Das erste Bild zeigt das Brandenburger Tor. Noch ohne Mauer. Aber mit Grenzern, die sich bedrohlich davor aufreihen. Darüber eine Schrift: „Unsere Geschichte spielt im Sommer 1961 in Berlin – aber vor dem 13. August“. Tatsächlich wurde Film „Zwei unter Millionen“ nur kurz vor Mauerbau gedreht. Und zeigte ein realistisches Bild der surrealistischen Situation in der geteilten Stadt. Doch ins Kino kam er erst am 12. Oktober des Jahres, zwei Monate nach Mauerbau, und die Premiere wurde auch nicht in Berlin gefeiert, wo er entstand, sondern jenseits der „Ost-Zone“, wie man damals noch sagte. In Hannover.

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Billy Wilders Komödienklassiker „Eins, zwei, drei“ war nicht die einzige Filmproduktion, die von der Teilung der Stadt erzählte und dann von der Geschichte überrollt wurde. Auch „Zwei unter Millionen“ ist ein, wenn auch weniger prominentes, Opfer. Dabei ist er gerade durch die sehr authentischen Bilder ein echtes Zeitzeugnis über die letzten Tage vor dem Mauerbau. Deshalb wird der Film nun noch einmal in der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“ gezeigt, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen waschechten Berlin-Film zeigt. Ein einmaliges und von der Deutschen Kinemathek restauriertes Zeitdokument.
Hardy Krüger als Grenzgänger zwischen Ost und West
Der Film beginnt wie viele seiner Art, mit einer jungen Frau, die mit wenigen Habseligkeiten in eine fremde Stadt kommt. So beginnt etwa auch das verfilmte Berlin-Musical „Linie Eins“. In diesem Fall ist es Christine (Loni von Friedl), ein Mädchen aus Rostock, das am Ostbahnhof ankommt und in den Westen will, zu ihrer Schwester, die in Düsseldorf reich geheiratet hat. Naiv glaubt sie, sich mit ihrem Koffer an den Grenzern vorbeimogeln zu können. Da fährt ihn letzter Sekunde Kalle (Hardy Krüger) vorbei, der sie zwingt einzusteigen, um der sicheren Verhaftung zu entgehen.
Kalle ist ein Überlebenskünstler, der sich in den Widrigkeiten dieser Zeit eingerichtet hat. „Ich hab‘ die Grenze nicht gemacht“, sagt er einmal. „Aber wenn sie schon mal da ist, mach‘ ich auch das Beste draus.“ Tagsüber arbeitet er als LKW-Ausfahrer für eine LPG im Osten, abends aber kellnert er in einer Eckkneipe im Westen. Er träumt davon, sie einmal selbst zu übernehmen. Und dafür spart er, indem er billig im Osten wohnt. Bei der Auslieferhalle im Osten wird ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass man es nicht gern sieht, dass er sich im Westen aufhält. Doch darauf pfeift er. Der Grenzgänger sieht sich als Überflieger. Und bietet auch dem jungen Mädel an, sie in den Westen zu bringen.
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Eine Romanze bahnt sich an. Aber kein süßlich-kitschiges Heititei, sondern eingebettet in handfeste, traurige Realitäten. Im Westen angekommen, muss die Geflüchtete erkennen, dass die reiche Schwester sie gar nicht aufnehmen will. In die Flüchtlingsnotaufnahme nach Marienfelde will sie aber auch nicht. Also verschafft Kalle ihr eine Unterkunft in der Dachstube seiner Kneipe. Von hier aus sucht sie sich selbstbewusst eine eigene Arbeit. Und fragt Kalle unvermittelt, ob er sie heiraten will. Mitten auf einer belebten Straße. Während ein Auto zwischen sie drängt. Und sie auf verschiedene Seiten zurückspringen müssen.
Ein symbolisches Bild. Denn Kalle möchte gern die Kneipe übernehmen, die der Wirt (Joseph Offenbach) verkaufen will. Er hat 4700 West-Mark gespart, für ihn ein Vermögen. Doch der Betreiber einer Kette von Hähnchenbratereien bietet 18.000. Dagegen kommt er nicht an. Ein junges Glück, das dem Sozialismus entkommt, aber gleich im Kapitalismus k unterzugehen droht.
