Der Deutsche Filmpreis wird 75. Ein Jubiläum, das die Berlinale im Februar auch schon feiern durfte. Und das ist kein Zufall. Das wissen heute nur noch wenige: Das erste Mal wurde der Filmpreis während der 1. Berliner Filmfestspiele verliehen. Das Festival hatte anfangs nur Publikumspreise, es war ja vor allem als Publikumsfest gedacht. Aber zugleich, nur zwei Jahre nach der Luftbrücke, auch als Schaufenster der freien Welt. Und das sollte auch staatstragend aufgewertet werden. Deshalb wurde von der Bundesregierung der Bundesfilmpreis ausgelobt. Zuständig dafür war der Innenminister, auch wenn da meist keine Nähe zum Kino war.
Kuriose erste Trophäen: vom Leuchter bis zum Zigarettenetui
Verliehen wurde der 1. Deutsche Filmpreis am 6. Juni 1951, dem Eröffnungstag der Berlinale, im Titania-Palast, dem ersten Festival-Kino. Alle Preise gingen damals an die Erich-Kästner-Verfilmung „Das doppelte Lottchen“. Was auch ein politisches Signal war: Weil Kästner unter den Nazis mit einem Berufsverbot belegt war.
Nach dem Krieg erlebte der Schriftsteller eine Rehabilitation, auch filmisch. Mit dem „Lottchen“ als Auftakt wurden all seine Kinderbücher in Serie verfilmt. Kästner schrieb selbst das Drehbuch und bekam dafür einen Preis. Ein zweiter ging an Regisseur Josef von Báky, das „Lottchen“ wurde auch als Bester Film geehrt. Das war‘s aber auch schon. Mehr Preise gab es damals nicht im Spielfilmbereich. Dem Innenminister schien das Ereignis übrigens nicht wichtig genug. Er ließ sich durch einen Staatssekretär vertreten.
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Danach aber trennten sich die Wege der Berlinale und des Filmpreises. Und letzterer buk zunächst kleinere Brötchen. Im Jahr 1952 wurde der Filmpreis im Bonner Bundesratssaal verliehen, da hatte es der Innenminister nicht so weit. Ab 1953 wieder in Berlin, nun im Gloria-Palast, in eher bescheidenem Rahmen. Auch die ersten Preise waren eher Fantasietrophäen: Es gab einen sechsarmigen Leuchter, eine Schale auf Delphinfüßen, einen Ständer mit Bergkristalljuwelen, eine silberne Schale in Form eines Schiffsbugs, eine Vase mit goldenem Zweig, auch ein silbernes Zigarettenetui und eine vergoldete Schmuckdose. Ab 1954 fand man dann ein einheitliches Symbol, das Filmband in Gold und Silber. Die bedeutendste Auszeichnung war die Goldene Schale für eine besonders zu würdigende Produktion, die aber nur selten verliehen wurde und 1996 ganz eingestellt wurde.
Erst waren Bundesinnenminister zuständig. Da fehlte lange die Nähe zum Kino
Anfangs gab es noch exotische Kategorien, die eher abschreckend klangen. Etwa für den besten Problemfilm, schlimmer noch: den Film, der das soziale Problem besonders eindrucksvoll behandelt, es gab den Besten Film, der zur Förderung des demokratischen Gedankens beiträgt. Und den besten Film, der für die europäische Idee wirbt. Um das Ganze zumindest um ein wenig Glamour zu bereichern, wurden ab 1952 die besten Nachwuchsschauspielerinnen und -schauspieler gekürt. Erst ab 1954 wurden auch Haupt- und Nebendarsteller ausgezeichnet und die ersten Gewerke mit Kamera und Musik.

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Der Filmpreis fand also nur langsam zu sich selbst. Übrigens auch ideell. In den ersten Jahren gingen die Trophäen vor allem an Publikumserfolge, weniger an künstlerisch herausragende oder gar innovative Produktionen. Das änderte sich erst in den sechziger Jahren, als junge Autorenfilmer „Papas Kino“ für tot erklärt hatten und das deutsche Kino sich erneuerte und verjüngte. Dabei wurden die Juryvergaben nicht selten kritisiert, wurden sie doch bestimmt von einem durch den Innenminister berufenen Ausschusses, dem „Persönlichkeiten aus dem öffentlichen, kulturellen und geistigen Leben“ angehörte. Ulrich Gregor, der dem Ausschuss lange angehörte, erzählte einmal, wie man dafür tagelang in Klausur ging, um gemeinsam Filme zu schauen und zu diskutieren. Das hatte fast was von einem Konklave. Und oft wurde da nach Gießkannenprinzip so breit wie möglich gestreut, weil an den Preisen auch Fördergelder hingen.
