Atrin Madani gilt als einer der größten Stimmen des jungen europäischen Jazz. Gerade mal zwei Jahre ist es her, dass der gebürtige Berliner sein Debütalbum vorlegte. Und jetzt darf der Sänger als Opening Act das Konzert von Weltstar Gregory Porter beim Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt eröffnen. Ein Ritterschlag für den 27-Jährigen. Im Gespräch platzt Atrin Madani schier vor Glück. Und er verrät, was er unbedingt vor dem Konzert vermeiden will.
Herr Madani, wie haben Sie sich gefühlt, als Sie erfahren haben, dass Sie Gregory Porter auf dem Gendarmenmarkt supporten?
Atrin Madani: Erstmal war da ein kurzer Moment der Schockstarre. Ich dachte, wow, passiert das jetzt wirklich? Und dann war da nur noch pure Ekstase. Ich habe mich wahnsinnig gefreut und freue mich immer noch. Es ist schließlich eine große Ehre, für den momentan größten Jazz-Act der Welt hier in meiner Heimatstadt Berlin die Bühne eröffnen zu dürfen.
Zur Person: Atrin Madani
Geboren wurde Atrin Madani 1998 in Berlin. Aufgewachsen ist er in Schöneberg, wo er heute noch fest verwurzelt ist. Bereits mit zehn Jahren trat er in den Staats- und Domchor Berlin ein und bald mit dem Deutschen Symphonie Orchester und den Berliner Philharmonikern unter Ingo Metzmacher und Sir Simon Rattle auf. Nach dem Abitur studierte er Jazzgesang erst in Dresden und wechselte schließlich im Herbst 2019 ans Jazz-Institut Berlin. Atrin Madani war Mitglied im Bundesjazzorchester und spielte Tourneen in New York, Chicago, Israel und auf dem Balkan. 2021 nahm Madani mit seinem Quartett in den Berliner Hansa Studios sein Debüt-Album „Where Are We Now?“ auf und wurde damit 2024 in der Kategorie „Bestes Debütalbum“ für den Deutschen Jazzpreis nominiert. Im November ist er wieder mit Pianist Paul Hankinson im der Bar jeder Vernunft zu erleben.
Wie aufgeregt sind Sie auf einer Skala von Eins bis Zehn, wenn Sie an das Konzert denken? Und wie groß ist Ihr Lampenfieber?
Elf. (lacht) Natürlich gibt es da Vorfreude mit gesundem Lampenfieber. Eine Grundaufregung braucht man ja, damit man konzentriert bleibt und nicht zu unterspannt ist.
Es wird ein Konzert vor einem großen, internationalen Publikum. Würden Sie sagen, es ist einer der wichtigsten, wenn nicht gar der wichtigste Auftritt Ihrer Karriere?
Ich hoffe, dass ich irgendwann darauf zurückschauen werde und mir sagen kann, das war der Start von etwas Besonderem. Und, dass es nicht das wichtigste Konzert meines Lebens bleibt. Aber Stand jetzt ist es das wichtigste und größte Konzert meines Lebens.
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Wie bereiten Sie sich im Vorfeld auf das Konzert vor?
Als Sänger ist die Stimme natürlich mein Kapital und damit muss ich gut umgehen. Also mich vernünftig ernähren und Stimmübungen machen. Momentan versuche ich, es mir gesundheitlich einfach nur gut gehen zu lassen und bedacht durchs Leben zu gehen, um mir nicht noch eine Erkältung zu holen. Etwa durch eine Klimaanlage oder in dem man mit nassen Haaren rausgeht. Das sind banale Beispiele. Aber man sollte sich dessen gerade in dieser Jahreszeit bewusst sein, wie leicht man krank werden kann. Und mental versuche ich, mich nicht verrückt zu machen und einfach nur dankbar und glücklich zu sein über diese wirklich einzigartige Möglichkeit. Wir alle wissen, wie schwer es nach Corona immer noch ist, als Musiker Fuß zu fassen. Daher freue ich mich umso mehr über diese großartige Gelegenheit für mich und meine Band.
Haben Sie denn schon Ihre Setlist für den Abend zusammengestellt?
Damit habe ich tatsächlich sofort angefangen, als ich die Nachricht bekam, dass meine Band und ich Gregory Porter supporten werden. Der Abend wird eine Art Zäsur in meiner Karriere sein, denn ich werde mit dem Alten abschließen, um mit etwas Neuem weiterzumachen. Es wird bekannte Songs von meinem Debütalbum „Where Are We Now“ geben, aber auch die Titel, die ich neu geschrieben habe für mein zweites Album, das wir im Januar nächsten Jahres aufnehmen werden.
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Was ist der Unterschied zwischen Neu und Alt?
Bislang wurde ich primär als Interpret wahrgenommen, sei es mit Big Bands oder meiner eigenen Band. Diesmal folgt mein Einstieg als Singer-Songwriter. Und ich glaube, viele, die mich kennen, sind gespannt, wie ich als Komponist rüberkomme.
Orientiert sich Ihre Handschrift als Songwriter an Jazz Standards oder eher an Rock und Pop?
Mein Stil ist nicht old fashioned und hat auch mit dem Great American Songbook nicht viel zu tun. Es geht in die Richtung von Donald Fagen, Steely Dan, Michael Franks und Al Jarreau. Es ist eine Mischung aus dem Yacht Rock Ende der 1970er, Anfang der 1980er und einer Art Easy Listening Jazz, wie Jazzpolizei würde vielleicht spitz anmerken würde.
