Ein Holocaust-Überlebender oder eine Sexarbeiterin, ein Transgender-Drogenboss oder eine Papstwahl: Wer wird das Rennen machen bei der Oscar-Verleihung, die am Sonntagabend (Ortszeit) in Los Angeles zum 97. Mal gefeiert wird? Die Prognosen gehen in diesem Jahr weit auseinander.

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Die Show ist damit so offen wie lange nicht. Und die spannendste Frage wird sein: Wird sich Hollywood, das sich immer als liberales Aushängeschild und das bessere Amerika versteht, gegen den neuen (und alten) US-Präsidenten Donald Trump positionieren?

97th Academy Awards - Red Carpet roll out
Der rote Teppich wurde für den Oscar schon mal ausgerollt. Und Conan O'Brien, der diesmal moderieren wird, lag publikumswirksam drauf. © AFP | PATRICK T. FALLON

Oscar 2025: Präsentiert sich Hollywood als das bessere Amerika?

Wenn die über 9000 Mitglieder der ehrenwerten Filmakademie von Hollywood ein politisches Signal setzen wollten, dann wäre der Gewinner klar: „The Brutalist“, der Golden-Globe-Abräumer, der für zehn Oscars nominiert ist. Ein Monumentalepos wie zu Hollywoods besten Zeiten, das den Vereinigten Staaten von Amerika aber einen Zerrspiegel vorhält.

Weil es von einem Holocaustüberlebenden handelt, der in den USA ein neues Leben beginnen will, dem hier aber lauter Steine in den Weg gelegt werden. Und obwohl dies eine fiktive Geschichte ist, angesiedelt in den 50er-Jahren, lässt sie sich bei Trumps angekündigter rigider Migrationspolitik hochaktuell interpretieren. Denn: „Sie wollen uns nicht“, lautet das bittere Fazit des Films.

Einen Golden Globe hat Schauspieler Adrien Brody für „The brutalist“ bereits erhalten. Kriegt er nun auch seinen zweiten Oscar?
Einen Golden Globe hat Schauspieler Adrien Brody für „The brutalist“ bereits erhalten. Kriegt er nun auch seinen zweiten Oscar?© AFP | Robyn Beck

Möchte Hollywood ein Statement setzen, dann müsste Adrien Brody auch als bester Hauptdarsteller für diesen traumatisierten Migranten ausgezeichnet werden. Es wäre seine zweite Oscar-Trophäe nach dem Holocaust-Drama „The Pianist“ 2003.

Trump-Kritik könnte man in dieser Kategorie sogar noch deutlicher üben. Denn auch Sebastian Stan ist nominiert für „The Apprentice“, in dem er den jungen Donald Trump spielt, der skrupellose Deals betreibt und seine eigene Frau vergewaltigt. Aber das wird sich die Academy wohl nicht trauen. Trump wollte gegen den Film juristisch vorgehen.

Oscar 2025: Der große Favorit hat sich ins Aus geschossen

Der ist dann aber schnell aus den amerikanischen Kinos verschwunden, eine Art vorauseilender Gehorsam. Geht die Angst um vor Trump und seiner Milliardärs-Entourage, darunter Amazon-boss Jeff Bezos und Netflix-Gründer Reed Hastings, die die Filmindustrie so brachial umkrempeln wollen wie Trump die Demokratie?

Der große Oscar-Favorit mit 13 Nominierungen ist der in Mexiko gedrehte Film „Emilia Pérez“ von Jacques Audiard um einen Drogenboss, der durch eine Geschlechtsumwandlung ein besserer Mensch wird, aber von seiner Vergangenheit eingeholt wird. In der Titelrolle brilliert die spanische Schauspielerin Karla Sofía Gascón, die auch die erste Transgender-Schauspielerin ist, die je für den Oscar nominiert wurde.

Sebastian Stan spielt in „The Apprentice“ den jungen und skrupellosen Donald Trump.
Sebastian Stan spielt in „The Apprentice“ den jungen und skrupellosen Donald Trump. © DCM | DCM

Ein Preis für sie wäre ebenfalls ein Zeichen gegen Trump und dessen rigides Vorgehen gegen die Transgender-Community. Aber Gascón hat wohl keine Chance, nachdem alte Tweets von ihr bekannt wurden, in denen sie sich im Netz abfällig über den Islam und den Afroamerikaner George Floyd geäußert hatte.

Audiard hat sie danach sofort aus der Oscar-Kampagne zu seinem Film ausgeschlossen, aber der Schaden ist da. Ausgerechnet eine Trans-Schauspielerin gebärdet sich ähnlich rassistisch wie Trump!

Oscar 2025: Gewinnt Adrien Brody erneut einen Oscar?

Geht man da doch lieber auf Nummer sicher und wählt einen Film wie „Like A Complete Unknown“, der zwar „nur“ acht Mal nominiert ist, aber ein Biopic über den jungen Bob Dylan ist, der schon immer ein Idol der Gegenkultur und Jugendbewegung war?

