Rübermachen in den Westen – das wollten zwischen Mauerbau und Mauerfall viele. Hunderttausende wagten die Flucht. Für sie galt: Gehen, um zu bleiben. Nur einer wollte wieder zurück. Ein kurioser, absonderlicher Fall. Um den geht es in diesem Film. Gespielt wird das von Charly Hübner. Der Schauspieler hat den Film überhaupt erst angeregt.

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Interessant ist das auch, weil er damit frühere Rollen spiegelt: In der Satire „Bornholmer Straße“ (2014) spielte er jenen DDR-Grenzer, der in der Schicksalsnacht vom 9. November 1989 die Mauer öffnete. Und zuletzt war er „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ (2025), der einen ganzen Zug voller Ost-Berliner in den Westen gelotst haben soll – eine kleine Lüge, die zur Heldengeschichte verklärt wird und dann nicht mehr umkehrbar ist.
Der Volksgenosse will nicht flüchten. Nur reisen – und zurückkehren.
In „Spaziergang nach Syrakus“ spielt Hüber nun den DDR-Bürger Paul Gompitz, der mit seiner Heimat hadert. Im Arbeiter- und Bauernstaat durfte er kein Abitur machen, durfte nicht studieren und hat es deshalb nur zum Kellner gebracht, der auf der Weißen Flotte im Greifswalder Bodden hin und her schippert und Touristen bedient. Weg will er nicht. Aber doch schon. Er ist ja glücklich mit seiner Lebensgefährtin Anne (Lina Beckmann). Aber er würde gern mal reisen. Nicht in die Bruderstaaten wie Rumänien oder Bulgarien. Sondern nach Sizilien. Angeregt durch eine berühmte Reisereportage aus der Goethe-Zeit, „Spaziergang nach Syrakus“ von Johann Gottfried Seume. Das war schon damals, um 1800, alles andere als ein Spaziergang. Erst recht aber nicht in Zeiten des Eisernen Vorhangs.
Seine Lebensgefährtin Anne wählt eine kleine Flucht: eine Datsche an der Ostsee. Wo man die Nachteile des Sozialismus ein bisschen verdrängen und das Leben genießen kann. Auch wenn man sich auf diese Weise natürlich arrangiert. Paul aber will weiter raus. Erst versucht er das auf legalem Wege, über staatliche Vereine zur Völkerfreundschaft, blitzt aber immerzu an den Behörden ab, weil er kein Unbedenklichkeits-Zertifikat vorweisen kann. Also muss es anders gehen. Und der Großteil des Films handelt davon, wie Paul Gombitz Strategien entwickelt. Wie er plant, über die Ostsee nach Dänemark zu gelangen. Wofür er aber erst mal das Segeln lernen muss, von dem er keine Ahnung hat.
Mehr als um die Action bei der Flucht geht es um grundlegende Lebensfragen
Das hat komische Momente, wie er Jahre lange heimlich an seinem Plan tüftelt und von einem so verständnis- wie ahnungsvollen Volksgenossen (Thorsten Merten) in die Kunst des Segelns eingeführt wird. Aber auch tragische. Weil er die Pläne vor Anne verheimlichen muss, um sie nicht mitschuldig zu machen. Sie spürt aber, wie Paul sich von ihr entfernt. Und das ist das Spannende an diesem Film. Dass es gar nicht so sehr um die Flucht selbst geht als um die vielen Fragen, die damit verbunden sind: Kann man sich zuhause fühlen in einem Käfig, aus dem man nicht heraus darf? Welche Konsequenzen hat das für die Gattin? Was ist Freiheit? Und was überhaupt der Sinn des Lebens? Das fragt Anne ihren Mann. „Darunter“, wiegelt der ab, „machst du es nicht, wa?“ Darunter macht es auch der Film nicht.
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„Spaziergang nach Syrakus“ basiert nicht nur auf Seume. Sondern auch auf der realen Flucht von Klaus Müller 1988, die 1996 wiederum Vorlage für die Erzählung „Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ von Friedrich Christian Delius war. Eine freie Bearbeitung allerdings, in der Delius dem Protagonisten schon einen anderen Namen gab. Und die jetzt nochmal frei bearbeitet wurde. Durch Regisseur Lars Jessen und seinem Hauptdarsteller Hübner – die schon viele Filme um knorrige Figuren aus dem Norden des Landes gemeinsam entwickelt haben, wie „Mittagsstunde“ oder zuletzt „Micha denkt groß“. Figuren, die sonst im deutschen Film selten vorkommen.
Auch der Westen erscheint nach der Flucht nicht als gelobtes Land
Auch Paul denkt groß. Hübner guckt dabei zuweilen in die Kamera, blickt also direkt den Zuschauer an, der zum einzigen Komplizen bei seinen heimlichen Plänen wird. Und der Film fängt ironisch an, wie er Listen erstellt und wieder verwirft. Touristische Postkarten – heute übrigens schon fast ein untergegangenes Zeitdokument – erst vom Osten, später vom Süden, strukturieren den Film und markieren Zeitsprünge und Ortswechsel. Manchmal läuft Paul selbst durch diese Karten. Sympathisch wird die eigentliche Flucht dann nicht sensationslüstern oder action-lastig ausgeschlachtet. Im Mittelpunkt steht immer der seltsame Gewissenskonflikt. Paul will ja nur reisen, nicht fliehen, und also auch zurückkehren. Einen Abschiedsbrief schreibt er deshalb nicht an seine Partnerin, sondern an den Staats- und Parteiführer der DDR höchstselbst, Egon Krenz.
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Der Westen erscheint nach der geglückten Flucht nicht als gelobtes Land in sattbunten Farben, sondern als riesiger, trister Wohnblock in Bochum, der es mit jedem Plattenbau aufnehmen könnte. Und auch von Italien, wo Paul schließlich landet, sind nur wenige sonnendurchflutetete Bilder zu sehen, keine weiten Panoramen, nur schmale, eingeengte Gassen. Der Traum ist erfüllt, aber die Sehnsucht bleibt, nach dem Fernweh in der Heimat nun das Heimweh in der Ferne. Wie hieß mal ein schöner anderer Filmtitel: „Überall ist besser, wo wir nicht sind“. Fast tragisch dann, dass die Nachricht vom Fall der Berliner Mauer Paul mitten auf der Rückfahrt ereilt, auf dem Brennerpass kurz vor der deutschen Grenze. Die Ironie der Zeitgeschichte: Hätte er nur noch ein paar Monate ausgeharrt, hätte er ganz legal reisen können. Und mit seiner Lebensgefährtin.

Dass diese Anne von Hübners eigener Frau gespielt wird, gibt dem Ganzen noch eine andere Note. Wie auch Thorsten Merten, der schon in „Bornholmer Straße“ zu Hübners kauziger Grenz-Einheit gehörte und im „Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ als wirklicher Dissident zum größten Kritiker der falschen Heldengeschichte wurde.
Ein Reisender kehrt als ein anderer zurück: Diese Binsenwahrheit muss Paul Gombitz wie kein anderer erkennen. Auch wenn er immer zurückkehren wollte, gibt es plötzlich sein altes Leben, gibt es seine Liebe, gibt es sein Land nicht mehr. Eine Tragik, die allen Wagemut und Triumph seiner Flucht relativiert. Und eine zerrissene Figur zurücklässt: War es das wert?
Drama, Deutschland 2026, 97 min., von Lars Jessen, mit Charly Hübner, Lina Beckmann, Thorsten Merten, Bruno Di Chiara ****







