Ein Mann wird in der Radiologie durchleuchtet. Wenn ein Film so losgeht, wird es gewöhnlich ein Kranken-, wenn nicht ein Sterbedrama. Nicht so in „Henry Angst“. Der Titelheld, besagter Henry, hat so ein Bauchgefühl. Aber die Ärztin diagnostiziert, fast ein wenig gelangweilt: „Bei Ihrem Magen ist nichts Interessantes dabei.“ Nicht einmal seine Krankenakte gibt etwas Nennenswertes her!

Ein Mann steigt aus - und flaniert ziellos durch Berlin

Es ist bei dem jungen Mann noch etwas zu früh für eine Midlife-Crisis, und doch steckt er fest. Seine Arbeit in einem Versicherungsunternehmen ennuyiert ihn, die Beziehung zu seiner Freundin ist auch eingeschlafen. Und als ihm ein Arbeitskollege aus der Zeitung von einem Doppelselbstmord vorliest, einer Tat aus Leidenschaft, und dazu noch den berühmten Abschiedsbrief von Heinrich von Kleist rezitiert („Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war“), da zieht der junge Mann einen Schlussstrich.

Er ist dann mal weg. Verlässt seine Firma. Läuft einmal quer über den Ernst-Reuter-Platz, den regen Verkehrsstrom todesmutig ignorierend. Er verlässt auch seine Freundin und zieht in eine bescheidene Pension. Um in den Tag zu leben und durch die Stadt zu flanieren. Bis ihm eine geheimnisvolle fremde Frau begegnet, Rita (Daphne Moore), die ganz ähnlich aus einer festgefahrenen Ehe ausbricht. Ironisch schenkt sie ihm einen Apfel. Frucht der Erkenntnis? Und drängt sich ihm frech geradezu auf. Kann das ein Neuanfang sein?

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Frucht der Erkenntnis? Rita (Daphne Moore) schenkt Henry einen Apfel.
Frucht der Erkenntnis? Rita (Daphne Moore) schenkt Henry einen Apfel.© Ingo Kratisch | Ingo Kratisch

„Henry Angst“, ein Film von Ingo Kratisch aus dem Jahr 1979, gehört nicht zum großen Kino-Kanon, ist kaum bekannt und wurde selten gespielt. Und doch ist er ein starkes Zeit-Bild. Geht es darin doch um einen Zeittypus: einen Aussteiger, der seine bürgerliche Sicherheit aufgibt. Einfach so durch seine Stadt, Berlin, streunt. Und ein Spiel spielt,den er „Der zufällige Weg“ nennt. In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, die die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat zeigt, wird dieser Film nun noch einmal am 7. Januar vorgestellt. Weil er in doppelter Hinsicht ein Berlin-Dokument ist.

Er zeigt Ansichten eines Berlin, wie man es kaum noch kennt. Mit leeren Straßen und wenigen Autos. Mal ist Henry im Karstadt am Hermannplatz, dann an den verwitterten Bahngleisen an der Sektorengrenze Grunewald oder im Delphi Filmpalast (wo damals noch nicht das Quasimodo war, sondern noch ein griechisches Restaurant).

Ein Mann im Stillstand. Wie die Stadt, in der er lebt

Mal ist er in der gerade erst eröffneten Staatsbibliothek, die nicht erst durch „Der Himmel über Berlin“ zur Filmkulisse wurde . Auch die Philharmonie erkennt man kaum wieder. Denn sie ist noch nackt, ohne die berühmten Gold-Aluplatten. Die wurden erst damals nachträglich angebracht, der Scharoun-Bau steht deshalb im Gerüst. Und das Kulturforum ist noch leerer und öder als heute. Man kann in dem unverbauten Areal noch bis zum Kanal schauen.

Donnerstag

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Ein Berlin-Dokument ist der Film aber auch dank seines Hauptdarstellers Klaus Hoffmann, ein Ur-Berliner, der damals noch vorrangig Schauspieler war und sich gerade erst zum gefeierten Liedermacher wandelte. 1976 hatte er in der Verfilmung von Ulrich Plenzdorfs „Die jungen Leiden des jungen W.“ den Goetheschen Stürmer und Dränger im Hier und Heute gespielt. In „Henry Angst“ wurde er nun zum Inbegriff des Aussteigers. Ein Mann im Stillstand, wie die Stadt, in der er lebt.

