Plötzlich steht der kleine Bruder hinter ihr. Und fragt, ob er sie ein Stück begleiten dürfe. Umay freut sich. Früher hat sie ihn gehütet, hat ihm die Windeln gewechselt. Jetzt hat sie einen eigenen kleinen Jungen an ihrer Hand, der sie an ihn erinnert. Und der Bruder ist der Einzige in der Familie, der noch den Kontakt zu ihr sucht. Glaubt sie. Doch dann zückt er eine Pistole.

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So beginnt, maximal schockierend, der Film „Die Fremde“ aus dem Jahr 2010, der mitten in unserer vermeintlich so offenen Gesellschaft ein Paralleluniversum eröffnet, vor dem viele gern die Augen verschließen, und ein Tabuthema aufgreift, das als sogenannter „Ehrenmord“ bezeichnet wird. Ein menschenverachtendes Unwort, das auch durch Anführungszeichen oder das vorgestellte Beiwort nicht besser wird. Handelt es sich doch klar um Femizid, die vorsätzliche Tötung einer Frau.

Der Kampf einer jungen Frau um Selbstbestimmung

Der Film von Feo Aladağ startete fünf Jahre nach der Ermordung von Hatun Aynur Sürücü durch ihren jüngsten Bruder, auf offener Straße in Berlin. Ein Fall, der damals durch die Medien ging und den Film maßgeblich inspiriert hat. In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen genuinen Berlin-Film zeigt, wird er am 1. September nun noch einmal vorgestellt.

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In Rückblenden erzählt Aladağ das Schicksal einer Deutschtürkin, die in Berlin geboren und aufgewachsen ist, dann aber in die Türkei verheiratet wurde und dort unter einem gewalttätigen Mann leidet. Bis sie ihn eines Tages mutig verlässt, mit ihrem kleinen Sohn. Die Eltern freuen sich zunächst, als Umay (Sibel Kekilli) vor ihrer Tür steht, glauben sie doch an einen Überraschungsbesuch. Aber als die Tochter erklärt, sie werde nicht zu Kemal zurückkehren und wolle wieder bei ihnen wohnen, sind sie bestürzt. Und wollen vermitteln. Der Gatte indes verstößt Umay, beschimpft sie gar als „Deutschländerhure“. Seinen Sohn aber, den will er zurück. Als ihr Vater das einfädeln soll, packt Umay erneut ihre wenigen Sachen und will des Nachts fliehen. Weil die Tür aber versperrt ist, ruft sie die Polizei, die sie ins Frauenhaus bringt.

Die Stadt wirkt anfangs selbst wie ein Gefängnis. Erst langsam weitet sich der Blick

Berlin scheint hier anfangs die Verheißung. Die Stadt, in der Umay in vermeintlicher Freiheit aufgewachsen ist. Aber die zeigt sich hier lange nur als weiteres Gefängnis, weil die meisten Szenen erst mal in der elterlichen Wohnung spielen, auf wenigen Quadratmetern, bei bedecktem Licht. Was klaustrophobisch wirkt und wirken soll. Als Umay ins Frauenhaus flieht, weitet sich der Blick, holt auch der Film etwas Luft. Atmet mit Umay auf, die mit einer Freundin wieder etwas Alltag genießt, in einer Großküche arbeitet, dort auch einen neuen Mann kennenlernt. Und nebenbei ihren Schulabschluss nachholen will. Erstmals sieht man die junge Frau dabei lächeln. Aber sie wird auf der Straße erkannt. Und bald steht der älteste Bruder randalierend vor dem Frauenhaus, wirft gar einen Stein in ihr Fenster. Woraufhin Umay ein drittes Mal flieht.

Kultur
Nach ihrer Flucht aus dem Elternhaus scheint Umay erstmals glücklich. © picture-alliance / dpa | German Film Festival/ HO

Klug vermeidet der Film einfache Schuldzuweisungen. Zeigt ein Stück türkisches Leben in Berlin, ohne dabei zu verallgemeinern und eine ganze Bevölkerungsgruppe oder Glaubensgemeinschaft per se anzuklagen. Der Vater (Settar Tanrıöğen) ist kein religiöser Eiferer, leidet aber unter dem schwindenden Ansehen in der türkischen Gemeinde. Bei der Mutter (Derya Alabora) ahnt man in kurzen Blicken, dass sie sich eine ähnliche Freiheit gewünscht hätte, auch wenn sie die Familie dann am vehementesten über alles stellt.

Ein starkes Filmdebüt, klar aus der Perspektive des Opfers erzählt

Da ist der kleine Bruder (Serhad Can), der am längsten zu Umay hält. Die Schwester (Almila Bagriacik), die heiraten will, deren Verlobung aber wegen der „Schande“ aufgelöst wird. Selbst der große, fanatisierte Bruder (Tamer Yiğit) wirkt am Ende nur wie ein Vollstrecker mikro-gesellschaftlicher Zwänge. Und doch wird diese monströse Geschichte eines Ehrenmordvorhabens ganz klar aus der Perspektive des Opfers erzählt, das keines sein will. Das aber erst an den sozialen Rand ihrer Community gedrängt und schließlich zur Vogelfreien erklärt wird.

