Sensationsfund

Berlin hat sein Wunder aus einer dunklen Zeit

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Gabriela Walde
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Spektakulärer Kunst-Fund im Museum

Bei Grabungen im historischen Zentrum Berlins wurden verschollen geglaubte Werke der "Entarteten Kunst" geborgen. Das Neue Museum in Berlin zeigt die Skulpturen ab 9. November.

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Bei Grabungen am Roten Rathaus in Berlin sind Archäologen auf elf wertvolle Skulpturen gestoßen. Die Werke wurden auf der Nazi-Schau "Entartete Kunst" gezeigt und galten Jahrzehnte lang als verschollen.

„Ein Wunder“, findet der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, vor dessen Amtssitz der Fund einer „dunklen Zeit“ gemacht wurde. „Damit hatte niemand gerechnet. Es bleibt eine permanente Verpflichtung, Erinnerungskultur lebendig zu erhalten.“

Dabei fing alles ganz harmlos an, bis die Geschichte zum Krimi wurde. Ein Grabungshelfer stößt im Januar 2010 im freigelegten Trümmerschutt in der früher dichtbesiedelten Königstraße, heute Rathausstraße, auf einen runden Gegenstand. Er fällt dem Mann mit einem metallenen Klang aus der Baggerschaufel vor die Füße. Ein Bildnis der Filmschauspielerin Anni Mewes (1896-1980) von Edwin Scharff schält sich aus dem Dreck heraus. Damals glaubte man an einen zufälligen Einzelfund im Berliner Sand – und ahnte noch nicht, „was für eine Thematik sich bald entwickeln würde“, so Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte.

Doch im August wurden in dem Kellerraum nebenan, keine zehn Meter entfernt, weitere Bronze- und Terrakottaskulpturen entdeckt: das „Stehende Mädchen“ von Otto Baum, die „Tänzerin“ von Marg Moll und die Kopf-Fragmente des Kopfes von Otto Freundlich. Mit der Identifikation des roten, augenlosen Terrakottakopfes, der zu Emy Roeders stilisierter Ganzfigur „Die Schwangere“ gehörte, wurde die Verbindung zu der Aktion „entartete Kunst“ deutlich. Bei Nachgrabungen im vergangenen Monat tauchten drei weitere Werke auf, darunter ein männlicher Torso aus Steinguss. Die Zuschreibungen stehen noch aus. Die Skulpturen, zwischen 1918 und 1930 entstanden, kommen ursprünglich aus den Museen in München, Stuttgart, Karlsruhe und Berlin, wo sie beschlagnahmt wurden.

Die Werke galten als verschollen

Auch wenn die Künstler nicht zu den ganz Großen der Zeit gehören, ist der Fund sensationell, denn bislang galten ihre Werke als zerstört oder verschollen. Als „Dokument des Widerstandes“ (Wowereit) werfen sie die Frage nach dem Verbleib der anderen 16.000 Werke auf, die insgesamt in 100 deutschen Museen und Sammlungen während der Beschlagnahmeaktion von den Nazis entzogen wurden und dort bis heute eine Lücke hinterlassen haben. Vielleicht kann es der Forschung mit diesen Werken gelingen, die Geschichte zumindest einiger der heute noch vermissten Werke zu rekonstruieren. Demnächst ist zu diesem Thema ein großes Symposium geplant. „Die Rekonstruktionsgeschichte wird neu beginnen“, hofft Peter-Klaus Schuster, Ex-Generaldirektor der Staatlichen Museen, der zum Thema „Entartete Kunst“ und Propagandaausstellung in München gearbeitet hat. „Unser Wissen um die Verlagerung der Restbestände können wir hoffentlich erweitern.“

Ein Brand zerstörte das Gebäude

Der „Fall Königstraße“ zumindest ist abgeschlossen: „Wir gehen nicht davon aus, das dort noch etwas gefunden wird“, so Matthias Wemhoff. Mittlerweile wurden die Artefakte sorgfältig im Museum für Vor- und Frühgeschichte gereinigt und sind ab heute unter dem Titel: „Der Berliner Skulpturenfund. ,Entartete Kunst’ im Bombenschutt“ im lichtdurchfluteten Griechischen Hof des Neuen Museum zugänglich.