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Im Zug lernen Henry und Rita einen Fremden kennen. Der wird von Harun Farocki gespielt, Vaterfigur der Berliner Schule.
Im Zug lernen Henry und Rita einen Fremden kennen. Der wird von Harun Farocki gespielt, Vaterfigur der Berliner Schule.© Arsenal Filmverleih | Arsenal Filmverleih

Im selben Jahr, in dem im Fernsehen der Erfolgsdreiteiler „Die große Flatter“ lief über zwei Jugendliche, die aus West-Berlin abhauen, ist „Henry Angst“ wie ein Äquivalent, eine kleinere Flatter zweier junger Erwachsener, Außenseiter und Aussteiger, die sich immer wieder begegnen, die schließlich auch zusammen flanieren, sich gegenseitig - zu zweit ist man weniger allein - Halt geben. Und am Ende sogar ausbrechen aus der großen Stadt, mit dem Zug in den Süden fahren. Und in einem letzten Bild am Meer hinausschwimmen in eine ungewisse, aber vielleicht gemeinsame Zukunft.

Ingo Kratisch betrieb mit seinem Film ein bisschen Nouvelle Vague. Mit dem genauen Blick des geschulten Kameramannes, der er war, drehte er auf der Straße, nahm Alltagsbilder fast dokumentarisch auf, bereinigte dabei auch nicht Alltagsgeräusche aus dem Hintergrund durch Nachsynchronisation. Das echte Leben spielt in den Film mit hinein.

Für Klaus Hoffmann ist dieser Film ein Spiegel seiner Geschichte

Die karge, puristische Machart war für die Zeit neu. Man kann es als frühes Beispiel der Berliner Schule sehen. Kein Zufall, dass hier neben Hanns Zischler und Rüdiger Vogler, zwei prägenden Gesichtern des Neuen Deutschen Films, auch Harun Farocki einen Gastauftritt hat, den Kratisch noch von seinem Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) kannte und der zu einer Art Vaterfigur für die Berliner Schule wurde.

Die Hauptrolle aber spielt Klaus Hoffmann. Und obschon Kratisch mit seiner Lebensgefährtin Jutta Sartory das Drehbuch schon vorab geschrieben hatte, scheint das Ganze für seinen Hauptdarsteller im Nachhinein wie seine eigene Geschichte. „In diesem Film laufe ich mehr oder weniger untertourig herum, ich sehe einfach nur gut aus und starre in die Gegend“, meint Hoffmann heute, im Rückblick, mit 73. Aber auch er steckte damals fest.

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Die letzte Szenen spielt am Meer.  Hier schwimmt das Paar in eine ungewisse Zukunft hinaus.
Die letzte Szenen spielt am Meer. Hier schwimmt das Paar in eine ungewisse Zukunft hinaus. © Arsenal Filmverleih | Arsenal Filmverleih

Von der Freien Volksbühne Berlin zog es ihn zu der Zeit gerade nach Hamburg, ans Thalia Theater, außerdem wechselte er „allmählich zum Gesang“, wie er das nennt. Sein drittes Album, das 1978 erschien, trug den programmatischen Titel „Was fang ich an in dieser Stadt?“ Womit natürlich seine Geburtsstadt Berlin gemeint war. Um diese Frage geht es auch in „Henry Angst“. Und dieser Film wurde für Hoffmann zu einem persönlichen Umbruch.

„Als wir nach Italien fuhren, um dort zu drehen, war das für mich eine Befreiung“, erinnert er sich. Er trennte sich von seiner damaligen Freundin, zog wie seine Filmfigur aus seiner bürgerlichen Wohnung in Westend aus und in eine WG nach Kreuzberg. Ging auf Reisen mit seinem Auto. Und lernte in Griechenland seine Frau Malene kennen. „Der Film war so etwas wie ein Schnittpunkt in meinem Leben“, sagt er heute. „Es war die Zeit, in der sich mein Leben änderte. Der Film ist ein Spiegel davon.“ Umso spannender wird es sein, wenn er „Henry Angst“ am 7. Januar nun noch einmal persönlich im Zoo Palast vorstellt.

Zoo Palast, 7. Januar, 20 Uhr, in Anwesenheit des Liedermachers Klaus Hoffmann.