Hoher Besuch im Berliner Ensemble: Bundespräsident Horst Köhler, bekennender Gegner des Regietheaters, gab sich die Ehre. Zwei Reihen vor ihm, aber am Rand, saß Franz Müntefering, ebenfalls von der Gattin begleitet. Zahlreiche weitere Politiker waren gekommen, um am Dienstagabend die Premiere von Thomas Langhoffs Inszenierung des „Nachtasyls“ zu sehen.

Nun gehört dieses von Maxim Gorki 1901 geschriebene Stück, das 1902 von Stanislawski am Moskauer Künstlertheater uraufgeführt wurde und 1903 seine deutsche Erstaufführung im Kleinen Theater Unter den Linden erlebte, zweifellos zum Kanon sozialdemokratischer Dramatik, ist also gewissermaßen eine Pflichtveranstaltung. Gerade in Zeiten, in denen sich die Partei neu definieren und wieder auf ihre klassische Klientel besinnen will. Möglicherweise wartet Sigmar Gabriel noch die Empfehlung von Franz Müntefering ab, bevor er sich selbst ins Berliner Ensemble aufmacht.

Man kann ihm eigentlich nur davon abraten. Nicht, weil die am Boden der Gesellschaft angekommenen „Nachtasylanten“ wahrscheinlich eher die Linkspartei wählen würden. Sondern weil der Abend trotz einer – angesichts der umfangreichen Vorlage – moderaten Länge von gut zwei Stunden geräuschvoll am Zuschauer vorbeirauscht.

Bühnenbildner Alexander Wolf hat ein mehrstöckiges Matratzenlager eingerichtet, leere Mineralwasserkisten dienen als Sitzgelegenheit und aufeinander gestapelt auch mal als Kartentisch. Die Seiten des Asyls sind mit einer Plastikplane abgehängt, so dass auch die hübschen Dekorationen des Berliner Ensembles die Tristesse auf der Bühne nicht stören. Passend dazu hat Kostümbildnerin Ellen Hofmann die Verstoßenen und Verlorenen, die Diebe, Trinker, Falschspieler, Dirnen, Wahrheitssucher und Schwätzer eingekleidet, einigen sogar Anzüge spendiert. So wie dem Baron (Thomas Wittmann), dessen Hosenstall stets offen steht.

In Langhoffs Inszenierung wird ausgiebig gebrüllt, geröchelt, gerauft, gesoffen, gestritten, gezockt und gefeilt – Schlosser Mitritsch (Axel Werner als personifiziertes Leiden) geht in dem Nachtasyl seinem Broterwerb nach, was nicht nur an den Nerven der Mitbewohner, sondern auch an denen der Zuschauer zehrt. Was irgendwie realistisch daherkommen soll, wirkt überhaupt nicht authentisch: Keine Sekunde wird man das Gefühl los, dass hier Theater gespielt wird.

Für Lichtblicke in einem blassen 17-köpfigen Ensemble sorgen Roman Kaminski als versoffener Schauspieler und die beiden geistigen Gegenspieler Satin und Luka, die allerdings eher nebeneinander agieren: Alexander Lang spielt den Zyniker und Christian Grashof erfreulich uneitel Luka, den guten Menschen des Nachtasyls, der die Sterbenden tröstet und den Lebenden neue Perspektiven aufzeigt.

Langhoffs Inszenierung hat wenig Bezug zur Gegenwart, auch wenn der Bühnenbildner diesen herzustellen versucht. Vielleicht hätten sich die beiden lieber an Peter Steins „Zerbrochnen Krug“ am selben Haus orientieren sollen – dem Musterbeispiel einer perfekten musealen Inszenierung. Bei Langhoff aber bleibt Gorkis „Nachtasyl“ irgendwo zwischen Russland und Deutschland, zwischen 1902 und 2010 hängen.

Berliner Ensemble Bertolt-Brecht-Platz.1, Mitte. G.284.08.155, Termine: 19.1., 20 Uhr und 30.1., 19.30 Uhr.