Morgenpost Online: Herr Kockisch, ob in „Die Grenze“, „Der Tunnel“ oder jetzt „Weißensee“ – immer wieder spielen Sie überzeugte Alt-Kommunisten und Stasimänner. Ist das Ironie der Geschichte? Suchen diese Rollen Sie?

Uwe Kockisch: Ich habe mich auch schon gefragt, ob ich jetzt zum Experten für Ostthemen werde. Aber das ist reiner Zufall, da steckt keine Absicht dahinter.

Morgenpost Online: Sie haben aber keine Berührungsängste?

Kockisch: Nein, das ist eine Rolle wie jede andere.

Morgenpost Online: Ihre Figur ist nicht ohne Provokation: ein Stasi-Mann, der eigentlich das Gute will. Sonst gibt es ja nur die Klischee-Stasileute.

Kockisch: So ein Apparatschik, das wäre ja ein Klischee. Das hat mich gerade gereizt, dass da jemand an die Utopie einer neuen Gesellschaft glaubt und langsam stutzig wird, wie dieses neue Regelwerk abläuft. Mir war aber wichtig, dass dieser Stasi-General in einen Konflikt kommen muss. Dass er weiß, wozu der Apparat fähig ist, und sich dennoch dagegenstellt. Wäre er von heute auf morgen zum Widerständler geworden, das wäre zu einfach gewesen.

Morgenpost Online: Sie haben auch im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen und in der ehemaligen Stasi-Zentrale gedreht. Sind das Drehorte wie alle anderen oder überkommt einen da doch ein merkwürdiges Gefühl?

Kockisch: Erst mal ist es nur ein Drehort. Aber natürlich gibt es auch Drehpausen... Ich war vorher noch nie da. Aber ich habe mir das dann angesehen. Allein, in Ruhe, ohne Führung, was sonst ja nicht so einfach ist. Es ist schon sehr bedrückend.

Morgenpost Online: Sie haben Ihre eigenen Erfahrungen in der DDR gemacht. Kommt das in einem wieder hoch, wenn man so etwas dreht?

Kockisch: Das ist Schnee von gestern. Das habe ich die ganze Zeit mit mir gehabt – zu einer Zeit, als man darüber nicht sprach. Jetzt könnte ich darüber sprechen. Aber dazu brauche ich keinen äußeren Anlass. Natürlich werden Erinnerungen wach, schon richtig. Aber es wäre zu vermessen, das zusammenzubringen. Mit der Stasi hatte ich nichts zu tun, nicht dass ich wüsste. Mir gegenüber saß ein Kriminalpolizist.

Morgenpost Online: Sie wollten 1961 mit einem Kutter in den Westen flüchten. Sie waren damals 17.

Kockisch: Wir waren zu viert. Einer war verlobt, wollte seine Verlobte aber nicht mitnehmen. Sie hat das dann der Polizei gemeldet. Jetzt kann man das natürlich erzählen als Geschichte einer Verräterin. Aber ich sehe es heute anders herum. Es war Eifersucht. Sie fühlte sich verraten, von ihm. Da verschwimmen die klaren Opfer-Täter-Rollen. Und so gesehen kann ich das verstehen; ich muss das nicht gutheißen, aber ich kann es verstehen.

Morgenpost Online: Dennoch sind drei weitere dadurch ins Gefängnis gekommen.

Kockisch: Rache ist ja was Irrationales. Da ist das Gehirn ausgeschaltet. Das Politische hatte gar nichts damit zu tun.

Morgenpost Online: Sie saßen ein Dreiviertel Jahr im Gefängnis. Später haben Sie einmal gesagt, Sie seien dadurch zehn Jahre reifer geworden.

Kockisch: Ja, das habe ich gesagt. Das war für mich wie ein Dauerschockzustand. Man tut ja nur, was einem gesagt wird, und hält den Mund. Man ist kein Subjekt mehr, man ist Objekt, man kann nicht mehr selbst entscheiden. Das hat mich ganz schnell reifen lassen. Als ich rauskam, war ich schon ein Anderer. Aber traumatisch war das nicht für mich. Es betrifft mich heute nicht mehr. Und ich kann wirklich sagen: Es hat mir auch viel gebracht.

