Morgenpost Online: Herr Kockisch, es heißt, Sie mögen keine Interviews. Welche Fragen darf ich Ihnen nicht stellen?
Uwe Kockisch: Sie können mich alles fragen!
Morgenpost Online: Gut, dann erklären Sie uns mal, warum Ihre erste Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule in Berlin mit den Worten endete: Komm bitte nie wieder!
Kockisch: Vielleicht, weil ich größenwahnsinnig geworden war. Ich weiß nicht, was mich damals geritten hat. Aber die Prüfung hatte sich schnell erledigt, und ich stand wieder vor der Tür. Doch dann kam ein Student aus dem 3. Studienjahr und sagte: "Pass auf, ich kümmere mich um Dich." Und der hat dann mit mir gearbeitet.
Morgenpost Online: Und damit begann eine wahre Erfolgsgeschichte. Sie haben inzwischen viele große Film- und Fernsehrollen gespielt. Ihre neueste Produktion ist gerade abgedreht, "Weißensee" mit Katrin Sass und Hannah Herzsprung.
Kockisch: Ja, das ist eine politische Familiensaga, angesiedelt in Ost-Berlin, Anfang der 80er Jahre. Im Mittelpunkt stehen die Kupfers und die Hausmanns. Hans Kupfer und sein ältester Sohn sind hohe Stasi-Offiziere, der jüngste Sohn ist Volkspolizist. Ganz anders die Hausmanns. Die Mutter ist kritische Liedermacherin und wird überwacht, die Tochter gilt als politisch unzuverlässig. Sie verliebt sich ausgerechnet in den jüngsten Kupfer-Sohn. Das Interessante ist, wie die politischen Machtspiele bis in die Familie kommen. Ich spiele den Stasi-Generalmajor, aber ich muss diese Figur verteidigen, wie jede Figur, sonst nehme ich sie nicht an. Und gerade weil dieser Mann nicht gradlinig ist, hat mich das interessiert.
Morgenpost Online: Die Rolle des Commissario Brunetti dagegen hat Sie nicht gleich interessiert.
Kockisch: Ich wusste gar nicht, worum es ging. Ich war bei meiner Mutter und bekam einen Anruf. Und da sagt meine Mutter: "Hast du eben Brunetti gesagt?" " Ja, die haben da irgendeine Reihe". "Den kennst du nicht?" Da hat sie mir alle Bücher von Donna Leon eingepackt, die musste ich mit nach Berlin schleppen. Eigentlich hatte ich keine Lust. Venedig, na ja, also mich lockt keiner wegen der Geografie irgendwohin, und ich mach nicht irgendeine Idiotenrolle, nur weil ich dann auf den Seychellen bin.
Morgenpost Online: Arbeiten Sie in Venedig auch mit italienischen Kollegen zusammen oder kommt die Crew komplett von hier?
Kockisch: Nein, unser ganzes Team ist doppelt besetzt. Einmal alles Deutsche, und einmal alles Italiener, und dadurch ist das auch nicht so eine Touristen-Film-Gruppe, die da durch quer die Gegend marschiert. Wir sind da gegenseitig integriert.
Morgenpost Online: Haben Sie Italienisch gelernt?
Kockisch: Ich habe zu den Italienern gesagt, bitte, tut mir den Gefallen und sprecht nicht Deutsch mit mir, nur Italienisch! Nach einem Jahr kam ich wieder, und die Italiener begrüßten mich mit: "Guten Tag, Uwe!", und ich: "Ach nee, Ihr sollt das nicht machen!" Sie hatten viel mehr Deutsch gelernt, als ich Italienisch.
Morgenpost Online: Immer wenn ich Sie als Commissario im schnellen Boot auf Venedigs Kanälen sehe, denkt man, wie schafft er das, nicht zu wanken bei den rasanten Fahrten?
Kockisch: Na, ein Brunetti wird sich doch nicht festhalten! (lacht) Aber vielleicht hab' ich mir ein paar Tricks abgeguckt und steh' deshalb jetzt einfach so da.
Morgenpost Online: O.k., es bleibt Brunettis Geheimnis. Was kommt denn demnächst noch?
Kockisch: Ein Film, den ich zusammen mit Anja Kling, Inka Friedrich, Marie Bäumer, Benno Fürmann und Thomas Kretschmann gedreht habe, er heißt "Die Grenze". Den wollten viele Sender nicht machen, weil er ihnen zu utopisch oder zu heiß war. Das ist ein politischer Science-Fiction-Film. Deutschland in der Zukunft: Die wirtschaftliche Lage hat sich extrem verschlechtert. Ein Terroranschlag im Nahen Osten verschärft die Situation noch, und die politischen Lager radikalisieren sich. Mecklenburg-Vorpommern wird von Straßenkämpfen erschüttert, und es wird quasi wieder eine Mauer gebaut. Ein heftiges Ding.
Morgenpost Online: Sie kommen zu jedem Dreh aus Madrid geflogen, wo Sie jetzt wohnen. Wie bekommt Ihnen der spanische Lebensstil?
Kockisch: Sehr gut. Wunderbar. Mir gefällt die große Gelassenheit
Morgenpost Online: Vor kurzem stand irgendwo der Satz: Alle werden älter, nur Kockisch nicht. Ist das dieser spanische Einfluss?
Kockisch: Nein (lacht herzhaft), ich habe einfach nur aufgehört, Alkohol zu trinken.
Morgenpost Online: Haben Sie in Madrid ein anderes Lebensmodell?
Kockisch: Ja, alles ist entspannter. Und dann kommt noch das Licht dazu. Das Licht, mehr ist es eigentlich nicht, die Temperatur ist gar nicht mal so ausschlaggebend.
Morgenpost Online: Sie lächeln so vielsagend, ist außer dem Licht vielleicht noch eine Frau im Spiel? Vielleicht eine Spanierin?
Kockisch: Nein. Ja. Nein. Doch. Ein Freund hat mich verkuppelt. Der hat mich mitgenommen, als er in Madrid eine gute Freundin besuchte. Und als die Tür aufging, dachte ich: Bitte nicht, nein. Ich hatte mich so schön daran gewöhnt, all diese Dinge nicht mehr zu tun, die mit Beziehungen und Komplikationen zu tun haben, denn es war immer alles anders geworden, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich war grad so zufrieden mit mir nach einem Jahr allein.
Morgenpost Online: Aber das war dann wohl vorbei...
Kockisch: Das war dann plötzlich vorbei, und ich konnte mich auch nicht dagegen wehren, aber es ist keine Spanierin, sondern eine Deutsche, aber mit spanischer Gelassenheit.
Uwe Kockisch ist Jahrgang 1944, studierte an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin und war mehr als 20 Jahre am Maxim Gorki Theater engagiert, später zwei Jahre an der Schaubühne. Er spielte im "Tatort" und "Polizeiruf 110" und verkörpert seit 2003 den Commissario.
Das Gespräch führte Elke Bitterhof.



