Anfangs sieht man nur schwarz. Und hört jemanden sprechen. Dann ein Schriftzug: „Kennen Sie diese Stimme?“ Eine rhetorische Frage. Denn man kennt sie, aber erkennt sie nicht. Es ist die von Adolf Hitler. Nur dass der hier einmal ohne bellende, sich überschlagende Stimme spricht. Nun hat zu jener Zeit nicht nur Hitler öffentlich anders geredet als privat. Von ihm aber gibt es keine Aufnahme seiner eigentlichen Stimme – bis auf diese, die heimlich mitgeschnitten wurde.

Donnerstag

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Alle anderen wurden vernichtet. Genauso wie Bilder, die ihn müde oder erschöpft zeigten. Das war Aufgabe seines Propagandaministers Joseph Goebbels. Und den sieht man auch sogleich zugange, wie er mit Luchsaugen darauf achtet, welche Filmaufnahmen des „Führers“ in der Wochenschau zu sehen sein sollen.

Die sattsam bekannten Bilder aufbrechen und hinterfragen

„Führer und Verführer“ ist wahrlich nicht der erste Film über Hitler und seine willigen Vollstrecker. Viele schon haben Hitler gespielt. Und viele sind daran gescheitert. Selbst Bruno Ganz im Film „Der Untergang“, der 2004 höchst umstritten war und erregt diskutiert wurde. Einen ganz anderen Ansatz nimmt nun, 20 Jahre später, Joachim A. Lang.

Weil er die überlieferten und sattsam bekannten Bilder nicht so originalgetreu wie möglich nachstellt. Sondern weil er im Gegenteil betont, dass auch diese Bilder schon eine Inszenierung waren, die unser Bild von jener Zeit noch immer prägt. Die teuflisch-genialische Tat des Propagandaministers, die nun durchbrochen und entlarvt werden soll. Mit genau jenen Mitteln, die Goebbels dafür vornehmlich angewandt hat: den filmischen.
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Es ist eine radikal andere, erfrischend neue Herangehensweise. Und sie gibt den Filmemachern und den Darstellern Freiheiten. Denn die Archivbilder kennt man zur Genüge. Hier wird gezeigt, was sich, nach Quellen wie Goebbels Tagebüchern, hinter den Kulissen zugetragen hat. Wobei sich der Fokus, anders als im Titel, vom Führer auf den Ver-Führer verschiebt: jenen Mann, der den Führer-Kult erst erschaffen hat.

Ein Schlüssellochblick ins Grauen

Es ist die Perspektive der Täter. Ein Schlüssellockblick ins Grauen, was aber auch voller Absurditäten und nicht ohne Komik ist. Wenn Hitler (Fritz Karl) etwa stets am langen Tisch tagt und an seiner Seite sitzen lässt, wer gerade in seiner Gunst steht. Mal ist es Goebbels (Robert Stadlober), mal nicht. Und doch sieht der sich immer als die Nummer Zwei des Staates.

Einer, der erfolgreich „verkauft“, was andere NS-Größen dem Volk aufbürden. Ein Mann, der sich so mächtig fühlt, dass er niemanden fürchtet. Und der doch seinen Meister findet in seiner Frau Magda (Franziska Weisz), die wegen seiner Untreue bei Hitler persönlich vorstellig wird.

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Joseph und Magda Goebbels (Franziska Weisz) müssen wegen ihrer Eheprobleme zu Hitler.
Joseph und Magda Goebbels (Franziska Weisz) müssen wegen ihrer Eheprobleme zu Hitler. © Wild Bunch | Wild Bunch

Dabei wird nichts verharmlost. Und nichts dämonisiert. Das Böse wird in all seiner Banalität gezeigt. Die berüchtigte Sportpalast-Rede probt der Film-Goebbels nur im Spiegel, das wird dann mit der Originalrede zusammenmontiert. Und immer wieder kommentieren Holocaust-Überlebende die Untaten der Täter.

Damit schlägt der Film den Bogen zu heute. Und ist auch eine dringliche Warnung vor den neuen Verführern und Populisten. Der letzte Satz gebührt dem Auschwitz-Überlebenden Primo Levi: „Es ist geschehen… Und folglich kann es wieder geschehen.“

Drama, Deutschland 2024, 136 min.,von Joachim A. Lang, mit Robert Stadlober, Fritz Karl, Franziska Weisz