Morgenpost Online: Das mag man kaum glauben.

Kockisch: Man muss das dialektisch betrachten. Man war da ein Objekt, aber ich kann jetzt, als Subjekt sagen, was es mir an Positivem gebracht hat. Für meinen Beruf als Schauspieler und für viele andere Sachen. Ich habe Dinge, die ich mir damals nicht hätte ausdenken können, erlebt – und abgespeichert. Wie Menschen unter bestimmten Umständen reagieren etwa, das habe ich mir gemerkt. Das sind Erinnerungen, die ich nutzen konnte. Natürlich möchte ich trotzdem auch heute noch nicht in Räume ohne Türklinken gehen. Aber das geht ja wohl jedem so.

Morgenpost Online: Wie haben Sie es geschafft, danach überhaupt Schauspieler zu werden? Und an der staatlichen Schauspielschule Ernst Busch aufgenommen zu werden?

Kockisch: Durch Unwissenheit, man kann auch sagen: Dummheit. Ich wusste ja nicht, dass ich mich als Vorbestrafter gar nicht hätte bewerben dürfen. Ich habe in Cottbus am Theater als Nachtpförtner angefangen, ich musste nach dem Gefängnis ja irgendeine Arbeit nachweisen. Und eines Tages bin ich nach Berlin, zum Vorsprechen. Die Prüfung nahm die Schauspielerin Doris Thalmer ab, die schickte mich gleich wieder nach Hause. Draußen fing mich aber ein Student aus dem dritten Studienjahr ab, der hat mir Mut zugesprochen und später auch ein bisschen Nachhilfe gegeben. Ich bin also noch mal hin – und landete wieder bei Doris Thalmer. Aber auch da gibt es eine Dialektik: Der Direktor der Busch-Schule, Rudolf Penka, hat für mich gebürgt. Der war im Krieg das jüngste Mitglied des tschechischen Widerstands, der wurde verhaftet, gefoltert. Ein glühender Anhänger der neuen Gesellschaft, und der hilft einem ideologischen Gegner! Keine Ahnung, woher er das eigentlich gewusst hat. Er muss ja auch in diesem Informationsfluss gesteckt haben.

Morgenpost Online: Sie spielten dann über 20 Jahre als festes Ensemblemitglied im Maxim Gorki Theater und durften sogar, noch zu Mauerzeiten, zu Gastspielen in die Bundesrepublik.

Kockisch: Da wurde auch verhandelt, ohne mein Wissen: Nehmen wir den jetzt mit oder nicht? Wäre ich mitgekommen und abgehauen, hätten sie gleich einpacken können. Hätten sie mich zuhause gelassen, hätte sich sofort die Presse darauf gestürzt. Aber, so verrückt es auch ist, der wiederholte Bericht eines IM über mich aus der Kantine hat sie letztlich bewegt, mich mitzunehmen. Ich hatte damals schon meine zwei Söhne, ich hätte nie abhauen und sie zurücklassen können. Niemals! Und das stand in diesen Akten.

Morgenpost Online: Haben Sie später jemals Einblick in Ihre Akten genommen?

Kockisch: Ja, schon. Das habe ich getan, aber…

Morgenpost Online: Sie wollen über all das eigentlich gar nicht gern sprechen.

Kockisch: Das stimmt, das ist schwer für mich. Zum einen ist das wirklich Schnee von gestern. Und dann bin ich Schauspieler, ich trenne gerne die Rolle von der Person. Als Schauspieler, der nun mal in der Öffentlichkeit steht, brauche ich einen Rest für mich selbst. Ich rede nicht gern über mich, ich gehe auch nicht gern zu Talkshows. Ich will nicht hausieren gehen mit meiner Biographie. Es gibt genug, die das tun.