Haben Sie Gregory Porter vorher kennengelernt oder ihn schon mal live erlebt?
Kennengelernt habe ich ihn noch nicht. Das wird sich hoffentlich in zwei Wochen ändern. Aber ich habe ihn kurz nach meinem 18. Geburtstag 2016 in der Philharmonie gesehen. Das war für mich absolut prägend, denn ich habe ihn zwei Jahre zuvor für mich entdeckt, als er ganz groß in Deutschland rauskam. Sein Album „Liquid Spirit“ und den Nachfolger „Take Me to the Ally“ habe ich seinerzeit rauf und runter gehört. Er ist einfach eine Jahrtausendstimme und gehört im zeitgenössischen Jazz definitiv zu meinen Vorbildern
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Ein anderes Ihrer großen Vorbilder ist David Bowie, den nicht sonderlich viel mit dem Jazz verbindet. Was hat er, was Sie an ihm mögen?
Authentizität. Er ist sich als Künstler immer treu geblieben. Ob es musikalisch war oder in Sachen Mode. Sein Look war immer grandios, so schräg er auch gewesen sein mag. Man hat ihm einfach alles abgekauft. Und als Songwriter und Ikone ist David Bowie auch aus Berlin nicht wegzudenken.
Wie haben Sie die Musik und den Jazz für sich entdeckt?
Als Kind habe ich mir den Zeichentrickfilmfilm „Findet Nemo“ dauernd angeschaut. Irgendwann wurde mein Vater stutzig und fragte sich, wieso wir den Film zum 70. Mal ansehen, obwohl das Kind gar nicht hingeschaut hat. Aber sobald der Abspann lief, war es wieder völlig bei der Sache. Denn da sang ein gewisser Robbie Williams den Song „Beyond The Sea“, ein jazziges Cover von Charles Trenets Chanson „La Mer“. Die Version von Robbie Williams hat mich damals total gefesselt. Als er das erkannte, sagte mein Vater: „Gut, dann müssen wir uns den Film wenigstens nicht zum 71. Mal anschauen.“ Er ging zu Media Markt und kaufte mir die DVD „Robbie Williams Life at the Royal Albert Hall“. In dem Augenblick als ich sah, welche Songs er sang und wie er Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis, Jr. Tribut zollte, wusste ich, das möchte ich auch machen.
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Also hat Robbie Williams Ihnen zur Gesangskarriere verholfen?
Ich würde sagen, ja. Natürlich beschäftigt man sich dann auch mit all den anderen großartigen Sängern wie eben Frank Sinatra oder Tony Bennett. Ich könnte jetzt eine halbe Stunde lang einen Vortrag darüber halten, was diese Sänger so besonders macht. Viele Europäer wissen gar nicht, dass die Traditional Popmusic, wie sie bei den Grammys genannt wird, mit Songs wie „Strangers in The Night“ Teil der Jazz-Geschichte ist.
Sie selbst sind ein Kind vieler Kulturen. Gebürtiger Berliner mit einem iranischen Vater und Ihre Mutter lebt in Kanada. Leben Sie eigentlich all diese Kulturen?
Ja, und zwar sehr gerne gleichzeitig. Ich bin natürlich vor allem Berliner. Meine iranische Seite habe ich bis vor drei Jahren noch gar nicht so an mich herangelassen. Aber seitdem schätze ich meine iranische Herkunft sehr. Sei es, wenn es ums Essen, die Kultur oder die Musik geht. Kanada hingegen ist ein großer Teil meines Lebens. Dort habe ich viel Zeit verbracht. Auch die Songs, die ich in letzter Zeit geschrieben habe, haben fast alle mit Kanada zu tun. Mein Gitarrist Alexander Ruess, sagte letztlich als ich einen neuen Song vorbeibrachte, endlich mal was, in dem weder das Wort Kanada noch Toronto vorkommt.
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Was inspiriert Sie an Kanada so sehr, dass Sie Songs darüber schreiben?
Das Miteinander der Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen dort. Als ich das erste Mal in Kanada war, hat mich das total verblüfft. Das findet man so in Deutschland nicht. Wir haben hier eine große türkische Community. Die iranische Community wächst gerade erst. Aber in Kanada gibt es eine riesige Community von Koreanern, Chinesen, Indern, Iranern und auch eine große jüdische Community, die alle friedlich zusammen leben und auch Feste auf den Straßen feiern. Da wird nicht über Willkommens- oder Leitkultur diskutiert. Die Leute akzeptieren sich weitestgehend und leben das wahre Multikulti. Das ist immer schön für mich zu sehen.
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Wie könnte das auch hierzulande gelingen?
Gute Frage. Ich habe das Gefühl, dass sich die Welt noch nicht von der Pandemie erholt hat. Wir erleben gerade eine schwierige Zeit. Wenn man sich die Nachrichten anschaut, passiert jeden Tag irgendetwas Schlimmes. Daher hoffe ich darauf, dass wir der Kultur wieder mehr Beachtung schenken. Denn das ist es, was uns zusammenbringt: die gemeinsamen Emotionen, die wir durch Musik, Kunst und Kultur erleben.
Classic Open Air, Gendarmenmarkt, Mitte, Tickethotline 01806 57 00 70, 20.7., 19.30 Uhr.








