Wir sind noch fast am Anfang, als Franz Beil die Geschichte von den Schnittchen erzählt. Man schärft sofort die Aufmerksamkeit, wie es ja meistens geschieht, wenn titelgebende Wörter in Texten auftauchen – und wie man es vielleicht noch stärker bei den Texten René Polleschs tut, der das natürlich wusste und oft für kluge Finten nutzte. Aber es hilft ja nichts: Wir sind in einem Theater, der Volksbühne am Rosa-Luxemburg Platz – und das ist, wir haben es alle in der Schule gelernt, eine bürgerliche Sinnstiftungsanstalt, in der Wahrheiten über die Welt verhandelt werden. Also muss sie ja etwas zu bedeuten haben, die Geschichte mit den Schnittchen.

Donnerstag

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Sie geht so: Er wollte mal in einen Theaterabend gehen, sagt Franz Beil, „weil ich gehört hatte, dass sie dort Schnittchen verteilen. Und ich wusste, ich komme da billig rein. Und dann saß ich da drin und dann wurden gar keine Schnittchen verteilt. Ich hab die ganze Zeit geguckt, wo jetzt die Schnittchen sind. Ich war also nicht der Zuschauer, den man vor Augen hat, wenn man in eine Theatervorstellung geht“. Man kann, während er das erzählt, beseeltes Glucksen im Publikum hören – wie eigentlich die ganze Zeit in dieser wunderbaren Inszenierung.

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Denn auch wenn es hier um die Substanz geht – nämlich um die Frage nach dem Sinn der Bühnenkunst und um den revolutionären Versuch, sie neu zu denken und zu erfinden –, so ist diese Situation doch vor allem hinreißend komisch. Was ist das nur für ein seltsam derangiertes und zugleich kluges Gespräch, das Beil hier mit Martin Wuttke, Kathrin Angerer, Rosa Lembeck und Milan Peschel führt?

Einmal zum Anfang zurückgespult: Auf der Vorderbühne steht eine Holzkonstruktion, die an ein japanisches Teezimmer erinnert. Es gibt eine Tür und einen orangefarbenen Vorhang, den man von vorigen Pollesch-Abenden kennt. Das Panorama einer gelblich vernebelten Seenlandschaft versperrt den Blick auf den hinteren Bereich, von wo aus Live-Videos auf einen großen Monitor gesendet werden. Hier erscheint zuerst das Quintett, und es beginnt, als wäre es schon ewig dabei, von der Liebe zu sprechen und von Körpern, vom Tragödienbegriff des Aristoteles und der Erwartungshaltung des Publikums. Später wird es hier auch – Achtung – die titelgebenden Schnittchen schmieren. Und in kunstvollen Wiederholungsschleifen und mit sehr lustigen Ausflügen ins Groteske wird es auf die Bühne bringen, was man die Essenz der Bühnenkunst von René Pollesch nennen könnte.

Schnittchenkauf
Auf dem Mofa des Verblendungszusammenhangs: Rosa Lembeck. © Volksbühne | Apollonia T. Bitzan

„Der Schnittchenkauf“ feierte im Dezember 2024 seine Premiere. Im Februar war der Regisseur und Intendant überraschend im Alter von nur 61 Jahren gestorben – und mit ihm ein Künstler, ohne den die Geschichte der Volksbühne der letzten drei Jahrzehnte gar nicht denkbar wäre, so tief hat er sie geprägt. Sein Text „Der Schnittchenkauf“, entstanden 2011, rekurriert lässig auf Bertolt Brechts Text „Der Messingkauf“ und versammelt Einwände gegen das traditionelle Repräsentationstheater, Reflexionen über die Echtheit von Menschen und Handlung auf der Bühne und Gedanken zur Funktion der „Vierten Wand“ zwischen Schauspielenden und Publikum. Er wirft die Frage auf, was das Theater ist und soll.

In der Trauerphase um Pollesch fand sich ein Team aus den genannten Schauspielerinnen und Schauspielern, der Dramaturgin
Anna Heesen, der Kostümbildnerin Tabea Braun, dem Bühnenbildner Leonard Neumann, den Lichtsetzern Florian Brückner und Denise Potratz und Live-Kameramann Jan Speckenbach, um diesen Text ohne Regisseur auf die Bühne zu bringen – und das ist ja auch ganz in seinem Geiste. Ein Theater, das sich selbst befragt, muss auch mit eingeübten Rollenmustern brechen. „Ich finde zum Beispiel“, schreibt Pollesch, „man sieht bei uns sehr gut, dass der erste Autor unserer Abende der Bühnenbildner ist, das heißt, der erste Text, der uns vorliegt, ist das Bühnenbild. Bei uns ist der Bühnenbildner jedenfalls nicht länger Dienstleister an einer Vorlage.“ Welches Theater könnte entstehen, wenn es sich nicht mehr in der Lesart eines Textes durch die Regie erschöpft, an der dann alle arbeiten, sondern wenn es von vorne bis hinten das Ergebnis kollektiver Arbeit ist?

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Wenn es so gelingt wie hier: ein vollkommen befreites, lustiges, kluges und schönes Theater. Wer „Der Schnittchenkauf“ sieht, der versteht besser und tiefer, worum es dieser Art zu spielen geht und worin die revolutionäre Kraft dieser Bühnenkunst liegt: im Bezweifeln aller Voraussetzungen, im Bruch mit allen Regeln. Man sieht Schauspielerinnen und Schauspieler, die mit ansteckender Freude miteinander zu tun haben – und die hier allesamt auch ein großartig komisches Talent beweisen. „Der Schnittchenkauf“ balanciert mit feiner Ironie zwischen Theorie und Kalauer, zwischen sozialphilosophischer Analyse und Konfrontationstherapie, zwischen Drama, Komödie, Lehrstück und Satire. Der Abend ist eine ergreifende Verneigung vor dem Lebenswerk von René Pollesch und zugleich ohne jede falsche Sentimentalität. Dafür erhält er den Friedrich-Luft-Preis für die Spielzeit 2025/25. Herzlichen Glückwunsch!