Feo Aladağ war erst Schauspielerin, bevor sie mit ihrem damaligen Mann, dem Regisseur Züli Aladağ („Wut“), erste Drehbücher schrieb, unter anderem für die vielbeachtete „Tatort“-Folge „Mutterliebe“ (2005). Sie führte dann auch Regie. Erst bei Werbefilmen, nicht nur für Marken, sondern auch für eine Kampagne von Amnesty International zum Thema Gewalt gegen Frauen. Durch Recherchen zu diesem Spot stieß Aladağ auf Fälle wie den von Hatun Sürücü. Und verarbeitete das in ihrem ersten Spielfilm, für den sie auch das Drehbuch schrieb.

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Ein starkes Debüt. Mit dem die Novizin mutig ein Reizthema aufgriff und doch hochsensibel in Szene setzte. Ohne in Schwarzweißklischees zu verfallen, wird da vom Kampf einer jungen Frau um Selbstbestimmung in zwei verschiedenen Wertesystemen erzählt. Von einem Leben auf der Flucht, zwischen Emanzipation und Annäherungsversuchen zur Familie schwankend. Ein Plädoyer für Toleranz und Dialog, das zugleich veranschaulicht, wie menschenverachtend der fehlgeleitete Ehrbegriff ist.

Die Fremde
Regisseurin Feo Aladağ  (l.) 2010 mit ihrer Hauptdarstellerin Sibel Kekilli.© picture alliance / dpa | Karim Selmaoui Epa

Einen Glücksgriff bewies Aladağ auch in der Besetzung. Denn „Die Fremde“ ist ganz der Film von Sibel Kekilli. Die wurde 2004 mit dem Berlinale-Sieger „Gegen die Wand“ schlagartig berühmt, danach aber eher schubladenmäßig besetzt und unterfordert. Bis „diese große Fremde des deutschen Films“, wie „Der Spiegel“ das etwas pathetisch beschrieb, hier die zweite große Rolle ihres Lebens bekam und diese wie keine zweite spielte.

Die tränenreiche Dankrede von Sibel Kikelli war zugleich ein flehentlicher Appell

Auch dieser Film erlebte seine Uraufführung 2010 auf der Berlinale, aber nicht im Wettbewerb, sondern nur im Panorama. Eine Fehlentscheidung. Vielleicht hatte das Auswahlgremium das Potenzial des Films nicht erkannt. Oder auch Angst vor seiner politischen Brisanz. Vier Monate später war der Film mit sechs Nominierungen (unter anderem auch für Regie und Drehbuch) ein Favorit beim Deutschen Filmpreis und gewann eine Lola in Bronze für den Besten Film und eine Silberne für die beste Hauptdarstellerin. Später wurde er auch als deutscher Kandidat ins Rennen um den Auslands-Oscar geschickt (auch wenn er dort nicht unter die Nominierten kam).

Unvergessen der Moment, als Sibel Kekilli 2010 die Lola erhielt. Wie sie es gar nicht fassen konnte. Barfuß auf die Bühne musste, weil sie die Schuhe abgestreift hatte. Aber dann nicht die übliche Dankesrede hielt, sondern einen flehentlichen Appell richtete: „Liebe Produzenten, liebe Regisseure, ich, weiblich, von Beruf Schauspielerin, Spielalter vielleicht noch 23 bis 30, bin an guten Stoffen interessiert.“ Der Ruf wurde kaum erhört. Brachte ihr nur eine Rolle als Kommissarin im Kieler „Tatort“ ein. Erst mit der Serie „Game of Thrones“ konnte sich die Schauspielerin freispielen und auch international beweisen.

Spaziergang mit dem Filmproduzenten Benjamin Herrmann in der Fasanenstraße
Filmproduzent Benjamin Herrmann.© Reto Klar | Reto Klar

Nach 15 Jahren werden Feo Aladağ und Sibel Kekilli ihren Film nun noch einmal im Zoo Palast präsentieren. Gemeinsam mit Produzent Benjamin Herrmann. Denn mit diesem Abend wird noch ein kleines Jubiläum gefeiert: 20 Jahre Majestic. Im Jahr 2006 hatte Herrmann als damals wohl jüngster deutscher Filmproduzent sein Unternehmen gegründet. Mit dem Ziel, wenige ausgewählte, aber anspruchsvolle Filme zu produzieren und zu verleihen. Schon mit den ersten Titeln ging diese Strategie voll auf: von Doris Dörries „Hanami-Kirschblüten“ (2008) bis zu Florian Gallenbergers „John Rabe“ (2009).

Auch Feo Aladağs nächster Film „Zwischen Welten“, ein Drama um den Bundeswehreinsatz in Afghanistan, wurde 2014 von Herrmann verliehen. Zuletzt kamen aus dem Haus Majestic der Dokumentarfilm „Riefenstahl“ ins Kino und das Ehedrama „Und dann passiert das Leben“ mit Rabe-Star Ulrich Tukur und Anke Engelke. Als nächstes starten, noch diesen Herbst, das Rudersportdrama „Adams Acht“ (17. September) und der Dokumentarfilm „Biermann“ (29. Oktober).

Zoo Palast, 1. September, in Anwesenheit von Feo Aladağ, Sibel Kekilli und Benjamin Herrmann. Hier gibt es die Tickets.