Drückende Sommerhitze herrscht am frühen Sonntagnachmittag an der Charlottenburger Fasanenstraße. Der Anblick des Literaturhauses ist überraschend: Ein großer Bauzaun blockiert den Bürgersteig vor dem Grundstück, der Garten ist durch eine Folie vor Blicken geschützt, ein großes Schild informiert, dass hier Arbeiten im Gange sind. Wenn man die Vorgeschichte kennt, hat das fast etwas Theatralisches.
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Vor einem Jahr sind Literaturcafé, die Buchhandlung im Souterrain und das Team Literaturhaus aus der denkmalgeschützten Villa ausgezogen, weil dringend saniert und umgebaut werden muss. Die sanitären Anlagen und die Leitungen sollen erneuert, das Literaturhaus mit einem Fahrstuhl barrierefrei gemacht werden. Das Team des Literaturhauses feierte Abschied, bezog ein Zwischenquartier in Moabit und begab sich für sein Programm auf Wanderschaft durch die ganze Stadt. Und die Fasanenstraße? Verfiel in den Tiefschlaf.
Trotz anderslautender Zusagen der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) vergingen Monate, bis so etwas wie eine Baustelle sichtbar wurde. Irgendwann hatte die Zivilgesellschaft die Nase voll und suchte die Öffentlichkeit – Architekt Hans Kollhoff sprach von einem „Bauskandal“, Beate Stoffers von der Stiftung Zukunft Berlin zeigte sich fassungslos. Wer weiß, ob ohne den Druck bis heute überhaupt etwas geschehen wäre? Zaun und Blickschutzfolie wirken jedenfalls wie ein Abwehrzauber. Gerüchten zufolge sollen im Innern des Hauses nun sogar Handwerker zugange sein.
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Der ganze Vorgang ist auch eine sehr unterhaltsame Inspiration für die österreichische Schauspielerin Vidina Popov. Sie tritt hier regelmäßig als Oberkommissarin Popov in Erscheinung, die im Fall des verschwundenen Elefanten Berolina ermittelt. Dabei geht es um die vom Künstler Marc Bausback angefertigte Plastik des Elefantenbabys Berolina, ein Markenzeichen des Literaturhauses. Es erinnert an die 1960er-Jahre, als es in der Villa noch das Etablissement „Dolce Vita“ gab, wo der kleine Dickhäuter Tänzerinnen entkleiden musste. Berolina starb später an einer Lungenentzündung, eine traurige Geschichte.
Literaturhaus Berlin: „Ich lebe im Elend, wenn du nicht da bist“
Aber die Skulptur ist jetzt auch eine Metapher. „Uns fehlt ein Stück kulturelle Heimat“, skandieren Vidina Popov, Danilo Timm und der Chor ohmychoir, die an diesem heißen Sonntag ein neues Genre aus der Taufe heben: die gesungene Baustellenhommage. Mit gelben Helmen sie am Zaun ein Pop-up-Konzert, das schnell eine Menschentraube um sich versammelt. Wie gut sich doch die Klassiker der Popgeschichte darauf beziehen lassen: Ist es nicht ein „Wicked Game“, das hier im Gange ist, jenes böse Spiel also, das Chris Isaak bereits 1989 besang? Und in „Don’t Let Go (Love)“ von En Vogue (1996) heißt es so schön: „I live in misery, when you‘re not around“: Ich lebe im Elend, wenn du nicht da bist. Das Publikum singt innig mit, denn so geht es derzeit vielen.
Die Berliner Morgenpost produziert mit dem Literaturhaus Berlin den Podcast „Berlins schönste Seiten“.




