Ein Kopf aus Terracotta, rissige, von Grünspan überzogene Bronzefiguren, ein abgerundetes Stück Marmor, ein Pferd mit gebrochenen Beinen: „Eigentlich kennen wir das von der Antike. Übrig geblieben sind nur die Skulpturen, alles andere ist verbrannt. Faszinierend für das 20. Jahrhundert!“, sagt Matthias Wemhoff, Berlins oberster Archäologe und Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte. „Die Werke sind von der Geschichte gezeichnet, sie sind nicht mehr nur Kunst, sondern auch historische Zeitzeugnisse.“ Zeugen von Krieg, Zerstörung, menschenverachtender Politik, aber auch von Wiederentdeckung und neuer Wertschätzung. Was 2010 als Berliner Skulpturenfund ziemlich viel Aufsehen erregte, ist jetzt im neuen Haus der Archäologie, im Petri-Berlin zu sehen, als erste Sonderschau ganz in der Nähe der Fundstelle.
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Es war im Januar 2010, als bei den Vorbereitungen zum U-Bahnbau vor dem Roten Rathaus ein mörtelverschmiertes Frauenbildnis aus Bronze von der Schaufel fiel. Der Schutt gehörte zu einem Bürgerhaus in der Königstraße 50, das wie die ganze Straße 1944 bei einem Bombenangriff zerstört worden war. Eigentlich suchten die Archäologen nach Resten des mittelalterlichen Rathauses, fanden aber weitere 15 Statuen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Lebte hier ein Sammler? Gab es einen Zusammenhang mit dem Fluchthelfer Erhard Oewerdieck, dessen Tresor ebenfalls unter den Trümmern gefunden wurde?

Als erstes wurde mithilfe des Kolbe-Museums Emy Roeders „Schwangere“ (1937) identifiziert. Ein Werk aus Terracotta, von dem nur der Kopf gefunden wurde, das 1937 in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe beschlagnahmt und anschließend in der NS-Propaganda-Schau „Entartete Kunst“ gezeigt worden war. Aber erst 2012 fand man einen Hinweis, dass sich wohl im vierten Stock des Hauses ein bislang unbekanntes Depot des Reichspropagandaministeriums befand. Auch weil man weitere Werke des Skulpturenfundes identifizierte, die für „Entartete Kunst“ herhalten mussten, wie Otto Baums „Stehendes Mädchen“ (1930). Andere wie Otto Freundlichs „Kopf“ (1925) nutzte man als Filmrequisit im Propagandafilm „Venus vor Gericht“ (1941), um einen jüdischen Kunsthändler zu diffamieren. Viele der insgesamt 20000 beschlagnahmten Werke aus institutionellen Sammlungen wurden vernichtet oder verkauft, einige verblieben in Depots.
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Die Skulpturen wurden 2010 im Neuen Museum gezeigt und reisten in den letzten Jahre durch ganz Deutschland und nach Luxemburg, zum Teil in jene Museen, denen sie entnommen worden waren. Nun sind sie wieder zurück. Denn das Petri gehört zum Museum für Vor- und Frühgeschichte, das alle Bodenfunde sammelt, gleich welcher Zeit. Vielleicht, so hofft Matthias Wemhoff, sind sie in einigen Jahren im geplanten Archäologischen Fenster im Roten Rathaus dauerhaft zu sehen.

Die Kuratorin Marion Bertram nennt die Skulpturen eine zufällige Schicksalsgemeinschaft. Alle 14 Künstler und Künstlerinnen gehören der gleichen Generation an, 1933 kam der Bruch, weil sie dem Kunstideal der neuen Machthaber nicht entsprachen. Wie aber schon die noch bis zum 2. November laufende Ausstellung „Im Visier! Lovis Corinth, die Nationalgalerie und die Aktion „Entartete Kunst“ aufzeigt, war das Vorgehen der beteiligten Stellen alles andere als systematisch. Kann man bei der abstrakten „Figur“ von Richard Haizmann von 1929 noch Kriterien nachvollziehen, nach denen beschlagnahmt wurde, so ist es bei Fritz Wrampes strammem „Reiter“ von 1933 schon schwieriger.

Was die Schau aber auch zeigt: Das Deutschland vor Hitler, das offen war und neugierig auf die Kunst der Moderne. Und zwar nicht nur eine kleine Bohème, sondern auch das offizielle staatliche Deutschland der Weimarer Republik, das die Kunst sammelte und zeigte. Einige Künstler und Künstlerinnen sind heute wenig bekannt, die Zäsur von 1933 verhinderte den Nachruhm. Ausstellungen wie diese können etwas daran ändern.
Petri Berlin, Gertraudenstr. 8, Mitte. Di.–Fr., 9–17 Uhr, Sa./So., 10–18 Uhr. Informationen: petri.berlin




