Er ist nur für eine einzige Produktion nach Deutschland gekommen. In die tiefste Provinz, als die Stuttgart in Sachen Ballett gelten darf. Aber dann fragt ihn der Direktor des Württembergischen Staatstheaters, ob er nicht bleiben und das Ballett des Hauses leiten möchte. Da schaut der Mann ungläubig. Er spricht ja nicht mal dieselbe Sprache, erst recht nicht in künstlerischer Hinsicht.

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Er sagt dann doch zu. Stößt aber das Haus immer wieder vor den Kopf. Indem er das klassische Ballett auf den Kopf stellt. Und eine Ballerina zur Primadonna ernennt, die alle für zu alt, zu unschön halten. Immer wieder scheint der Direktor zu bereuen, dass er den Briten überredet hat, zu bleiben.

Das ist natürlich hübsch, hat der Regisseur und Choreograph John Cranko doch in den 60er-Jahren das Ballett revolutioniert, das Stuttgarter Ballett in die Weltspitze erhoben und Marcia Haydée zu einer der großen Ballerinen des 20. Jahrhunderts gemacht. Aber von dem „Stuttgarter Ballettwunder“ konnte man anfangs nichts ahnen. Und das macht den Reiz von „Cranko“, dieses Films über John Cranko (1927-1973), aus.

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Wobei sich Cranko über die Tanzszene hinaus keiner allzu großen Bekanntheit erfreut. Insofern ist dieser Film auch eine gute Möglichkeit, eine Bildungslücke zu schließen. Und von einem Kulturkampf im Schwabenland zu erfahren, der auch ein prinzipieller und leider ewiggültiger ist.

Einer zwischen Visionären und Erneuern hie und Skeptikern und Verhinderern da, die zwar schon mehr Aufmerksamkeit und für ihre Häuser anstreben, aber doch bitte immer im Rahmen der Tradition und Gegebenheiten. Ohne anzuecken. Was mit Genies halt nie zu machen ist.

„Cranko“, eine Art Anti-Gift zu Langs Goebbels-Film

Man muss an dieser Stelle noch eine andere Kreativität bewundern. Die von Joachim A. Lang. Erst vor zweieinhalb Monaten kam „Führer und Verführer“ ins Kino, sein Film über Goebbels und die NS-Propaganda. Was eben nicht mit den immergleichen Bildern illustriert ist, die die Nazis selbst inszenierten. Diese Inszenierung wird vielmehr als solche entlarvt. Eine erfrischend neue und erkenntnisgewinnende Sichtweise.

Aber wie bedrückend muss es gewesen sein, sich auf Jahre mit diesem erdschweren Thema zu befassen. Man kann sich gut vorstellen, dass Lang ein paralleles Gegenprojekt brauchte, das von den schönen, grazilen Dingen des Lebens handelt. Wie Kunst, Tanz und kreative Visionen.

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Cranko bei den Proben zu seinen anfangs noch sehr umstrittenen Choreographien.
Cranko bei den Proben zu seinen anfangs noch sehr umstrittenen Choreographien.© Port au Prince | Zeitsprung

Cranko also als Anti-Goebbels, der ebenfalls wirkmächtige Bilder und Choreographien inszeniert. Aber im Guten. Wobei Lang den mühevollen Weg dahin zeigt. Der auch ein Kampf gegen sich selbst ist. Plagen Cranko doch immer wieder Zweifel an sich selbst, der als Schwuler in erzkonservativen Zeiten immer ein Fremder, ein Außenseiter bleibt.

Starke Versinnbildlichungen für die Visionen im Kopf

Die Titelrolle hat Lang mit Sam Riley besetzt, der keinerlei Bezug zum Tanz hat, aber als Brite in Deutschland eine gewisse Fremdheit und Distanz mitbringt, die genau passt. Und ganz anders als bei „Führer und Verführer“ taucht Lang dieses Drama in wohlkomponierte, ästhetische Bilder.

Die schönste Idee sind dabei die Versinnbildlichungen. Wenn Cranko eine Vision hat, dann wenn er allein ist, im Dunkeln. Dann erscheinen immer wieder plötzlich Tänzer aus dem Nichts und umtanzen ihn. Es sind die Choreographien, die ihm gerade in den Sinn kommen. Es ist die Welt, in der er eigentlich lebt. Eine bildstarke, sinnliche Annäherung ans Ballett, gerade auch für solche, die wenig Berührungspunkte mit dieser Welt haben.

Drama, D 2025, 135 min., von Joachim A. Lang, mit Sam Riley, Max Schimmelpfennig, Elisa Badenes, Hanns Zischler