„Was glaubst du, wie lang muss man warten?“, fragt eine junge Frau ihren Partner, als sie eine lange Menschenschlange sehen, die vom Strand über einen Steg reicht. Auf Naoshima, einer für Museen bekannte Insel an der Südküste Japans, bietet dieser Steg die ideale Gelegenheit für ein sensationelles Foto: Umgeben von türkisblauem Wasser macht sich da ein riesiger Kürbis breit, knallgelb mit sehr vielen schwarzen Punkten. Gut zehn Minuten muss man für seinen Moment warten. Selfie, Querformat, Hochformat.

Donnerstag
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Wobei diejenigen, die sich genauer mit Gegenwartskunst beschäftigen, schon vorher wissen, dass dieser Kürbis längst nicht mehr einzigartig ist. Kusamas Kürbisse tauchen an zahlreichen Orten weltweit auf. Über die Jahre wurde er zu einem Markenzeichen – einerseits für ihre Schöpferin Yayoi Kusama, die schon seit Jahrzehnten ein wichtiger Name in der Kunstwelt ist, andererseits für die Orte, an denen die Kürbisse leuchten. Denn Kusama-Werke schmücken: als immersiv, weltoffen, neurodivers, lustig-trotzig?
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Yayoi Kusama: Japanische Künstlerin brach regelmäßig Rekorde
Nun stellte sich am Donnerstag heraus, dass Kusama am 14. August im Alter von 97 Jahren mit mehrfachem Organversagen gestorben ist. Wohl keine bildende Künstlerin aus Japan hat der Welt über die vergangenen Jahrzehnte derart ihren Stempel aufgedrückt wie Yayoi Kusama. Neben fetten Kürbissen wären da die „Infinity Nets“, schier endlose Netze aus Bögen und Punkten, die fast beruhigend wirken, oder die „Infinity Rooms“, die durch Lichter und Spiegel Unendlichkeit erscheinen lassen. Mit ihren dicken Punkten, Polka Dots genannt, sind Gegenstände bemalt, mit knalligen Farben zum Strahlen gebracht. Wie eine wilde Mangawelt in echt.
Wo Yayoi Kusama über die Jahre ihre Werke ausstellen ließ, brach sie Rekorde. 2017 strömten um die 160.000 Menschen ins Hirshhorn Museum in Washington DC, was dort kein Künstler zuvor geschafft hatte. Im Kölner Museum Ludwig, das bis Anfang August Kusamas Werke ausstellte, wurde mit gut 450.000 Besucherinnen ein 20 Jahre alter Rekord geknackt. „Wir haben mit einem großen Erfolg gerechnet, sind aber jetzt doch überrascht, wie groß der Erfolg ist“, erklärte Museumsdirektor Yilmaz Dziewior der ARD.
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„Time“ kürte Kusama zu einer der 100 einflussreichsten Personen der Welt
Schließlich zählt Kusama – insofern wohl in einer Liga mit Figuren wie Rembrandt, Picasso oder Hirst – zu jenen Personen der Kunst, deren Name einfach immer zieht. Das US-amerikanische Magazin „Time“ erklärte sie 2016 zu einer der 100 einflussreichsten Personen der Welt. Luxusmarken wie Louis Vuitton oder Veuve Clicquot sind hochdotierte Kooperationen mit ihr eingegangen. Im Tokioter Stadtteil Shinjuku steht schon länger ein Kusama-Museum. Ihre Bilder sind für Millionen Euro verkauft worden.

Was zur Beliebtheit Kusamas Kunst wohl beigetragen hat, ist der überstrapazierte Begriff der Authentizität, der hier aber passt: Yayoi Kusama malte und schuf das, was ihr vor dem inneren Auge erschienen war. Schon als kleines Kind hatte sie Halluzinationen, mit dem Eindruck, Kürbisse, Hunde und andere Gegenstände oder Wesen sprächen zu ihr. „Immer wenn so etwas passierte, rannte ich nach Hause, um zu malen, was ich gesehen hatte“, schrieb Kusama 2002 in ihrer Biografie. Das Malen half, Ängste abzubauen.
„Musste mit meinen Ängsten und Halluzinationen allein klarkommen.“
Heute ist künstlerisches Arbeiten als Form der Therapie etabliert. Kusama, in deren Jugendzeit Japan faschistische Züge annimmt, kann als Pionierin gelten: „Psychiatrie war damals nicht so anerkannt wie heute und ich musste mit meinen Ängsten und Halluzinationen allein klarkommen.“ Zumal die Mutter der kleinen Yayoi mal ihre Bilder zerrissen haben soll, weil sie so eine Beschäftigung wohl für Zeitverschwendung hält. Nach der Schule darf sie dennoch Kunst in Kyoto, der Kulturhauptstadt, studieren.
Als Kusama sich als junge Frau nach New York aufmacht, wird das Verhältnis zur Familie erneut belastet, das Selbstvertrauen auch. Denn zunächst erlebt Yayoi Kusama dort nur Misserfolg, was ihre schwierige psychische Situation kaum verbessert. Doch früher oder später setzen sich ihre knalligen Kürbisse in der New Yorker Szene durch. Als sie 1973 nach Japan zurückkehrt, ist sie schon ein Kunstpromi.
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So sehr, dass man ihr in Tokio ein Atelier einrichtet, womit es ihr möglich wird, in einer Psychiatrie zu leben und weiterhin schöpferisch aktiv zu sein. Mit Kusamas offen gelebten psychischen Problemen rettet sie nicht nur sich selbst, sondern provoziert in einem Land, das noch lange kaum von Offenheit gegenüber Abweichungen von der Norm geprägt ist, auch mehr Akzeptanz für Diversität. Kusama trägt bald Perücken in den knalligsten Farben, passend zu ihren Bildern und Skulpturen.
Häufig lösen große Persönlichkeiten aus der Kunst einen neuen Boom um ihr Schaffen aus, wenn sie verstorben sind. Hätte das Museum Ludwig in Köln noch einige Wochen länger die Werke Kusamas ausgestellt, wären jetzt womöglich neue Dimensionen des Andrangs erreicht worden. Aber nun kommt dies sicher aufs nächste Museum zu, das ihre Arbeiten zeigen darf.








