70. Geburtstag

Freunde überraschen Kunstmäzen Raue mit Party

Mit einem Überraschungsfest haben am Abend im Berliner Ensemble rund 850 Gäste dem großen Kulturfreund Peter Raue nachträglich zum 70. Geburtstag gratuliert.

Foto: Michael Brunner

Kulturanwalt Peter Raue ist ein brillanter Rhetoriker, sprachlos hat man ihn nie erlebt. Aber an diesem Abend fehlen ihm einfach die Worte. „Das ist verrückt. Wahnsinn! Ich fasse es nicht.“ Er steht vor dem Berliner Ensemble, schaut auf das gigantische Theaterplakat oben an der Fassade – und da guckt er in sein eigenes Gesicht. Es ziert als Foto den Theaterabend „Einfach kompliziert“ von Thomas Bernhard. Er fasst sich an den Kopf – und erst dann sieht er noch mehr. Rund 850 Freunde und Wegbegleiter aus allen Sparten des Berliner Kultur- und Politlebens haben sich eingefunden, um ihn zu feiern. Museumsleute, Galeristen, Intendanten, Schauspieler, Fotografen, Sammler. Wer auf der Berlinale abkömmlich war, kam ins Berliner Ensemble: die Schauspieler Martina Gedeck, Iris Berben, Gerd Wameling, Regisseur Volker Schlöndorff, Akademie-Chef Klaus Staeck, Eva und Katharina Wagner aus Bayreuth, Ex-Kultursenatorin Adrienne Goehler, Kulturstaatssekretär André Schmitz, Festspielschef Joachim Sartorius, Hellmut Seemann, Präsident der Stiftung Weimarer Klassik. Sie alle haben Karten gekauft für diese Überraschungsparty zu Ehren des 70. Geburtstages von Peter Raue am 4. Februar.

Man muss sich das vorstellen: Da denkt man an einen schönen Theaterabend mit dem genialischen Bühnen-Grantler Gert Voss in der Hauptrolle, und dann stehen plötzlich Hunderte Freunde vor einem, umarmen, küssen, herzen. „Peter!“, „Peter!“ rufen sie. Da schießen selbst einem erfahrenen Mann wie ihm Tränen in die Augen. Hausherr und Gastgeber Claus Peymann, wie immer ganz in Schwarz, hakt ihn freundschaftlich ein, und dann schießt plötzlich dickes silbernes Konfetti im BE-Foyer wild durch die Luft. Ein „Happy Birthday“ wird angestimmt, und Raue kann es immer noch nicht fassen. „Silentium“, ruft Peymann streng in die quirlige Menge, „herhören, bitte nehmt die Plätze ein!“ Doch es wird eng an diesem Abend. Sammler Heiner Pietsch lässt sich noch schnell eine Fliege binden – eine ironische Hommage an Raue, der nie ohne geht. Ein Künstler hat fix ein flottes Halstuch zur Hand, etwas groß, aber Improvisation ist alles. Ganz nach Raues Humor. Jürgen Flimm sucht seine Frau im Gewühl und Iris Berben verzweifelt ihren Platz im Rang. Durch die kunterbunte Gästeschar huscht das ewig schrille Künstler-Tandem Eva & Adele im Pelzchen.

Die Idee für die Festvorstellung ist gelungen. Ausgetüftelt hat sie Raues Frau Andrea Gräfin Bernsdorff, hilfreich assistiert von Peymann. Das Theater schrieb im Vorfeld knapp 1000 Gäste an, keiner ahnte, dass nach zwei Tagen alle 750 Tickets ausverkauft sein würden. 100 Personen fanden noch zusätzlich Platz auf Klappstühlen und in Logen. 100 weitere Gäste kamen nach Vorstellungsschluss zur Party ab 23 Uhr noch ins Foyer. Dort gab's noch ein zusätzliches „Geburtstagsgeschenk“, ein Ständchen vom Oktett der Berliner Philharmoniker und Eva Mattes und Hermann Beil machten in ihren Reden dem Jubilar noch einmal deutlich, wie sehr er zu Berlin gehört.

Auch Aino Laberenz, Witwe von Christoph Schlingensief feierte gestern Abend mit, um Spenden für die Afrika-Stiftung entgegenzunehmen. Jeder Gast, so war es auf der Einladung zu lesen, konnte je nach Gusto für das Projekt in Burkina Faso spenden. Schlingensief wollte dort eine Schule, einen Sportplatz und ein Festspielhaus bauen lassen – eine kulturelle Siedlung mitten in Afrika. Laberenz will das Projekt, das durch Schlingensiefs Tod im August in eine finanzielle Schieflage geriet, vollenden. Bereits im Herbst soll die erste Bauphase beendet sein, der Schulbetrieb aufgenommen werden. „Ich hoffe, dass das Dorf in fünf Jahren fertig ist“, verkündete Laberenz kürzlich. Sie fliegt regelmäßig nach Afrika, um sich den Fortgang der Arbeit anzuschauen. „Eine wunderbare Spendenidee“, findet Sammler Heiner Pietsch.

Peter Raue ist eigentlich überall, wo es in Berlin um Kultur geht. Einige nannten ihn früher sogar den „geheimen Kultursenator“, weil er jeden Termin zu kennen scheint. Kein wichtiges Konzert, keine bedeutende Vernissage und keine Premiere lässt er gerne ausfallen. Wenn er einmal nicht da ist, fehlt irgendetwas, sagen viele. Es ist einfach so, dass dieser Mann nie genug haben kann von Tönen, Bildern, Literatur – und Menschen. Manchmal fragt man sich, wie der gebürtige Bayer all diese Eindrücke überhaupt speichern kann in seinem Kultur-Schopf mit den weißen Haaren. Angeblich hat er bereits vierzehn Mal eine Inszenierung von „Nathan der Weise“ gesehen, um auch die letzte Tiefe dieses Klassikers auszuloten. Wenn man ihn fragt, was ihn treibt, dann sagt er, die Kultur sei seine Batterie.

Eins ist klar: diese Sondervorstellung im BE wird er so schnell nicht vergessen, auch wenn es keine Wiederholung gibt.