Was für ein Auftakt! Kinder mit Rasseln, Frauen, die den Hof kehren und die Wäsche wringen, Musikerinnen, die sich einsingen und ihre Instrumente stimmen, Köchinnen, die das Gemüse schneiden und das Fleisch hacken: Lauter Alltagsgeräusche, die eine junge Magd aufschnappt und zu einer großen Sinfonie anschwellen, in der selbst noch ein Nieser zum musikalischen Affekt wird.

Donnerstag
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Alles ist hier Rhythmus, alles Harmonie. Bis plötzlich die strenge Haushälterin der Magd einen Klaps versetzt. Da erstirbt jäh die Musik. Sie war, das weiß der Zuschauer nun, nur im Kopf des Mädchens. Aber da, das ahnt man gleich, wird sie nicht bleiben. Sie muss aus ihr raus.
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„Gloria!“: Eine vorzeitige Erweckungs- und Überwindungsfantaie
„Gloria!“ ist ein beschwingtes Drama. Und eins der schönsten Filmdebüts des Jahres. Von der italienischen Popsängerin Margherita Vicario, die damit auch ganz keck die Historie umschreibt. Die Popmusik wird da schon im Jahr 1800 erfunden, und nicht von rebellierenden Jungs, sondern von unterdrückten Mädchen.
Eine vorzeitige Erweckungs- und Selbstermächtigungsfantasie. Mit dem ahistorischen Bruch freilich muss man können. Sonst kann man nur den Kopf darüber schütteln oder laut protestieren. Aber das tun hier ja schon die alten, überheblichen, toxischen Herren hier, die die Frauen kleinhalten. Und mit denen mag man sich keineswegs gemein machen.
„Gloria!“ ist ein Kostümfilm, der in dem fiktiven Waisenhaus Sant’Ignazio irgendwo bei Venedig spielt. Und er erzählt eine klassische Aschenputtel-Geschichte. Von der Magd Teresa (Galatéa Bellugi), die alle „die Stumme“ nennen und die nur geduldet wird, weil sie hier die schäbigsten Verrichtungen übernehmen muss. Aber Teresa ist keineswegs stumm, nur zum Schweigen verdammt. Der Trotz, die Rebellion ist ihr schon in den Augen abzulesen, bevor er über ihre Lippen kommt.
Erst zaghaft, wollen bald alle Mädchen ihre Stimme erheben
Aber da sind noch andere Aschenputtel: Waisenmädchen, die von ihren Eltern weggeben und hier nur aufgenommen werden, um in Musik unterrichtet, ja getrimmt zu werden und die adeligen Herren zu ergötzen. Vor denen singen und spielen sie dann, ganz im Stil jener Zeit, Vivaldis titelgebendes „Gloria“, dirigiert vom herrischen Musikmeister Perlina (Paolo Rossi). Aber auch in den Musikerinnen schwären ganz andere Töne.
Dann wird alles anders, als für den Graf, der auch das Waisenhaus gnädig unterhält, ein neues Instrument abgegeben wird: ein Pianoforte, also ein Hammerklavier, das das gängige Cembalo bald ablösen sollte, aber noch als „Teufelswerk“ abgetan und im Kellergewölbe versteckt wird. Dort aber entdeckt es die Magd. Das Instrument wird ihr, die mit einem einmaligen Talent für Musik beseelt ist, zur Stimme, mit der sie nachts heimlich alles ausdrückt, was sie nicht sagen darf. Das hören die Waisenmädchen aber auch. Entdecken sie im Keller. Und wollen dann selbst in die Tasten hauen. Und ihre Weisen anstimmen.
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Anfangs entspinnt sich da noch ein kleines Gerangel über Rangunterschiede und Geblütsabstammungen. Die Waisenmädchen mögen von ihren Eltern verlassen worden sein, aber sie musizieren doch, fühlen sich als etwas Besseres als die einfache Magd. Zumal die selbstsüchtige Lucia (Carlotta Gamba). Aber dieser Zickenkrieg währt nur kurz.
Zumal die Stumme sich als gar nicht stumm erweist und sich mit klaren, selbstbewussten Worten nicht mehr länger zur Minna machen lässt. Der wahre Gegner, das sind doch nicht sie. Sondern die feinen Herren, die sie wie Püppchen halten. Und Perlina, der an ihnen seine Launen auslässt und seine Wut, weil dem Komponisten partout keine Melodie mehr einfallen will.
Eine Revolte von unten, just zum Besuch des neuen Papstes
Es dauert eine Weile, bis die Mädchen sich trauen, aus sich herauszukommen. Bis sie lernen, ihrem Kummer, ihren Sorgen, ihrer Wut Ausdruck zu verleihen. Erst zaghaft, dann immer kräftiger, und, unter Teresas Anleitung, auch musikalisch, als Protestsong. Da wird das tiefe Gewölbe plötzlich zum Jazzkeller, wo die vorherrschende Barockmusik schnell abgelegt, wo gejammt, improvisiert und gerockt wird. Ja auch gerappt, mit den taufrischen Parolen der Französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im Herzen. Von wegen piano! Forte!
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Als dann erstmals ein Papst in Venedig gekrönt werden soll, der Inbegriff der bestehenden Ordnung und (Selbst-) Herrlichkeit, und man ihm auch im kleinen Sant’Ignazio mit einem Konzert und einer neuen Komposition ergötzen will, sehen die Mädchen ihre Stunde gekommen für einen großen Befreiungsschlag. Um endlich zu einer eigenen Stimme zu finden. Um lauthals aufzubegehren. Und das Patriarchat zum Verstummen zu bringen. Eine Revolute von unten.
Ein fulminantes und erstaunlich selbstsicheres Regiedebüt
Die 36-jährige Filmemacherin Vicario begann als Schauspielerin, hat als solche auch in Woody Allens Italien-Ausflug „To Rome with Love“ mitgewirkt oder in der Serie „Borgia“, wo es auch um einen selbstherrlichen Papst ging. Dann wandte sie sich mehr der Musik zu und gab 2013 ihr Debüt als Sängerin und Songwriterin. „Gloria!“ ist nun ihr Regiedebüt, und den Filmtitel möchte man, Ausrufezeichen inbegriffen, auch anstimmen ob dieses sensationellen Erstlings. Das sie stilsicher und mutig wie eine alte Kämpin in Szene gesetzt hat und wofür sie selbstredend auch die Musik selbst geschrieben hat.
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Nur der Abspann ist ein bisschen dick aufgetragen. Da erfährt man, dass 1807 per Dekret die kirchlichen Institutionen von Venedig geschlossen wurden, hinter deren Mauern über Jahrhunderte unzählige Waisenmädchen zur Musik unterrichtet wurden, ohne dass deren Wirken und Werke je bekannt wurden.
Bei diesem Film schwingt die Musik in einem selbst mit
„Gloria!“ ist „all jenen Komponistinnen gewidmet, die wie gepresste Blumen zum Trocknen zwischen den Seiten der Geschichte verborgen blieben.“ Um sie wirklich zu würdigen, hätte es vielleicht doch eines etwas ernsteren, historisch korrekten Dramas bedurft. Aber das schmälert in keiner Weise diese mitreißende Befreiungsfantasie, wo die Musik in einem selbst mitschwingt.
Drama, Italien, von Margherita Vicario, mit Galatea Bellugi, Carlotta Gamba, Veronica Lucchesi, Paolo Rossi





