Im Frühjahr 2021 erschien im Berliner Alexander Verlag das Buch „Dramaturgie des Alltags“, das auf mehr als 400 Seiten verschiedene Texte des Dramaturgen, Philosophen, Hochschullehrers und Theaterschaffenden Carl Hegemann aus den vergangenen Jahrzehnten versammelte.

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Schiller, Brecht, Adorno: Natürlich spielten darin die Säulenheiligen des Kanons eine große Rolle. Aber man konnte die Texte dieses rastlos an der Gegenwart interessierten Geistesmenschen seinerzeit auch direkt auf die Coronapandemie und ihre Begleiterscheinungen beziehen. Heute liest es sich wie eine Verteidigung des Theaters gegen die Sparmaßnahmen des Berliner Senats, wenn Hegemann das Theater als einen Ort beschreibt, wo Menschen „von den Fesseln aller Verhältnisse befreit sind und von jedem Zwang, sei er moralischer oder physischer Natur“.

Das Theater als Schutzraum gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse: An dieser ihrerseits schutzbedürftigen Qualität hat Hegemann entscheidend mitgewirkt. 1949 in Paderborn geboren, arbeitete er nach dem Studium der Philosophie, Literaturwissenschaften und Soziologie an verschiedenen Theatern und Opernhäusern. Nach dem Tod von Heiner Müller war er von 1996-1998 Ko-Intendant am Berliner Ensemble – neben seiner Arbeit als Dramaturg an der Volksbühne, deren Chef-Dramaturg er zwischen 2015 und 2017 war.

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Darüber hinaus war er Professor für Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig, zwischenzeitlich auch Dramaturg am Hamburger Thalia Theater. Studierende erlebten ihn an Hochschulen in Berlin, Frankfurt am Main, Hamburg, München, Wien und Zürich.

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Die heute oft erinnerte, legendäre, auch in Dokumentarfilmen bereits archivierte Ära Frank Castorfs am Rosa-Luxemburg-Platz in den 1990er- und 2000er-Jahren gestaltete er maßgeblich mit, mehr noch: Sie ist ohne ihn gar nicht denkbar, auch deshalb, weil er die Rolle des dienenden Dramaturgen zum Posten des Vordenkers umdeutete. „Ohne Carl und seine Gedanken wären viele meiner Arbeiten niemals entstanden“, hat Filmemacher und Aktionskünstler Christoph Schlingensief einmal gesagt. Zur Bestürzung aller Menschen, die das Theater lieben, ist Carl Hegemann, wie die Volksbühne mitteilt, am 9. Mai überraschend an einem Herzinfarkt gestorben. Er wurde 76 Jahre alt.