Sie steht seit Jahren auf der Bühne und vor der Kamera, ist inzwischen 89. Aber das sieht man Schauspielerin Nicole Heesters nicht an. Und ganz wie ihr Vater Johannes Heesters kann und will sie sich nicht zur Ruhe setzen. Aktuell ist sie wieder einmal im Renaissance-Theater in Berlin zu erleben: in der One-Woman-Komödie „Na also. Geht doch.“, in der sie eine Souffleuse spielt, die sich mörderisch rächt. Wir haben die Schauspielerin in den Probenräumen des Theaters Am Salzufer gesprochen.
Ihr Publikum wird staunen. Sie sind kaum wiederzuerkennen in Ihrer Maske. Macht das Spaß?
Nicole Heesters: Ja, sicher. Das war auch unser Vorhaben, und es ist auch für die Rolle gut. Man muss ja in andere Figuren reinkriechen.
Lesen Sie auch
Sie spielen eine Figur, die Ihnen durch Ihre Theaterkarriere sehr vertraut sein dürfte: eine Souffleuse.
Es gibt diesen berühmten Satz: „Die im Dunkeln sieht man nicht.“ Aber was macht das mit einem Menschen, der ein Leben lang im Dunkeln ist? Damit wird gehadert, da wird sich gerächt. In diesem Stück suppt jemand in seinem Leben herum. Er wird gebraucht, darf sich aber nicht zeigen. Er muss seinen Ehrgeiz dareinlegen und damit zufrieden sein, dass er überflüssig wirkt.
Wie schon „Marias Testament“ ist das wieder ein Soloabend. Reizt Sie das besonders?
In meinem Alter muss man nicht mehr spielen. Aber es wird mir einfach angetragen. Und das ist wirklich ein Glück und Geschenk. Dieses Stück finde ich sehr interessant. Und es ist immer schön, wenn man sich seinen eigenen Weg durch die Rolle baut und versucht, sie zu meistern. Also „meistern“ ist auch ein großes Wort. Sagen wir: gestalten. Wir sind ja noch nicht fertig, sind noch mitten im Prozess.

Wer hat das Stück an Sie herangetragen? Der Regisseur Elmar Goerden?
Nein, der Verlag der Autoren war es. Bei den Mülheimer Theatertagen habe ich 2025 „Frau Yamamoto ist noch da“ gespielt, da kam die Verlegerin auf mich zu und hat mich gefragt: „Was wollen Sie als Nächstes spielen?“ Und sie hat gesagt: „Wir schicken Ihnen was.“ Das haben sie getan, und es hat mich schon beim Durchlesen angesprungen.
Von Anfang an dachte ich beim Lesen: Das ist etwas für Elmar. Wir verstehen uns gut, ich vertraue ihm voll. Ich wüsste auch nicht, mit wem ich das sonst machen würde. Also habe ich ihn gefragt. Und er sagte gleich: „Du, das machen wir.“ Das ist nun schon die vierte Produktion mit ihm. Das Stück heißt ja eigentlich „Schneeköniginnen“. Aber alle, mit denen ich darüber sprach, sagten: „Ach, ein Märchenabend!“ Deshalb haben wir nach einem anderen Titel gesucht. Und gleich der erste Satz des Stückes lautet: „Na also, geht doch.“ Das ist nicht so festgelegt. Die Fantasie ist frei.

Und wie kam das Stück ans Renaissance-Theater?
Seit „Marias Testament“ hat Guntbert Warns, der Intendant des Hauses, immer gesagt: „Wir müssen noch mal was machen.“ Wir hatten auch schon ein Projekt: das Endzeitdrama „Die Straße“ von Cormac McCarthy. Das wollte Goerden immer mit mir machen. Und es ist so viel passiert in der Welt, ich dachte: Wenn nicht jetzt, wann dann? Ich habe das vier Monate lang gelernt. Aber dann stellte sich heraus, dass es unmöglich ist, die Aufführungsrechte aus den Vereinigten Staaten zu bekommen. Und ein Rechtsanwalt hat uns klug beraten: „Macht es nicht. Die warten, dass ihr es ohne Erlaubnis macht. Und wenn der Vorhang aufgeht und das erste Wort fällt, kommen sie rein, und ihr müsst viel Geld zahlen.“ Schade drum. Aber so hatte ich ein gutes Training für mein Gehirn. Wir haben weitergesucht. Und dann kam dieses Stück.
Und wie ist das, wieder an diesem Haus zu spielen?
Bühne bleibt Bühne. Ob sie in Bochum steht oder in Stuttgart. Es gibt einen Raum, wo man zu Hause ist, egal in welcher Stadt. Und das ist der Bühnenraum. Dann entscheidet sich, wie das Publikum reagiert – das kann in jeder Stadt anders sein. Aber zuerst treffen wir uns in diesem mystischen Raum, den man Theater nennt.
Hält dieser mystische Raum fit? Ist Theater ein Jungbrunnen? Sie sprachen eben von Gehirntraining.
Warten wir’s ab. Wir sind ja noch mitten in den Proben. Und heute fühle ich mich wie 117. Ob das fit hält? Ich bin deswegen nicht jünger, ich will auch nicht jünger sein. Ich lebe mein Leben und werfe all meine Erfahrungen mit in die Arbeit. Aber um fit zu bleiben, muss ich schon auch noch anderes tun. Das ist notwendig – und schwer. Gerade Treppensteigen.

