„In der Erinnerung“, meint Tom, „geschieht alles mit Musikbegleitung.“ Das liegt an den ganzen Sehnsüchten und den Verklärungen. Davon gibt es in Tennessee Williams’ Sozialdrama „Die Glasmenagerie“ reichlich. Tom meint auch, dass solche Stücke echte Musik brauchen. Regisseur Milan Peschel hat deshalb für seine Inszenierung am Maxim Gorki Theater Maike Rosa Vogel engagiert, die mit ihren verspielten Songs längst mehr als nur Berliner Geheimtipp, ist. Mit den von ihr vertonten Williams-Poemen hält dieses Fräulein Vogel Peschels zwar extrem vergnügliche und durchaus berührende, aber mittendrin markant gebrochene Inszenierung entschieden zusammen und liefert einen modernen, melancholischen Country-Blues-Folk-Soundtrack für den Abend.
Ganz nebenbei wird Williams durch die Einbettung seiner Gedichte noch eine eigene, kleine Zusatzrolle zuteil, weil die Geschichte von Tom auch die von Tennessee ist und Peschel diese Parallelen bewusst inszeniert. Beide erleben eine ärmliche Kindheit in St. Louis, schuften für den Familienunterhalt in der Lagerhalle und träumen vom Schreiben.
Vorerst hat Tom dazu aber noch keine Gelegenheit: Auf einem schmalen Bühnensteifen, der nach hinten von großgeblümter Stofftapete begrenzt wird, lässt die Wohnküche der Wingfields wenig Raum für Träume. Toms schüchterne Schwester Laura, von Ninja Stangenberg zunächst mädchenhaft zart angelegt, dann mit zunehmender Hoffnung erblühend, hat sich mit ihrer Glastiersammlung schon längst von Gegenwart und Zukunft verabschiedet. Und Mutter Amanda (Cristin König) hält es eher mit ihrer Vergangenheit als Südstaatenschönheit, bei der die Verehrer Schlange standen. Geheiratet hat sie einen, von dem nur noch ein Stapel gerahmter Erinnerungsfotos unter der Küchenspüle übrig ist.
Bei den Wingfields geht öfter mal was zu Bruch, vor allem wenn Amanda ihre erwachsenen Kinder mal wieder schurigelt. Ronald Kukulies präsentiert seinen Tom nämlich außerordentlich gelungen als „angry young man“ mit massiv angestautem Lebensfrust, der sich bisweilen explosionsartig entlädt, während gleichzeitig unter seinem Feinrippunterhemd ein großes Herz schlägt.
Zum Glück für alle kommt jetzt Jim. Und mit ihm der große Strukturwechsel im Stück, in seiner Radikalität etwas extrem geraten: Abriss der Küchenrückwand, plötzliche Weite, Kerzenschein, der Raum der Sehnsüchte ist geöffnet, Tom-Tennessee sitzt an seiner Schreibmaschine in der Hoffnung, das Leben doch noch mal umzuschreiben, Amanda hat ihren Morgenmantel gegen Scarlett-O’Hara-Robe getauscht. Jim ist Lauras erster und einziger Verehrer! Und damit die mögliche Zukunft der Familie Wingfield.
In Andreas Pietschmanns zittrig-stotternder Entzauberung hat dieser Jim dazu allerdings nicht den Hauch einer Chance. Und wieder ist es Maike Rosa Vogel, die die Sache musikalisch mit „Turn again, turn again, turn once again“ besiegelt und alle zurück ins alte Wingfield-Karussell verweist, das eine Endstation für ihre Sehnsucht nicht mal ansatzweise in Aussicht stellt. Und so bleibt jeder auf seine Weise, was er schon vorher war: Vom Leben verdreht statt vom Winde verweht.
"Die Glasmenagerie", Maxim Gorki Theater (am Festungsgraben 2), Vorführung am 19. März um 19.30 Uhr. Weitere Infos unter Telefon 030/202 211 15.





