Für Arbeiter war das Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein täglicher Kampf. Im Schnitt verdiente man zwei bis drei Mark am Tag, Frauen sogar nur die Hälfte. Das Einkommen einer normalen Familie wurde größtenteils für Essen ausgegeben. An Kultur, Theater oder Konzerte, war da kaum zu denken. Nicht ohne Grund schrieb Bertolt Brecht in seiner Dreigroschenoper: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“.  

Donnerstag

Der Wochenend-Newsletter der Berliner Morgenpost

Bestellen Sie hier den wöchentlichen Newsletter mit Tipps zum Wochenende in Berlin

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Doch bereits 1890 gründete sich der Verein „Freie Volksbühne“ und versuchte, das zu ändern. Eine kleine Gruppe kulturbegeisterter Berliner machte es sich zum Ziel, Kultur auch der weniger privilegierten Bevölkerungsschicht zugänglich zu machen. Von Beginn an war die Vision der Freien Volksbühne, Kunst und Theater der Arbeiterbevölkerung zugänglich zu machen – eine Theaterkarte kostete bei ihnen lediglich 50 Pfennig. Die Freie Volksbühne zeigte verschiedenste Stücke – von Komödien bis hin zu sozialkritischen Vorstellungen, die gesellschaftliche Probleme aufgriffen. Um einer Zensur zu entgehen, wurden diese nicht-öffentlich innerhalb des Vereins aufgeführt.

Eine kostenlose Ausstellung zeigt die Geschichte des Vereins

135 Jahre nach ihrer Gründung, steht die Freie Volksbühne Berlin heute noch immer als Symbol für kulturelle Teilhabe, soziale Verantwortung und Demokratie und mit einer kostenlosen Ausstellung zeigt der Verein seine Geschichte bis zum 31. Juli im Siegfried-Nestriepke-Haus in der Ruhrstraße 6. Im Garten erwartet die Besucher eine chronologische Übersicht der Vereinsgeschichte mit QR-Codes, die zusätzliche Audioinformationen bieten. Im Foyer gibt es einen Rundgang im Foyer, der über die alltäglichen Abläufe des Vereins informiert.

So erfährt man dort, dass ein Meilenstein in der Vereinsgeschichte war, als der Architekt Oskar Kaufmann dem Verein ein eigenes Theater baute: die Volksbühne am heutigen Rosa-Luxemburg-Platz (damals Bülowplatz). Die finanziellen Mittel, auch „Arbeitergroschen“, für die Errichtung des Theaters stammten vor allem aus Spenden der Mitglieder. Am 30. Dezember 1914, noch während des Ersten Weltkriegs, konnte die Volksbühne ihre ersten Besucher empfangen und so ein Zeichen für kulturelle Selbstbestimmung und demokratische Teilhabe setzen.

135 Jahre Freie Volksbühne Berlin
Mit einer Open- Air- Ausstellung ab 17. Oktober 2025 vor dem Haus der Freien Volksbühne Berlin e.V. in der Ruhrstraße 6.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

In der Weimarer Republik erlebte die Freie Volksbühne ihren Höhepunkt. Der Verein zählte 1926 mehr als 160.000 Mitglieder und galt damit als „integraler Bestandteil der Berliner Arbeiterbewegung“, so Frank Bielka, Vorsitzender der Freien Volksbühne. Schwierige Zeiten brachen für den Verein jedoch unter den Nationalsozialten an. Das Regime löschte ihn aus dem Vereinsregister und während des Zweiten Weltkriegs wurde das Theater am Rosa-Luxemburg-Platz so stark beschädigt, dass nach Ende des Krieges viel Improvisation gefragt war.

Mit Berlins Aufteilung in die Zonen der Aliierten kamen bürokratische und ideologische Probleme hinzu. Als Konsequenz wurden getrennte Volksbühnenvereine im Ost- und Westteil Berlins gegründet. Während die Volksbühne im Osten bald in den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) integriert wurde, eröffnete der Theaterregisseur Erwin Piscator 1963 in West-Berlin das neue Theater in der Schaperstraße, heute heißt es „Haus der Berliner Festspiele“. Piscators Inszenierungen – darunter Rolf Hochhuths Drama „Der Stellvertreter“ – trugen maßgeblich zur gesellschaftlichen Debatte und Aufarbeitung des Nationalsozialismus bei.

Auch in den Zeiten des Kalten Krieges und während der Wende blieb die Freie Volksbühne ein wichtiger kultureller und politischer Akteur – trotz finanzieller Probleme und den veränderten Freizeitgewohnheiten der Berliner. Der Verein passte sich an, 2017 benannte er sich um in „Kulturvolk. Freie Volksbühne e. V.“.

Mit der Corona-Pandemie kam die Digitalisierung samt App

Die Pandemiejahre konnte der Verein trotz anfänglicher Existenzsorgen für sich nutzen. Geschäftsführerin Katrin Schindler betont: „Der Verein hat sich nicht nur neu ausgerichtet, wir haben 2021 auch die Kulturvolk-App eingeführt, die Nutzer über (rabattierte) Veranstaltungen informiert. Monatlich erscheint zudem ein Kulturvolk Magazin, das Mitgliedern einen Überblick über aktuelle Vorstellungen bietet.“ Theaterkarten versendet der Verein heute zu 80 Prozent digital. Auch bei Instagram und Facebook ist die Freie Volksbühne aktiv und informiert ihre Abonnenten über aktuelle Veranstaltungen.

Heute will der Verein Menschen vergünstigte Konditionen bieten, um Kultur erleben zu können – egal, aus welcher Bevölkerungsschicht sie stammen. Die Vereinsmitglieder kommen heute zwar nicht mehr für 50 Pfennige ins Theater, aber bis zu 40 Prozent Ermäßigung auf Eintrittskarten für Theater, Konzert und Schauspiel sind noch immer möglich.