Ich staune dennoch über Ihre Kondition. Sind das die Gene?
Ja, das wird immer gesagt. Sicher habe ich gute Gene von meinen Eltern. Aber was helfen die, wenn man sie nicht pflegt und sich um sie kümmert? Es ist Erbmasse, ja. Einen Rat meines Vaters habe ich allerdings immer sehr beherzigt. Er sagte: „Nicole, mach nie mehr als bei den Proben. Nicht drücken, nicht zeigen wollen. Du hast es erarbeitet, lass es los.“
Auch interessant
Sie haben gerade auch eine Impro-Serie für die ARD gedreht, die im Herbst gesendet wird: „Friesenjunkies“.
… und das Herrliche daran ist: Man muss keinen Text lernen! Text lernen ist das Schwerste. Wenn man eine Situation hat, kann man darüber improvisieren. Über Improvisation geht man ja auch oft ins Stück hinein. Ich habe einiges in dieser Richtung gemacht. Der Dreh zu „Friesenjunkies“ war ganz wunderbar. Das war bunt. Diese beiden Jungs, Oskar und Emil Belton, sagten immer: Mach mal anders. Das war ganz anders als jetzt bei „Na also. Geht doch.“ Hier muss ich 36 Seiten Text im Kopf haben. Natürlich fehlen manchmal die Worte. Aber ich habe ja eine Souffleuse. Und diesmal spiele ich sogar eine. Das werden wir ausnutzen.
Wie wichtig sind Souffleusen im Leben von Schauspielern?
Na, wenn man hängt, hängt man. Da ist es beruhigend zu wissen, da ist jemand, der mich begleitet, der mitliest, mitatmet. Darüber wird im Stück auch gesprochen, die Bedeutung des Berufs wird sehr genau erklärt.
Ist der Beruf unterschätzt?
Ganz sicher. Wie überhaupt alle Berufe, die man nicht sieht, die im Dunkeln sind. Ich bin in diesem Theater umgeben von Damen, die sich ganz liebevoll um mich kümmern. Jeden Tag werden mir hier die Kleider frisch hingelegt, das rührt mich zu Tränen. Alle sind voller Aufmerksamkeit. Das genießt man als Schauspieler sehr. Das ist an diesem Haus beeindruckend: ob bei Garderobe, Maske, Requisite. Mit welcher Liebe sie ihre Arbeit verrichten. Auch wenn die keiner sieht!
Gab es in Ihrem Leben auch Momente, wo Souffleusen Sie im Stich gelassen haben? Und wenn ja, was macht man da?
Hängen. Ganz einfach. Dann muss man improvisieren.

Noch eine andere Frage: Sie haben Fernsehgeschichte geschrieben. Sie waren die erste Ermittlerin im „Tatort“. Aber nach drei Folgen haben Sie wieder aufgehört. Lag Ihnen der Krimi nicht oder waren Sie es leid, sich in dieser Männerdomäne behaupten zu müssen?
Nein, das war es nicht. Ich habe auch keine Feindschaften von männlicher Seite erlebt. Vielleicht hinter meinem Rücken, aber das habe ich nicht gewusst. Aber wenn ich meine Brötchen einkaufen ging, wurde ich plötzlich als Frau Buchmüller angesprochen und nicht mehr als Frau Heesters. Das wollte ich nicht. Sehen Sie, das ist bald 50 Jahre her, und ich werde immer noch darauf angesprochen.
Ich habe so viele andere schöne Fernsehproduktionen gemacht, aber nach denen wird nie gefragt. Das waren damals noch andere Zeiten. Ich hatte ja bei jeder Folge einen anderen Regisseur, und jeder sagte, ich solle die Rolle anders anlegen. Dabei wollte ich ja eine Wiedererkennung erreichen, das hat nicht funktioniert. Man war mir dann böse, als ich so schnell wieder ausstieg. Aber ich wollte meine Arbeit am Theater schützen.
Sind Sie nicht trotzdem ein bisschen stolz darauf, die erste „Tatort“-Ermittlerin gewesen zu sein?
Stolz? Nein, das nicht. Ich bin froh, dass ich’s erlebt habe. Die wollten mich haben – ist doch schön. Freude habe ich dran gehabt, und Spaß.
Und ist das etwas, das Sie sich bis heute bewahren!?
Ja. Das sollte man im Leben. Vor allem, wenn man alt ist. Ich sage immer: Ich habe das Alter hinter mir. Das ist jetzt ein Zustand. Ich weiß, dass ich’s bin. Und ich freue mich über alles, was mir noch passiert.