Timothée Chalamet ist zum zweiten Mal für einen Oscar nominiert und könnte mit 29 Lenzen der jüngste Hauptdarsteller der Oscar-Geschichte werden. Den Rekord hält bislang – Adrien Brody, der 2003 auch 29 war, aber ein paar Tage älter war als Chalamet heute.

82nd Golden Globes - Arrivals
Sie ist die erste Transgender-Schauspielerin, die je für einen Oscar nominiert wurde: Karla Sofía Gascón. © picture alliance / Jordan Strauss/Invision/AP | Jordan Strauss

Der Überraschungssieger des Abends könnte ein ganz anderer sein: „Anora“, Sean Bakers Drama über eine junge Sexarbeiterin, die sich in den Sohn eines russischen Oligarchen verliebt und sich dann gegen deren brutale Eltern zur Wehr setzen muss.

Oscar 2025: Der Überraschungssieger könnte „Anora“ sein

Eine kleine, freche Independent-Produktion, deren Chancen in den letzten Tagen enorm gestiegen ist: Denn „Anora“ (6 Nominierungen) hat in den letzten Wochen in der sogenannten Award Season wichtige Preise bei den Branchenverbänden Producers Guild Awards (PGA), den Writers Guild Awards (WGA) und Directors Guild Awards (DGA) gewonnen, was von jeher ein Gratmesser für die Oscars ist.

Seit der Goldenen Palme von Cannes hat Bakers Film bereits 131 internationale Preise eingeheimst. Und er zeigt ebenfalls ein anderes Amerika - ohne dabei irgendwem politisch zu nahe zu treten.

ANORA, from left: Mark Eidelshtein, Mikey Madison, 2024...
Hat in der Award-Season kräftig aufgeholt: „Anora“ von Sean Baker. © picture alliance / Everett Collection | Courtesy Everett Collection

Hoffen darf auch der Berliner Regisseur Ed Berger, dessen Thriller „Konklave“ über eine Papstwahl durch die Erkrankung von Papst Franziskus eine seltsame Aktualität erhalten hat. Sein Film ist für acht Oscars nominiert, darunter auch Lisy Christl für das Kostümbild und Volker Bertelmann erneut für die Filmmusik.

Oscar 2025: Der deutsche Kandidat kommt aus dem Iran

Aber den Triumph seines letzten Films „Im Westen nichts Neues“, der vor zwei Jahren neun Mal nominiert war und vier Mal reüssierte, öfter als jede andere deutsche Produktion, wird Berger wohl nicht wiederholen können.

Bleibt noch der deutsche Kandidat im Rennen um den Auslands-Oscar, der ja in diesem Jahr nicht aus Deutschland kommt, sondern aus dem Iran: „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ konnte der Iraner Mohammad Rasoulof in seiner Heimat nur heimlich drehen, mit deutschen Geldern, und sein Koproduzent Mani Tilgner ließ ihn in Hamburg schneiden.

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Sein Thriller „Konklave“ ist acht Mal nominiert: Der Berliner Regisseur Ed Berger. © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Alessandra Tarantino

Die Wahl für diesen Film als deutscher Oscar-Kandidat war eine genuin politische Entscheidung gegen das diktatorische Regime im Iran. Was aber auch einige deutsche Filmemacher aufbrachte, die das als Schlag ins Gesicht für die heimische Filmproduktion werten.

Trumps neuer Muslim-Bann könnte schlimmer als der seiner ersten Amtsperiode sein. Das trifft auch Rasoulof. Könnte seine Chancen aber ironischerweise erhöhen. Was dann wieder ein Signal gegen die Trump-Administration wäre. Zumal auch der größte Konkurrent in dieser Kategorie der angezählte „Emilia Pérez“ ist. Gut möglich aber, dass sich die Academy auch hier für einen weniger brisanten Beitrag entscheidet.

Wird das Oscar-Votum 2025 ein politisches, ein künstlerisches - oder eine Verlegenheitslösung? Wird der Komiker und Late-Night-Talker Conan O‘Brien, der erstmals die Oscar-Gala moderiert, politische Watschen verteilen? Werden die Präsentatoren und Preisträger die Bühne für Statements gegen die neue Regierung nutzen? Oder werden sie kneifen? Es wird wirklich spannend an diesem Abend.

Liveübertragung auf Pro7 ab Sonntag, 2. März, 23.45 Uhr (Roter Teppich Show), Preisverleihung ab 1 Uhr nachts.

Darf zum ersten Mal die Oscars moderieren: der Komiker und Late-Night-Talker Conan O'Brien.
Darf zum ersten Mal die Oscars moderieren: der Komiker und Late-Night-Talker Conan O'Brien. © AFP | PATRICK T. FALLON

Favoriten:

  • Emilia Perez: 13 Nominierungen
  • Der Brutalist: 10 Nominierungen
  • Wicked: 10 Nominierungen
  • Konklave: 8 Nominierungen
  • Like A complete Unknown: 8 Nominierungen
  • Anora: 6 Nominierungen
  • Dune: Part Two: 5 Nominierungen
  • The Substance: 5 Nominierungen