Ein maßgebliches Käthchen pro Jahrzehnt – das scheint ein ungeschriebenes Theatergesetz in Berlin zu sein. Die zwei Inszenierungen, auf die das zuletzt zutraf, kamen beide am Deutschen Theater (DT) heraus: Die opulente von Thomas Langhoff, der das Kleistsche Ritterschauspiel ernst nahm und sich vor 19 Jahren eine ganze Burg auf die Bühne bauen ließ, die effektvoll zusammenkrachte, nachdem das Käthchen (eine Paraderolle für Ulrike Krumbiegel) das Medaillon aus den Flammen gerettet hatte. Und die entrümpelte, die Nicolas Stemann 2003 auch als eine Art Vergangenheitsbewältigung am Deutschen Theater inszenierte. Im Mittelpunkt der Stemann-Version stand Inka Friedrich als schwäbisches Mädchen, die mit einem Blumentopf in der Hand trotzig ihren kleinbürgerlichen Glücksvorstellungen – gegen die Drehbühne – hinterherlief.
Am Freitagabend hatte nun das erste Berliner Käthchen des neuen Jahrzehnts Premiere. Die zweistündige, pausenlose Inszenierung von Simone Blattner am Berliner Ensemble wird angesichts des bevorstehenden Kleist-Jahres – dessen 200. Todestag jährt sich 2011 – möglicherweise die kürzeste, wahrscheinlich die gefälligste, aber sicher nicht die letzte gewesen sein.
Gewissermaßen Kleist kompakt. Ein eher untypischer Regiestil am Berliner Ensemble, aber trotz der drastischen Kürzungen bleibt die Handlung verständlich – soweit man das bei diesem Ritterschauspiel überhaupt behaupten kann. Das Stück mit seinem Femegericht, Engelsauftritten und Gottesurteilen ist ja nicht erst aus heutiger Sicht eine recht krude Nummer: Während halb Weimar, so geht eine hübsche Anekdote, Goethe aufforderte, das „Käthchen“ im Residenzstädtchen aufzuführen, soll der Geheimrat und Theaterdirektor das ausgeliehene Exemplar des Stücks mit den Worten „Ein wunderbares Gemisch von Sinn und Unsinn! Das führe ich nicht auf“ ins lodernde Feuer des Ofens geworfen haben. Dass Kleist von Goethes Ablehnung tief getroffen war, ist eine andere, eine tragische Geschichte.
Regisseurin Blattner kitzelt eine komödiantische Seite am „Käthchen von Heilbronn“ hervor und lässt einige Figuren (wie Veit Schuberts Burggraf, Boris Jacobys Rheingraf oder Judith Strößenreuters Rosalie) locker zur Karikatur werden. Sabin Tambrea ist ein ziemlich junger, hibbeliger Graf Wetter, seine Liebe zum Käthchen mehr Behauptung. Das Pferdegetrappel kommt vom Band, im gestrickten Kettenhemd treten die Ritter auf wie die Jungs von Monty Python auf der Suche nach dem heiligen Gral. Man trägt breite Gürtel und überwiegend schwarze Klamotten – die Kostüme entwarf Sabine Fleck. Schon rein farblich stechen die beiden zentralen Frauenfiguren hervor: Das Käthchen, das Laura Tratnik als naiv liebende Lichtgestalt glaubwürdig verkörpert, trägt ein leuchtend blaues Kleid. Ihre Gegenspielerin Kunigunde sieht mit roter Mähne, Glitzerkleid und den hüfthohen Stiefeln wie eine Mischung aus Tina Turner und Nina Hagen aus. Ein starker Auftritt von Ursula Höpfner-Tabori, die der boshaften und durchtriebenen Kunigunde auch verletzliche Seiten abgewinnt.
Im Zentrum der Bühne von Alain Rappaport steht eine sich verjüngende Treppe, seitlich flankiert von Nischen, in denen unter anderem auch die chorisch sprechenden Richter des Femegerichts auftreten. Beim Brand der Burg, bei der zur Erheiterung des Publikums ein Feuerwehrschlauch entrollt wird, dreht sich die Bühne. Die Kampfszenen werden in Zeitlupe gezeigt – ein hübscher Effekt, der im Kino bei den Schlachtszenen von „300“ allerdings mehr Eindruck machte.
Regisseurin Blattner präsentiert ein leicht konsumierbares „Käthchen“. In zwei, drei Jahren aber dürfte man es vergessen haben.
Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. G.28.40.81.55. Termine: Heute, 30. März, 6. und 16. April, jeweils 20 Uhr.