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Und man weiß nicht, was betrüblicher war: Dass die zuständigen Bundesinnenminister den Preis meist als lästige Pflicht ansahen. Oder sich auch mal einmischten wie 1982 Friedrich Zimmermann (CSU), der Herbert Achternbusch das Preisgeld für seinen Film „Das letzte Loch“, der das Filmband in Silber gewonnen hatte, verweigerte. Weil seinem neuen Film „Das Gespenst“ Blasphemie vorgeworfen wurde. Achternbusch führte daraufhin einen zehnjährigen Rechtsstreit, den er schließlich gewann. Ein Sieg für die Kunstfreiheit. Als unter Gerhard Schröder (SPD) das neue Amt des Kulturstaatsministers gegründet wurde, ging auch die Verantwortung des Filmpreises auf diesen über. Viele Innenminister-Anwärter haben wohl aufgeatmet. Die künftigen Kulturstaatsministerinnen und -minister aber wussten die Gala alle als Bühne zu nutzen.
Seit 2005 wird der Filmpreis von der Deutschen Akademie vergeben
1999 wurde der erste Filmpreis unter einem Kulturstaatsminister verliehen. Und der bekam eine Generalüberholung. Zur 50. Verleihung im neuen Jahrtausend, also 2000, gab es eine neue Statuette, eine güldene Art-Déco-Figur von Mechthild Schmidt, eine Frau in einem Filmband. Sie bekam auch einen eigenen Namen: Lola. Benannt nach drei legendären deutschen Filmfiguren: die von Marlene Dietrich in „Der blaue Engel“, von Barbara Sukowa in Fassbinders „Lola“ und Franke Potente in Tykwers „Lola rennt“. Einige witzelten, der Preis sehe aus wie eine Klobürste. Aber haben wollte sie doch jeder. Vor allem auch wegen der daran geknüpften Fördergelder.
Mit Selbstbewusstsein hatte sich die Filmbranche immer wieder dafür stark gemacht, eine eigene Deutsche Filmakademie zu gründen, nach dem Muster von Hollywood, wo die dortige Academy auch die Oscars verleiht. Im Sommer 2003 war es schließlich so weit. Die Akademie wurde gegründet, zwei Jahre später das bisherige unabhängige Auswahlkomitee durch ein dreistufiges Wahlverfahren der Akademiemitglieder ersetzt. Und die Verleihung vom Sommer in den Mai vorgezogen. Kritiker befürchteten, nun würden wieder, wie ganz zu Anfang, vor allem große Produktionen ausgezeichnet. Das trat aber nicht ein. Die Akademie wählt genauso ausgewogen, aber auch genauso streitbar, wie das zuvor das Komitee getan hat.
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Ein Vorwurf, den sich die Akademie immer anhören musste, war der, dass die Branche staatliche Fördermittel unter sich aufteilte. Und tatsächlich war es ein weltweites Unikum, das ein nationaler Filmpreis an Fördergelder geknüpft war. Aber da gibt es nun zum 75er-Jubiläum eine radikale Neuerung: Der Hauptpreis wird zwar nach wie vor drei Mal verliehen, in Gold, Silber und Bronze (auch das ein Unikum), aber daran hängen keine Preisgelder mehr. Nun steht der Deutsche Filmpreis wirklich für sich selbst. Im Zuge der Filmförderreform des Kulturstaatsministerium wurde entschieden, die Preisgelder zum Deutschen Filmpreis künftig als Teil der jurybasierten Produktionsförderung umzuwidmen.
Der Rekord liegt bei zehn Lolas - Das wurde erst zwei Mal erreicht
Die größten Gewinner waren bislang „Nachts, wenn der Teufel kam“ (1958) und bei der 60. Verleihung 2010 „Das weiße Band“ mit je zehn Preisen. Dicht gefolgt von „Lieber Thomas“ (2022) und „Im Westen nichts Neues“ (2023) mit je neun Lolas. Als Regisseur wurde Rainer Werner Fassbinder am häufigsten ausgezeichnet: sechs Mal zu Lebzeiten und einmal posthum. Erfolgreichster Schauspieler war Götz George mit vier Preisen, bei den Kolleginnen liegt der Rekord bei drei, das immerhin haben schon die Fassbinder-Musen Hanna Schygulla, Irm Hermann, Barbara Sukowa und Eva Mattes geschafft sowie Katja Riemann und Sandra Hüller. 2016 gewann Laura Tonke als bisher einzige Schauspielerin sowohl den Preis als beste Haupt- und Nebendarstellerin, was Albrecht Schuch 2020 als bisher einziger Schauspieler wiederholte.
Im Jubiläumsjahr kann kein Rekord gebrochen werden. „September 5“ ist zehn Mal nominiert, einige Trophäen dürften aber auch an „In Liebe, Eure Hilde“ gehen, der sieben Mal nominiert ist. Kurios ist immerhin, dass in diesem Jahr gleich drei Künstler doppelt nominiert sind: Sam Riley zwei Mal als bester Hauptdarsteller, Alexander Scheer zwei Mal als bester Nebendarsteller – und Komponistin Dascha Daschenhauer zwei Mal für die beste Filmmusik. Da heißt es wieder Daumen drücken, Bangen und Hoffen.





