Wo ist Berolina? Seit inzwischen neun Monaten wird Performerin Vidina Popov von dieser Frage gequält. Sie schlüpft in die Rolle der Oberkommissarin Popov und lässt die „Tatort“-Erkennungsmelodie aus einer mobilen Lautsprecherbox ertönen, um ihren Ermittlungen Wucht zu verleihen – und dann passieren immer sehr unterhaltsame Dinge. Doch Berolina – ein kleiner, weißer Elefant und Maskottchen des Literaturhauses Berlin (Li-Be) – bleibt verschwunden.

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Vor mehr als einem Jahr, im Frühsommer 2024, ist das Team um die Li-Be-Leiterinnen Janika Gelinek und Sonja Longolius aus dem Stammsitz in der Fasanenstraße 23 ausgezogen, weil das spätklassizistische Anwesen saniert und barrierefrei gemacht werden muss. Von der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM), federführend für die Bauarbeiten verantwortlich, gab es zunächst die Zusicherung, dass bis zum Januar 2026 alles erledigt sei. Also zog das Li-Be-Team in ein Interimsquartier in Moabit und ließ sich darauf ein, weiterhin das Programm eines Literaturhauses anzubieten – nur ohne Literaturhaus.

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Buchpremieren, Lesungen und Diskussionsrunden gab und gibt es stattdessen in der ganzen Stadt, vom Zoo Palast bis zur Fahimi Bar, vom Zeiss-Großplanetarium bis zum Tieranatomischen Theater – und das mit Erfolg und viel Publikum. In der Fasanenstraße dagegen blieb es seltsam ruhig. Monatelang geschah auf der Baustelle überhaupt nichts, wogegen sich bald entschiedener Protest aus der Zivilgesellschaft regte. Und der war offensichtlich nötig. Inzwischen zeugen Planen, Zäune und sogar Lärm von Arbeiten auf dem Grundstück, die vielleicht sogar voranschreiten. Im Juni 2026, heißt es, soll endlich die Abnahme stattfinden.

Aber Vidina Popov wäre nicht Oberkommissarin Popov, wenn sie das schon beruhigen würde. Ihre Suche nach Berolina ist an diesem Wochenende in die vierte Folge gegangen – und weil die Performerin die Baustelle in der Fasanenstraße nicht mehr betreten darf, hat sie sich diesmal für das Elefantentor am Zoologischen Garten entschieden. Ihr kleines, aber hochkarätiges Publikum kann beobachten, wie sie unverdrossen Passanten nach dem Verbleib des Elefanten befragt. Den hat es wirklich einmal gegeben, als im heutigen Literaturhaus noch ein Amüsierbetrieb namens „Dolce Vita“ heimisch war. Damals, in den 1960er-Jahren, wurde das Tier dazu genötigt, Tänzerinnen beim Entkleiden zu helfen, heute erinnert eine Skulptur daran. Aber wo ist sie hin?

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Neun Monate suche sie schon danach, ruft die Ermittlerin aus, in dieser Zeit habe so manche Frau schon deutlich mehr zuwege gebracht! Sie beschreibt ihre Fahndung als existenzielle Suche nach dem „Elefanten im Raum“. Beim letzten Mal, man erinnert sich noch gut, brach sie zusammen mit Danilo Timm und dem Chor ohmychoir gleich ein Stand-up-Konzert vom Baustellenzaun, um die schnelle Rückkehr des Lieblingsortes einzufordern.

Diesmal lädt sie ihre Gäste zu einem lustigen Rollenspiel auf George Orwells fiktiver Farm der Tiere. Daraus folgt ein interessantes Gespräch über die Ängste, die man zurzeit mit sich herumträgt – zu denen neben Kriegs- und Klimabefürchtungen auch die Sorge um die Zukunft der Kultur gehört. Sie werde nicht ruhen, nicht weichen und nicht wanken, versichert die Oberkommissarin zum Abschied. Hätte jeder Elefant eine Schutzgöttin wie sie, wäre die Welt ein besserer Ort.

Die Berliner Morgenpost produziert mit dem Literaturhaus Berlin den Podcast „Berlins schönste Seiten.“

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#64 Über Eloy Moreno/Jokha Alharti/Berit Glanz
Berlins schönste Seiten – der Literaturpodcast