Berliner Ensemble

Langhoff beweist in "Endstation Sehnsucht" Mut

In bester Südstaaten-Atmosphäre inszeniert Thomas Langoff am Berliner Ensemble "Endstation Sehnsucht" von Tennessee Williams. Die Entscheidung für Dagmar Manzel als Blanche DuBois dürfte manchen überraschen.

Foto: Thomas Aurin

Für Raucher ist dieser Abend wohl eine Qual: Auf der Bühne des Berliner Ensembles wird gequarzt, was das Feuerzeug hergibt. Da liegt soviel Nikotin in der Luft, dass sie am liebsten sofort rausrennen und sich selbst eine anstecken möchten. Auch im Programmheft erscheint das passende Bild: Tennessee Williams posiert mit Zigarettenspitze. Gespielt wird „Endstation Sehnsucht“.

Thomas Langhoff, Spezialist für Ibsen, Strindberg, Hauptmann und Verwandtes, hat diesen symbolgeschwängerten Albtraum, der 1947 in New York uraufgeführt wurde, inszeniert. Mit Dagmar Manzel als Blanche DuBois, die vor ihrer Vergangenheit fliehen muss. Manzel spielt dieses sich selbst belügende und betrügende Südstaaten-Sternchen recht bodenständig. Mit einer komödiantischen Note. Ihr erster Auftritt gibt die Richtung vor: Im weißen Kleid mit riesiger Sonnenbrille und rotem Rollkoffer sucht sie das Domizil ihrer Schwester – und steht doch schon davor. So ärmlich, so bescheiden hat sie sich die Unterkunft nicht vorgestellt.

Alkohol in Reichweite

Es gibt nur zwei Zimmer, sie muss mit einer ausziehbaren Pritsche vorlieb nehmen. Gut, dass der Alkohol in Reichweite ist: Auf dem Kühlschrank stehen die harten Sachen. Als sie fix zur Flasche greifen will, haut sie sich im Stile eines unartigen Schulmädchens mit der guten Hand auf die böse, auf die, die es zum Betäubungsmittel zieht. Nein, das hat sie im Griff. Sie dürfte die einzige sein, die das glaubt.

Einmal im Jahr macht Claus Peymann, Direktor des Berliner Ensembles, die Bühne für Thomas Langhoff frei, der als Regisseur zwischen Wien, Berlin und München pendelt. Langhoff war nach der Wiedervereinigung Intendant am Deutschen Theater und sorgte dafür, dass das Haus sanft in die neue Zeit gleitete. Mit einem Ensemble, das seinen hervorragenden Ruf immer wieder bestätigte. Auch Dagmar Manzel spielte dort. Starke, rachedürstende Frauen wie Kriemhild oder Merteuil in Heiner Müllers Inszenierung „Quartett“ – also gewissermaßen den Gegenentwurf zu Blanche. Manzel verließ 2001 ebenso wie Langhoff das Deutsche Theater und widmete sich ihrer Film- und Musiktheaterkarriere. An der Komischen Oper war sie als skurrile Mrs. Lovett in „Sweeney Todd“ zu erleben, in „Kiss me, Kate“ und zuletzt „Im weißen Rössl“. Im Film spielt sie gern Frauen, die mit ihrem Alltag gut zurechtkommen. Insofern war es mutig von Thomas Langhoff, sie als Blanche zu besetzen. Die kleine Nymphomanin, die so gern Jungs verführt, man nimmt es ihr nicht wirklich ab.

Langhoff belässt das Stück in seinem historischen Kontext. Blanche hat wegen ihrer amourösen Abenteuer ihren Job als Lehrerin verloren. In ihrer Heimatstadt kann sie sich nicht mehr blicken lassen. Das geerbte Familienanwesen gehört längst den Gläubigern. Ihr Leben kennt nur eine Richtung: nach unten. Verzweifelt flieht sie zu ihrer Schwester Stella. Bei Anika Mauer, die kürzlich noch im Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“ am Potsdamer Platz zu sehen war, ist Stella eine illusionslose Frau, die sich mit ihrer Lage arrangiert hat. Auch mit ihrem gewalttätigen, bauernschlauen Mann Stanley, den Robert Gallinowski nah am Klischee spielt – allerdings nicht im klassischen weißen Feinripp-, sondern im blauen Unterhemd. Wenn Stan Stella mal wieder eine blutige Nase verpasst hat, dann ist sie zufrieden, wenn er ihr später 20 Dollar Schmerzensgeld hinlegt – und eine lustvolle Nacht bereitet.

Jazzband spielt live

Eine Jazzband sorgt live für den New-Orleans-Sound. Sie spielt sogar mit. Das gaukelt eine Südstaaten-Atmosphäre vor, die sich aber nicht einstellen will. Die Hitze, die Feuchtigkeit, die sexuell aufgeladene Atmosphäre – vieles bleibt Behauptung.

Andrea Schmidt-Futterer hat die Kostüme im Stil der 40er Jahre entworfen und die Bühne entsprechend möbliert. Auf der Wendeltreppe steht die Nachbarin Eunice (Ursula Höpfner-Tabori), die ihrem Mann Steve (Axel Werner) hinterher brüllt. Wenig Platz bleibt dem verklemmten, mutterfixierten Mitch für sein Rendezvous mit Blanche. Veit Schubert verleiht dem Verehrer karikaturhafte Züge. Der farblich variierende Horizont spiegelt die Stimmung wider. Dabei hat sich die Bühnenbildnerin offenbar von Williams inspirieren lassen. In seiner Biografie beschreibt der seine erste Wohnung in New Orleans und schwärmt von dem Oberlicht. Das ließe den „Himmel und die Wolken so zum Greifen nahe scheinen. Man hat hier immer das Gefühl, die Wolken zögen unmittelbar über einen hinweg.“

Die amerikanischen Bühnen-Klassiker der Moderne erleben gerade eine kleine Renaissance. In den Kammerspielen des Deutschen Theaters hatte kürzlich Arthur Millers „Alle meine Söhne“ Premiere. In der Schaubühne gibt es „Tod eines Handlungsreisenden“. Das Potsdamer Hans Otto Theater bringt im April „Hexenjagd“ heraus. Und selbst die Hochburg der Romandramatisierungen, das Maxim Gorki Theater, hat von Tennessee Williams „Die Glasmenagerie“ und von Eugene O’Neill „Ein Mond für die Beladenen“ seit dieser Saison im Repertoire.

Möglicherweise sind das Anzeichen für eine Trendwende. Für die Wiederentdeckung des „well made play“: Zurück zu Dialogen, die nicht von Dramaturgen aus dickleibigen Romanen destilliert werden. Zurück zu dramatischen Konflikten statt nacherzählten Begebenheiten. Und zu klassischen Rollen. Dass diese Zutaten zwangsläufig zu einem tollen Theaterabend führen, ist natürlich Quatsch. Das kann man bei „Endstation Sehnsucht“ am Berliner Ensemble sehen.

„Endstation Sehnsucht" im Berliner Ensemble am 13. März 2011 um 17 Uhr und am 31. März 2011 um 20 Uhr, Karten unter Tel.: (030) 28408155