Bella, bella Italia! Land der Sehnsucht und Träume. Ewiges Arkadien, Reich der Schönheit. So ergeht es nicht nur uns, auch Generationen von Künstlern und Literaten hungerte es Jahrhunderte lang nach südlichen Mythen und Stimmungen. Wer Geld hatte, begab sich gerade im 18. und 19. Jahrhundert auf Bildungsreise in den Süden.

Goethe veröffentlichte seine "Italienische Reise", Carl Blechen hinterließ sein wundersames Amalfi-Skizzenbuch. Der Name irritiert etwas, weil es bei den 66 losen Blättern fraglich ist, ob sie jemals als Einheit gebunden waren. Dieser in seiner mediterranen Zartheit kaum zu übertreffende Schatz ist nun nach einer Schau in Hamburg erstmals vollständig in der Alten Nationalgalerie unter dem Titel "Mit Licht gezeichnet" zu sehen. Diese Kollektion ist Herzstück von Blechens vierzehnmonatiger Italienreise im Jahr 1828, obgleich noch Hunderte andere Zeichnungen und Ölskizzen entstanden. Das Amalfi-Skizzenbuch gehört heute, was nicht vielen bekannt sein dürfte, zum prominenten Bestand der Kunstsammlung der Akademie der Künste. Lange war das Konvolut in Folge der Teilung Deutschlands getrennt, erst mit der Fusion der Akademien 1993 ist wieder zusammen, was zusammen gehört.

Amalfi ist ein Glücksfall. Zwar waren die mit Sepia lavierten Ansichten oder die zwei Aquarelle vereinzelt ausgestellt, doch jetzt sind diese extrem lichtempfindlichen Arbeiten, zwanzig mal dreißig Zentimeter groß, eben als Ganzes zu bestaunen. Das wird nicht mehr allzu oft vorkommen: diese durch und durch sonnendurchfluteten Blätter können leider nur im Dunkel des Archivs überleben.

Die Alte Nationalgalerie besitzt weltweit die größte Blechen-Sammlung und präsentiert die Amalfi-Blätter dem zufolge mit den Ölgemälden dieses genialischen Malers. Ein Glanzpunkt ist dabei sicher das Bild "Weg nach Castel Gandolfo", das seit dem Zweiten Weltkrieg als verschollen galt und kürzlich wieder - via Kunsthandel - in den Besitz der Stiftung gelangte. Zeichnungen wie später entstandene Ölgemälde laden zum willkommenen Vergleich ein. Die Skizzen sind zwar eigenständig, doch dienten sie Blechen später im Atelier als Vorlage und Inspiration. Unschwer zu erkennen, dass eines seiner großformatigen Hauptwerke, die "Schlucht bei Amalfi" (1831) nach dem Blatt "Bergschlucht" (1829) entstand.

Gemälde und Skizzen ergänzen sich

Carl Blechen steht heute in prominenter Reihe mit den Großen der Landschaftsmalerei - Caspar David Friedrich, Arnold Böcklin und Willliam Turner. Sein Amalfi-Skizzenbuch gilt in der Forschung als Markenstein in der Zeichenkunst des 19. Jahrhunderts. Schon Fontane hatte ein Faible für Blechen, er wollte sogar über den "Malergenie ersten Ranges" eine Monographie schreiben. "Am größten und genialsten ist er wohl in seinen Skizzen", notierte er. Eine Materialsammlung hatte er schon angelegt. Warum es nicht dazu kam, ist unbekannt. Allerdings endete Blechens Leben früh, mit 42 Jahren starb er 1840 "im Wahnsinn", wie es heißt. Psychisch labil war er jedoch schon davor gewesen. Ein Jahr später entschied sich Blechens Witwe den Nachlass ihres Mannes an die Königliche Akademie der Künste, deren Mitglied er war, zu übergeben. Blechen ereilte das Schicksal anderer Künstler, die erst posthum zu Ruhm gelangten. Von den Zeitgenossen skeptisch beäugt geriet sein Oeuvre in Vergessenheit - und wurde erst mit dem Impressionismus wieder entdeckt.

Wer sich die Amalfi-Skizzen genau anschaut, ist überrascht, wie ungeheuer modern diese Blätter in Bleistift, Sepia, Graphit, Aquarell oder Feder sind. Atmosphärisch derart dicht, dass man glaubt irgendwo in der flirrenden Hitze an der neapolitanischen Küste zu stehen. Sie zeigen die Region zwischen Neapel und Amalfi, Pompeji, Amalfi selbst, das Mühlental sowie einige Dörfer, die Blechen auf seiner Wanderung nach Ravello festhielt: Grotten, Kirchen, Kreuzgänge, Ruinen, Häuser am Berghang, Schluchten oder Gebirgsstraßen.

Überall flirrende Hitze

Dabei überblenden sich vereinzelt die Motive, als würde die Sonne ihre Konturen auflösen. Büsche oder Bäume werden zu vibrierenden Lichtpunkten. Selbst die Schatten scheinen durchdrungen von geradezu schäumender Helligkeit.

Eine Stille, eine Leere. Jenes Gefühl, das man verspürt, wenn man mitten in der südlichen Mittagsglut irgendwo auf einer menschenleeren Piazza steht. Die Welt löst sich auf in eine flüchtige Transparenz. Diese Sicht entsprach so gar nicht dem Typus der gängigen, klassischen Italienbilder der Zeit. Unspektakulär waren für die damalige Auffassung auch die Motive, ebenso ungewöhnlich wie die subjektiven Perspektiven, die sich auf Details konzentrieren und weniger auf ein vollständiges Landschaftspanorama. Menschen fehlen ohnehin, sollten die dennoch auftreten, dienen sie ausschließlich der Staffage. Wegen seiner dramatischen Inszenierung und Aufwertung des Lichtes gilt Blechen als Vorreiter der Impressionisten.

Mit der Italienreise 1828 verwirklichte sich Carl Blechen einen langen Traum. Spät, mit über Zwanzig kam er zur Malerei, er studierte an der Berliner Akademie. Geld fehlte. Es muss ihn gequält haben, 1824 nahm er eine Stelle als Dekorationsmaler am Königstädtischen Theater an - Schinkel, sein Freund und Förderer hatte sich für ihn eingesetzt. Auf Empfehlung Schinkels wurde ihm später die Leitung einer Landschaftsklasse an der Akademie angeboten. Allerdings litt Blechen zunehmend unter Depressionen, so stark, dass er 1836 beurlaubt und in eine Klinik eingewiesen wurde. Italiens Schönheit hat ihn lange beschäftigt, doch retten konnte den kranken Künstler auch Arkadien nicht.

Alte Nationalgalerie Bodestr. 1-3, Mitte. Di-So 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr. Tel. 2090 5801. Der hervorragende Katalog kostet 35 Euro.