Berliner Volksbühne

"Quai West" plätschert so dahin

In einer leeren Halle hoffen entwurzelte Gestalten auf ihren letzten Deal. "Quai West" von Bernard-Marie Koltès, Mitte der 80er entstanden, ist eine böse Allegorie auf einen alles verschlingenden Kapitalismus. Werner Schroeter führt in der Berliner Volksbühne Regie.

Die Erde ist eine Scheibe. Eine seltsam schwankende, bisweilen sehr schräg stehende, von der die Menschen herunter zu fallen drohen. So ist es zumindest bei dem kleinen Erdenausschnitt, den wir in Werner Schroeters Inszenierung von Bernard-Marie Koltès „Quai West“ in der Berliner Volksbühne zu sehen bekommen. Die Scheibe ist vor fahl beleuchtetem Rundhorizont auf die Drehbühne montiert. Immer wieder rutscht jemand auf der unebenen, silberschwarzen Oberfläche aus – eine festgefrorene Schlammlandschaft.

An diesem Ort ist man verloren, wenn es niemanden gibt, der einen aufhebt, stützt, durch die Dunkelheit führt. Und in dem somnambulen Hafenviertel-Drama des französischen Dramatikers, der 1989 mit 41 Jahren an Aids starb, ist es fast immer dunkel. Die Fähre legt an dem alten Kai nicht mehr an, das Wasser hat man dem Viertel abgestellt. Die dort am Rande der Gesellschaft dahinlebenden Menschen, Migranten, Arbeitslose, Abgeschriebene, sind von Koltès allesamt in Hochsprache getaucht. Oder, wie der „Mulatte“ Abad (Toks Körner) in würdevolle Stummheit.

Was der Antrieb dieser Inszenierung gewesen sein mag, ahnt man mehr, als das man es dem seltsam gedämpften Bühnengeschehen mit Dringlichkeit abspüren könnte: Der Banker Maurice (Peter Kremer) hat Geld veruntreut und will sich, von seiner Sekretärin Monique hergefahren, in den Fluss stürzen, um der Schmach zu entgehen. Charles (Sebastian König) bietet er seine Kreditkarten und die Rolex, damit dieser ihn ans Ufer geleite. Dem jungen Möchtegern-Aufsteiger hängt die Krawatte schon knüpfbereit um, der Jaguar des reichen Mannes scheint Charles die letzte Möglichkeit, von hier wegzukommen. Werte jenseits von „Zaster“ und „Bizness“ sind dieser Welt verloren gegangen, es wird nur noch gedealt. Sogar den Selbstmord muss man sich erschachern.

Gestalten komischer Verzweiflung

„Mensch ist Mensch – und was ist er doch für ein drolliges Desaster auf zwei dünnen Beinen“, schreibt Werner Schroeter, der in letzter Zeit hauptsächlich mit Operninszenierungen und albtraumhaft opulenten Spielfilmen von sich reden gemacht hat, im Programmheft. Entsprechend inszeniert er die Koltès-Figuren als Gestalten komischer Verzweiflung, die ihr eigenes Unglück pathetisch auskosten. Schroeter ist ein Spezialist fürs Diven-Fach, und auch hier gelingt ihm vor allem die In-Szene-Setzung der Frauen.

Pascale Schiller stakst als Monique auf ihren Stöckelschuhen einher, wankend zwischen Hysterie und Vernunft. Ist ein Mann in der Nähe, lässt sie sich ihm theatralisch in die Arme fallen; dann wieder ist sie es, die den weinerlich-trotzigen Maurice vom Boden hochzieht. Silvia Riegers Cecile ist nicht von dieser Welt, eine Jenseitige, die indianisch heult oder ein seltsam komisches, abgehacktes Lachen zwischen ihren Zähnen hervorstößt.

Keine hochschlagenden Wellen, höchstens ein leises Plätschern

Die Leuchtgestalt des Abends aber ist die junge Maria Kwiatkowsky, die schon in Frank Castorfs „Ozean“-Inszenierung aufgefallen ist. Ihre Claire ist ein hastig plapperndes, zart vertrippeltes Wesen, das sich zwischen widerständig und willig die Aufgeregtheit ob des Unschulds-Verlustes aus dem Leibe schlottert. Begehrt wird sie von Fak (Christoph Letkowski), der sie überredet, mit ihm in den dunklen Hangar zu gehen.

Als er sie dann für drei kurze Beckenstöße gehabt hat, die sie wie eine leblose Puppe erschüttern, schleudert er sie von sich wie ein Ding. Ist nicht gerade eine dieser gut aufgelegten Damen am Start, schleppt sich die zweistündige Inszenierung, bei der das Publikum immer tiefer in den Sitz-Seesäcken versinkt, eher müde dahin – keine hochschlagenden Wellen, höchstens ein leises Plätschern.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin. Tel. (030) 24 065 777, Termine: 12. und 24. März; 4. und 25. April, jeweils 19.30 Uhr

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