Stehende Ovationen gibt es am Ende von „La Peri“ für das Staatsballett. Tulpen und Rosen werden auf die Bühne der Lindenoper geschleudert. Es entlädt sich im Publikum die Faszination an der überbordenden Prächtigkeit. Aber dass diese leichtfüßige Schönheit nur unter Schmerzen geboren werden kann, macht eine kurzfristige Besetzungsänderung vor Premierenbeginn deutlich.
Demi-Solist Arshak Ghalumyan springt für Dmitry Semionov ein. Der Erste Solotänzer war tags zuvor bei der Generalprobe gestürzt und hatte sich einen Bänderriss zugezogen. Ghalumyan, der vom Sklaven in die Rolle des Prinz-Vertrauten Roucem aufstieg, macht beiläufig deutlich, welch viel versprechende Tänzer das Spitzenensemble gleich hinter der ersten Reihe bereithält. Ghalumyan tanzt sich auf kraftstrotzend-elegante Weise immer wieder ins Zentrum der irdischen Jungmännlichkeit. Ein wunderbarer Gegenpart.
Denn eigentlich ist auch diese Premiere wieder ein Abend des Vladimir Malakhov. Der russische Ballettstar zeigt sich in Personalunion als Intendant, als Wiederentdecker, als Choreograph – und nicht zuletzt tanzt er eine Hauptrolle, die des Prinzen Achmed, gleich selbst. Malakhov unterstreicht mit seiner Inszenierung inklusive der aufwendigen Ausstattung, die ihm auf bezauberndste Weise Jordi Roig besorgte, ein weiteres Mal seine Vorliebe für das Romantische Ballett. „La Peri“ von Jean Coralli wurde 1843 auf dem Höhepunkt des Ballerinen-Kultes in Paris uraufgeführt. Das eigentlich handlungsarme Ballett war zeitweilig populärer als „Giselle“, verführte zum Orientalischen und geriet wie jede Mode in Vergessenheit. Verloren sind die choreographischen Notationen, Skizzen von Kostümen und Dekorationen.
Malakhov und Roig haben es aus ihrer Phantasie heraus neu geschöpft, geschickt wird zwischen Märchen und Bilderbuch-Kitsch changiert. Auch im Orchestergraben ist etwas wieder zu entdecken: Die Musik stammt von Friedrich Burgmüller, Spross einer teils dubiosen Düsseldorfer Musikerfamilie. Sein begnadeter Bruder Norbert wird heute noch als Romantiker erwähnt, der Klavierspieler Friedrich widmete sich lieber in Paris dem leichten Musik-Gewerbe. Einzig durch den Bauern-Pas-de-deux in „Giselle“ ist er uns bislang präsent geblieben. Die Staatskapelle unter Paul Connelly zelebriert „La Peri“ mit luftiger wie farbintensiver Note.
Am Ende gewinnt immer die Jugend
Die Compagnie fühlt sich schnell in diese paradiesische Leichtigkeit hinein, es ist der französische Romantikkult des Spitzentanzes ohne Leistungsdruck und Kompliziertheiten, aber mit Verspieltheiten im Orientbild. Das Stück erzählt die Geschichte von Prinz Achmed und seiner sehnsüchtigen Liebe zu einer Peri, einem engelhaften Geschöpf. Die Handlung verschwimmt im Opiumrausch. Es erinnert daran, dass die romantische Ballettkunst, was leider nicht unserem Zeitgeist entspricht, von der Muße lebt. Nicht zuletzt ist der „Fliegende Vladimir“, wie ihn die Russen auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn nannten, in der tänzerischen Bodenständigkeit angekommen. Der 42-Jährige schafft sich gleichsam sein eigenes Repertoire. Dieser romantische Held ist einer, der hinter die Primaballerinen zurück treten muss. Es geht nicht um hohe Sprünge, sondern um große Gesten. Der Prinz muss sich zwischen zwei Frauen, einer Dies- und einer Jenseitigen, entscheiden.
Die Wahl fällt bei der Premiere schwer, man möchte beiden zu Füßen liegen. Beatrice Knop tanzt die eifersüchtige Nourmahal voller Aufbegehren und Reife, Diana Vishneva (als Gast) mit verführerischer Grazie die zierliche Jungfräulichkeit. Am Ende gewinnt, das weiß das Leben, immer die Jugend.
"La Peri" in der Staatsoper Unter den Linden, Berlin-Mitte. Tel.: (030) 20354282 Termine: 4., 11., 12. März und 13., 15. April





