Besucher des östlichen Berliner Stadtteils Friedrichshain, die wegen der vielen Filmplakate zu Matti Geschonnecks „Boxhagener Platz“ ihren Blick für den titelgebenden Kiez schärfen möchten, fragen sich manchmal, wo eigentlich dieses Boxhagen liegt. Sie gehen dann die Boxhagener Straße entlang und wundern sich: Diese führt keineswegs zum gleichnamigen Platz, sondern schrammt fünf Gehminuten entfernt an ihm vorbei. Auf irgendein fernes Boxhagen, das vielleicht an der Ostsee liegt, verweist diese Straße auch nicht. Boxhagen, das war hier. Die Gegend hieß bis 1938 so, Boxhagen-Rummelsburg. Fernöstliche Weisheit Berlins: Das Ziel ist schon der Weg.

Auch der Film „Boxhagener Platz“, der am Mittwoch im Kino International nach der Erstaufführung auf der Berlinale seine reguläre Premiere feiert und am Donnerstag in die Kinos kommt, verfehlt den Boxhagener Platz komplett. Und zwar gleich doppelt, was eine bemerkenswerte Leistung ist.

Erstens: Man sieht in dem Film keinen Platz. Nur mehrfach die Kneipe „Feuermelder“, die bis heute an einer Ecke des Platzes steht, aber für die Dreharbeiten nachgebaut wurde. Zweitens: Obwohl man den Platz sowieso nicht sieht, drehte Matti Geschonneck lieber woanders. Er ist hier schließlich aufgewachsen, genau wie Torsten Schulz, der die Romanvorlage und das Drehbuch schrieb, und beiden ist der heutige Platz zu „durchsaniert“ für ihre im Jahr 1968 spielende Geschichte. Man drehte stattdessen in Halle, Dessau und einer Babelsberger Kulisse namens „Berliner Straße“, die einst für Leander Haußmanns „Sonnenallee“ erbaut wurde.

Historischer Kiez

„Es geht mir nicht um die DDR, und auch nicht um Ost und West“, sagt ein erkälteter Torsten Schulz, „sondern um die kleine Welt, in die die große hineinragt, und um das Miteinander.“ Wir treffen uns mitten auf dem „Boxi“, im Café Pavillon, wo straffällig gewordene Jugendliche ihre Sozialstunden ableisten, der Kaffee einen Euro kostet und man einen schönen Rundumblick auf die vorfrühlingshaft matschige Grünfläche hat. Geradezu mediterrane Verhältnisse seien das damals gewesen, sagt Schulz. Die Zeit nach der Schule habe man auf der Straße und vor allem auf dem Platz verbracht. „Prosa braucht einen Ort“, sagt der Schriftsteller und schnäuzt sich, „daraus erwächst erst die Konkretheit von Poesie.“ Friedrichshain, benannt nach dem gleichnamigen Park, der 1848 zu Ehren des Preußenkönigs angelegt wurde, hat es als Ort jedenfalls film-, literatur- und berlingeschichtlich in sich.

Karl Marx hat um ein paar Ecken gewohnt, in der Singerstraße wurde Jakob van Hoddis geboren und „Die Legende von Paul und Paula“ gedreht. „Das Leben der Anderen“ entstand teils in der Wedekindstraße, „Good Bye, Lenin!“ in der Berolinastraße, in „Lola rennt“ wurde die Oberbaumbrücke verewigt.

In den Zwanziger- und Dreißigerjahren, als mehr als 300.000 Menschen hier dicht an dicht lebten und damit drei Mal so viele wie heute, war der proletarisch geprägte Friedrichshain ein Zentrum der Linken. Mit ihnen lieferten sich dann die Nazis blutige Kämpfe, Horst Wessel kam dabei ums Leben, kurzerhand wurde der Bezirk triumphierend in „Horst-Wessel-Stadt“ umbenannt. So hieß er dann zwölf Jahre lang, zur Schmach vieler Bewohner.

In der Stalinallee, wie wiederum die Frankfurter Allee einst hieß, begann 1953 der Arbeiteraufstand des 17. Juni. Friedrichshain hat außerdem eine respektable Hausbesetzer-Vergangenheit vorzuweisen, die Schlacht um die Mainzer Straße erlangte 1990 bundesweite Bekanntheit. Allen Sanierungen zum Trotz verfügt ein Friedrichshainer Hauseingang, der etwas auf sich hält, auch heute noch über mehrere Schichten von Graffiti auf möglichst marodem Grund.

Kuscheliges „Erstsemesterviertel“

Sonnabends flanieren Touristen aus England, dem Saarland und Charlottenburg über den Markt auf dem „Boxi“ und erfreuen sich am Anblick schwarz gekleideter Menschen mit grünem Haar. Sonntags treffen sich Eltern-Cliquen mit gewölbten Jacken, aus denen Babyköpfchen ragen, zum Brunch in der Simon-Dach-Straße, in der allsommerlich Auseinandersetzungen wegen Ruhestörung ausgetragen werden. Wem Prenzlauer Berg zu schick und kalt geworden ist, sucht hier die kuschelige Unverbindlichkeit des „Erstsemesterviertels“, wie Schulz es nennt. Kontrastreich sei der Friedrichshain, schwärmen Location-Scouts, zwei Welten prallen hier aufeinander, sagen Gentrifizierungs-Kritiker.

Die Kneipe „Feuermelder“ war im Leben von Torsten Schulz, der in Potsdam Praktische Dramaturgie lehrt, schon immer Erfindung, wie er in der gleichnamigen kleinen Geschichte in seinem Erzählband „Revolution und Filzläuse“ schreibt. Der Vater des Ich-Erzählers trank sein Bier lieber im Freien an der Namen gebenden Feuermeldersäule. In der Kneipe sei er nie gewesen, sagt da der Vater: „Ist eben besser, wenn man sich was vorstellen kann. Muss man gar nicht tatsächlich kennen lernen.“

Wenn man dann doch drin sitzt im heutigen „Feuermelder“, umgeben von Plastik-Totenköpfen, plüschig morbidem Krimskrams und roten Lichterketten, fällt der Blick hinaus auf den Drogeriemarkt Schlecker, die „Gärtner-Bäckerei“ und eine „Manufaktur für Taschen und gute Worte“. Drinnen lautet das Motto „One Step Closer To Hell“, die Karte führt „Eierlikörchen“ für 1,60 Euro. Im Raucher-Nebenraum sitzt ein Berlinale-Taschenträger, am Tresen harren Glatzköpfe, von denen man nicht weiß, ob rechts, links oder beides; ein paar Rocker unterhalten sich auf englisch, eine alte Dame setzt sich umstandslos an die Bar, wo die fröhlich berlinernde, ganzkörpertätowierte Barfrau Heavy Metal auflegt und mit den Gästen würfelt. Von wegen Szenekneipe, hier mischt sich alles. „Auf keinen Fall hip, nix für Touristen“, jubelt ein User im Internet.

Vielleicht ist es diese Mischung aus Kulisse, Phantom und real existierendem Panoptikum, die den „Boxi“ zur derzeit schönsten Leerstelle macht, um die eine Heimatsuche kreisen kann.