Wie diese elf Skulpturen, die in zwei direkt aneinander grenzenden Kellerräumen des 1944 komplett ausgebrannten Wohnhauses in die Königstraße 50 gekommen sind, das ist im Detail noch nicht geklärt. Die Experten gehen davon aus, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt in der Wohnung des Steuerberaters und Treuhänders Erhard Oewerdieck gestanden haben müssen, und durch den Brand und Einsturz der Zwischendecken des Hauses aus einer Etage in den Keller hinabgestürzt sind. Zahlreiche Fotos dokumentieren in der Ausstellung, was vom einst prachtvollen Gebäude blieb – eine Ruine, ausgehöhlt wie schwarze Zähne. „Das Feuer hat ganze Arbeit geleistet“, so Wemhoff. Derzeit werden noch Kohlereste geprüft, gut möglich, dass sich im Gebäude noch Gemälde, Grafiken oder Holzplastiken befanden, die den Flammen zum Opfer fielen. Juristisch ist der Fall klar: Als Bodenfunde sind die Skulpturen Eigentum des Landes Berlin. Die vormaligen Eigentümer sind informiert, so Klaus Wowereit. „Wir werden Lösungen finden.“

Kunstwerke im Keller

In den Kellern fand man zugleich auch mehrere schwere, rostige Tresore, darunter einen von Erhard Oewerdieck, gefüllt mit Geschäftsunterlagen jüdischer Klienten. Das Haus gehörte bis 1942 der Jüdin Edith Steinitz, die enteignet wurde. Bereits 1941 mietete Oewerdieck im vierten Stock Büroräume. Die alte Mieterliste von 1943 bietet Orientierung bei der Recherche. Doch wer eigentlich war dieser Oewerdieck, der 1977 starb? In der Gedenkstätte Yad Vashem werden Oewerdieck und seine Ehefrau Charlotte seit 1978 als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. Recherchen haben ergeben, dass die beiden – unter Gefährdung ihres eigenen Lebens – ihren jüdischen Büroangestellten versteckten. 1941 verhalfen sie dem Althistoriker Eugen Täubler samt Ehefrau zur Flucht in die USA, und verwahrten deren Bibliothek und Dokumente. Dem Kaufmann Arno Lachmann unterstützten sie finanziell bei der Ausreise nach Shanghai. Diese Fakten legen nahe, dass Oewerdieck auch die Skulpturen gesichert haben könnte.

Nicht klar hingegen ist, unter welchen Umständen und Voraussetzungen sie dort hin gelangten. Derzeit versucht man, über Oewerdiecks Nachfahren und die Familien der früheren Hausbewohner an weitere Informationen zu gelangen. Fest steht nur, dass die Exponate nach der Wanderausstellung „Entartete Kunst“ bis 1942 im Reichspropagandaministerium in der Mohrenstraße einlagert waren. Von hier aus sollten sie möglichst devisenbringend im Ausland verkauft werden, was nicht gelang. Einige Bestände blieben also im Berliner Depot.

Spuren der Geschichte

Heute stehen die Bronzen und Terrakottafiguren wieder im Museum, dort, wo sie hingehören. Seltsame Vorstellung: Sie lagerten länger im Berliner Erdreich, als sie je öffentlich ausgestellt waren. Nahezu alle Figuren sind von einer spröden Patina überzogen. Otto Baums „Mädchen“ mit dem keck-schrägen Blick trägt Rost an Ohr und Mund. Ihre Basis ist beschädigt. Spuren der Zeit. Stellt sich die Frage, was ist hier eigentlich authentisch? Die Alterungsschrunden oder die einst glänzende Oberfläche? Die Restauratoren in Berlin sind sich allesamt einig: die Patina bleibt, damit die Transformation und das Schicksal der Figuren nachvollziehbar ist. Matthias Wemhoff: „Wir sehen, welche Aura und Würde die Figuren trotzdem noch ausstrahlen.“

Die bei den Grabungen gefundenen Objekte werden bis auf Weiteres in der Ausstellung „Der Berliner Skulpturenfund. ,Entartete Kunst' im Bombenschutt“ im Griechischen Hof des Neuen Museums auf der Museumsinsel präsentiert. Karten: Der Eintritt ins Neue Museum (Bodestraße 1) erfolgt mit einem Zeitfensterticket (10 Euro). Öffnungszeiten: So-Mi 10-18 Uhr. Do-Sa 10 bis 20 Uhr. Buchungen unter: Tel.: (030)266424242 oder online: www.neues-museum.de/