Keine Gitarre, kein Schlagzeug und der Rest der Band hat die Bühne noch nicht betreten. Das Publikum hat die ersten euphorischen Schreie schon längst von sich gegeben, fast 20.000 Kehlen halten inzwischen den Atem an und folgen mit ihren Augen dem Licht der Scheinwerfer – die Bühne gehört ihm alleine.

Donnerstag
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Mit „Should have stayed, were there signs I ignored? Can I help you not to hurt anymore?“ (Ich hätte bleiben sollen, gab es Zeichen, die ich übersah? Kann ich dir helfen, dass deine Schmerzen aufhören?), aus dem Song „One more light“ eröffnete Frontsänger Chester Bennington am 12. Juni 2017 das allerletzte Solokonzert der Band Linkin Park in Deutschland. Ein Abend in der damaligen Mercedes-Benz Arena, den ich niemals vergessen werde.

Hilfeschrei von Chester: Die Texte von Linkin Park ganz genau durchlesen
Es waren Zeilen, die sich Menschen weltweit kurze Zeit nach dem Konzert ganz genau durch den Kopf gingen ließen. Am 20. Juli, lediglich fünf Wochen nach dem Auftritt in Berlin, unterbrach ich das Abendessen. „Chester ist tot. Er hat sich das Leben genommen“, schrieb mir meine damalige Freundin. Weitere Nachrichten von Freunden kamen im Minutentakt – auch im Fernsehen und Internet gab es jenem Abend und tagelang darauf kaum ein anderes Thema mehr.
Eine Stimme, die ihresgleichen sucht, eine charismatische Persönlichkeit, die mit ihren tiefgründigen Songs Millionen Menschen inspiriert hat und ihnen Kraft und Mut verlieh, hat den Kampf gegen die Depressionen verloren. Dabei sprach er häufig in der Öffentlichkeit über sie, verarbeitete schlimme Erlebnisse gar in seiner Musik.
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In einem sehr verbreiteten Interview sagte Chester fünf Monate vor seinem Tod: „Der Schädel zwischen meinen Ohren ist eine schlechte Gegend, in der ich nicht alleine sein sollte. Ich sage keinen netten Dinge zu mir selbst. Es ist, als wäre da ein anderer Chester, der mich runterziehen will.“ Dabei wirkte er bei dem Konzert in Berlin so nahbar, sein Auftreten fühlte sich wie eine warme Begrüßung an und nicht wie ein Lebewohl.
Besonders in dem 2017 erschienenen siebten Studioalbum der Band kann bei genauerer Analyse der Texte ein Hilfeschrei Benningtons wahrgenommen werden. In Songs wie „Heavy“ (Schwer), „Good goodbye“ (Auf Wiedersehen) und „Talking to myself“ (Ich spreche mit mir selbst), thematisiert er „einen Ort, an den du gehen kannst, weil du hier her nicht mehr zurückgehen kannst.“
Linkin Park: Gedenktafel in Berlin und Ruhe um die Band
In den folgenden Jahren wurde es ruhiger um Linkin Park – Konzerte gab es ohne den Frontsänger nicht mehr, die geplante Nordamerikatour wurde nach seinem Tod abgesagt. Ihr zweiter Sänger Mike Shinoda tourte als Solokünstler um die Welt, spielte auf seiner Tour aber immer wieder Songs der Band und ließ Chesters Parts von den Fans alleine singen. In Berlin wurde eine Gedenktafel von der „LP Family Deutschland“ vor der Uber Arena angebracht, auf der steht „In Gedenken an Chester Bennington. Wenn das Leben uns blind macht, hält uns die Liebe gütig.“ Seitdem kommen jährlich viele Fans dort hin – an seinem Todestag gibt es sogar Gedenkveranstaltungen, die in den sozialen Medien angekündigt werden.

Sechs Jahre nach dem abrupten und gefühlten „Ende“ meiner Lieblingsband veröffentlichte sie drei Songs, die 20 Jahre lang lediglich im Kosmos ihres zweiten Albums „Meteora“ existierten. „Lost“, „Fighting myself“ und „More the Victim“ waren Balsam für meine traurige Seele, die sich Chester, Mike, Rob, Brad, Joe und Dave zurückgewünscht hat – was hätte ich nicht alles dafür gegeben, auch wenn es nur einmal gewesen wäre. Anderthalb Jahre später tauchte ein mysteriöser Countdown auf den Social-Media-Accounts von Linkin Park auf, der alles verändern sollte.
Comeback mit Echo: Fans sind sauer, fordern einen neuen Bandnamen und boykottieren Linkin Park
An einem späten Donnerstagabend im September 2024 begann ein Livestream auf Instagram, der von Los Angeles aus bei Fans auf der ganzen Welt die verschiedensten Gefühle ausgelöst hat. 14 Millionen Mal wurde er danach seitdem auf YouTube angeschaut – ein Volltreffer, der mich zu Tränen gerührt hat. Kaum war Emily Armstrong als neue Frontsängerin vorgestellt, hagelte es auch schon kritische Stimmen. Fans kommentieren, wollen Linkin Park boykottieren, sehen die Band nicht ohne Chester existent und fordern eine Namensänderung.
Eine Debatte, die auch mich seit dem ersten Moment an beschäftigt hat. Wenn sie „seine“ Lieder gesungen hat, fühlte es sich für mich nicht richtig an, gar verletzend. Die Songs vom neuen Album haben mich aber gleich mit Freude erfüllt: da steht Linkin Park drauf, da ist auch Linkin Park drinnen. Es hat seine Zeit gedauert, aber eine Sängerin war die absolut richtige Wahl, jeden Sänger hätte man mit Chester verglichen. Ob der Bandname hätte geändert werden müssen? Da bin ich mir nicht sicher. Ob Emily Chester ersetzen kann? Niemals. Ob der Band, die sieben Jahre lang getrauert hat und ihre geliebten Songs nicht gespielt hat und den „echten“ Fans der Neustart gegönnt sind? Definitiv.
Vier Tattoos mit Bandbezug auf meiner Haut und acht Jahre später, bin ich wieder in Berlin. Es ist wieder Juni. Aus der Mercedes-Benz-Arena ist die Uber Arena geworden, aus Frontsänger wurde Frontsängerin und aus meiner Traurigkeit über das letzte Berlinkonzert entwickelt sich Tag für Tag ein bisschen mehr Vorfreude auf den Auftritt im Olympiastadion.
Sollten Sie selbst unter Depressionen oder Suizidgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800-/111-0-222 oder im Internet unter www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.






