beide noch Neuberlinerinnen.

Maren Eggert ist nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Fernsehen ein bekanntes Gesicht. Im Kieler Tatort spielt sie die Polizeipsychologin Frieda Jung an der Seite von Kommissar Klaus Borowski. Ihr nächster und letzter Fall „Tango für Borowski“ wird am 4. April ausgestrahlt und wurde im vergangenen Sommer zu großen Teilen in Finnland gedreht. Was aus ihr und dem Kommissar wird und wie die Serie für die Polizeipsychologin endet, kann beziehungsweise darf Maren Eggert natürlich noch nicht verraten. „Es war immer schon ein Spagat, die Dreharbeiten mit den Verpflichtungen am Theater zu verbinden“, sagt sie, ihre Stimme klingt ruhig und weich. Der Umzug von Hamburg, wo sie am Thalia Theater engagiert war, nach Berlin gab den letzten Ausschlag; ein guter Moment, um einen Schnitt zu machen. „Außerdem wollte ich wieder Freiraum für Neues haben und erst mal viel hier am Deutschen Theater spielen.“

Beide kennen sich von der Schule

Die Stimme von Natali Seelig ist tief und ein bisschen rauchig. „Ich habe mich sehr auf Berlin gefreut.“ Die 39-jährige ist schon als Kind viel herum gekommen, lebte unter anderem in Liverpool und Hongkong. Ihre Eltern arbeiteten als Entwicklungshelfer und zogen oft um. „Ein Beginn setzt immer neu Energien frei. Außerdem sind wir mit einer Truppe gekommen, auf die man stolz sein kann.“ Die Truppe ist die von Intendant Ulrich Khuon, der im Sommer 2009 vom Thalia Theater ans Deutsche Theater wechselte und einen größeren Teil seines Hamburger Ensembles mitbrachte.

Angefangen haben Maren Eggert und Natali Seelig an der Otto-Falkenberg-Schauspielschule in München, allerdings nicht zur gleichen Zeit. „Aber manchmal fühlt man dadurch trotzdem eine diffuse Verbindung“, beschreibt die vier Jahre jüngere Maren Eggert. Getroffen haben sie sich beide erst, als Natali Seelig 2002 ans Thalia Theater in Hamburg kam, wo auch Maren Eggert spielte. Natali Seelig war zu diesem Zeitpunkt bereits von der Fachzeitschrift „Theater heute“ zur Schauspielerin des Jahres 1998 gewählt worden, Maren Eggert hatte mit „Das Experiment“ gerade ihren ersten Kinoerfolg gefeiert. Damals spielten sie zusammen in Lessings „Miss Sara Sampson“ unter der Regie von Andreas Kriegenburg. Jetzt sind die beiden Frauen in den „Nibelungen“ von Friedrich Hebbel zu sehen: Die schwarzhaarige Natali Seelig als Brunhild, die dunkelblonde Maren Eggert als Kriemhild.

Für Maren Eggert ist diese alte, heroische Geschichte sehr reizvoll. „Mir hat gefallen, dass das Stück so weit weg ist vom alltäglichen Leben. Dadurch kann man komplett eintauchen.“ Aber auch, wenn sich die Geschichte der Nibelungen in einer längst vergangenen Zeit zuträgt, ist das Stück nicht unmodern. „Friedrich Hebbel schrieb es in den 1850er Jahren, als die Auswirkungen der Industrialisierung auf die Gesellschaft sichtbar wurden“, sagt Natali Seelig, „die traditionellen Werte zählten nicht mehr und die Menschen wurden in einen Zustand von Desorientierung geschleudert, der bis heute anhält.“

"Brunhild hat etwas Martialisches"

„Mir hat die Arbeit mit diesem Stoff unglaublich viel Spaß gemacht.“ Natali Seelig redet sich in Begeisterung. „Brunhild kommt aus dem rauen Norden, sie hat etwas sehr Archaisches, Martialisches und sie verkörpert eine Utopie, die durch den Betrug an ihr für immer verloren geht.“ Auch Kriemhild wird verraten – von ihrer eigenen Familie. Das wiegt besonders schwer, findet Maren Eggert. „Wegen dieses tiefen Vertrauensbruchs ist sie so auf ihre Rache fixiert.“

Die beiden Frauenfiguren nehmen in der Geschichte eine fast gegenläufige Entwicklung. „Brunhild ist am Anfang die Starke, Schöne und Strahlende, die zu Fall gebracht wird. Kriemhild wächst sehr behütet auf und gewinnt erst im Laufe des Stücks an Stärke“, beschreibt Maren Eggert. Die Hamburgerin, die sich gerade erst das Theaterblut des toten Siegfried abgewischt hat, sieht erschöpft aus, aber konzentriert. Denn in den Proben zum letzten Teil des Stücks ist sie besonders gefordert.

Die Arbeit mit Regisseur Michael Thalheimer funktioniert gut. „Er skelettiert die Figuren“, beschreibt Natali Seelig dessen Arbeitsweise. Maren Eggert hat schon häufig mit Michael Thalheimer zusammengearbeitet und findet vor allem seine Nähe zum Text charakteristisch. „Es gibt bei ihm eigentlich keine Szenen, in denen man ausspielt, was noch passieren könnte, sondern er orientiert sich sehr stark an dem, was man aus dem Text herauslesen kann.“

Der besondere Stil des Regisseurs zieht sich durch alle seine Arbeiten, erzählt Maren Eggert. Das merkte sie bei den Proben mit Sven Lehmann, der Siegfrieds Mörder Hagen von Tronje spielt. „Wir hatten beide früher schon mit Thalheimer gearbeitet und als wir die erste Szene zusammen probierten, lief es sofort gut – als ob man, ohne voneinander zu wissen, am Gleichen gearbeitet hat und jetzt aufeinander trifft.“

Das interessanteste Aufeinandertreffen dürfte allerdings das zwischen Brunhild und Kriemhild werden. Die beiden Frauen messen ihre Kräfte, indem sie darum streiten, wer als erste den Dom zur Messe betreten darf. Der Streit wird zu einem gnadenlosen Duell. „Die berühmte Domszene!“, sagen Maren Eggert und Natali Seelig fast gleichzeitig und lachen sich vielsagend zu.