Der einzige Film, den Hardy Krüger auch mitproduziert hat
„Zwei unter Millionen“ ist ein aufregender Film. Zeigt er doch in ungeschönten Bildern den Alltag, dieses Zwischendrin, in dem eine ganze Stadt, eben Millionen, sich einrichten mussten, ohne die letzte Konsequenz zu ahnen. Das wird so authentisch wie möglich gezeigt. Überall klaffen offene Wunden und Leerstellen. Bei den jungen Menschen, die ihren Platz hier suchen. Aber auch in den Straßen, wo Ruinen, Trümmer, Krater und Baustellen noch vom Krieg zeugen. Bilder einer zerrissenen Stadt, die gerade wieder aufgebaut und doch erst richtig zerreißen wird.
Für die junge Wienerin Loni von Friedl, die damals gerade 18 war, war dieser Film der Durchbruch. Auch wenn sie davor schon als Kinderdarstellerin gearbeitet hatte. Der gebürtige Weddinger Hardy Krüger dagegen war schon der große Star, auch international, hatte er doch 1957 in Großbritannien das Kriegsdrama „Einer kam durch“ gedreht. Eine Abkehr vom deutschen Kino, dessen Filme der Schauspieler für zu seicht befand.
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„Zwei unter Millionen“ sollte ein bewusstes Gegenmodell sein: ein realistischer Film, der auf den Straßen spielt und von einfachen Menschen handelt, ganz wie in der französischen Nouvelle Vague. Es war der einzige Film, bei dem Krüger sich auch als Produzent mitbeteiligt hat. So wichtig war ihm dieser Film, der jenseits der Filmstudios, an Originalschauplätzen entstand, im Wrangelkiez, wo die Eckkneipe steht. Und am umtosten Bahnhof zu. Nur der Grenzübergang musste für den Dreh verlegt werden.
Aber über dem Projekt schien ein Unglücksstern zu hängen. Das fing schon damit an, dass der Regisseur Victor Vicas, der auch Filme jenseits des damalig vorherrschenden Wohlfühlkinos drehte, nach einem Drittel der Dreharbeiten erkrankte. Weshalb sein Regieassistent Wieland Liebske einspringen musste. Der größte Schock aber geschah nach der letzten Klappe, als über Nacht eine Mauer errichtet wurde. Was dann schnell noch am Anfang des Films eingebaut werden musste.
Der Film erhielt mehrere Auszeichnungen und ging doch unter
Durch die Mauer wurde der Kalte Krieg erst wirklich kalt, verfestigten sich die Aversionen. Ein Film, der zumindest versuchte, das Hüben wie Drüben authentisch und unvoreingenommen darzustellen, war da nicht mehr erwünscht. Keine Frage, Billy Wilder erwischte das schlimmer. Über seine Mauerkomödie wollte keiner mehr lachen, sie galt über Nacht als zynisch. Und sollte erst ein Vierteljahrhundert später bei der Wiederaufführung in deutschen Kinos zum Kult werden.
„Zwei unter Millionen“ dagegen wurde durchaus wahrgenommen. Und honoriert. Bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises 1962 erhielt er mehrere Auszeichnungen, für die beste Nachwuchsschauspielerin (Friedl), den besten Nebendarsteller (Walter Giller als Kalles Kumpel Paulchen) und eine Auszeichnung in Silber für den Besten Film (die er sich mit „Das Wunder des Malachias“ teilte). Auch Krüger war als bester Schauspieler nominiert.
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„Zwei unter Millionen“ zeigt einfache Menschen mit einfachen Problemen, die sich in den Stadtbildern zu verlieren drohen. Dabei nehmen die tiefenscharfen Bilder noch das scheinbar unwichtigste Detail auf. Und immer wieder wechselt die Perspektive von der Einzelbetrachtung zum Großen und Ganzen.
Ein quasi dokumentarischer Film mit nüchterner Darstellung der Realitäten
Ein Film, der seine Zeit bewusst spielget. „Buchers Enzyklopädie des Films“, lobte den Film später für seine „für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich nüchterne Darstellung der wirtschaftlichen Realitäten der Gegenwart und der Probleme zweier in jeder traditionellen Hinsicht unbedeutender Personen“. Das „Lexikon des Internationalen Films“ nennt ihn gar einen „quasi dokumentarisch wirkenden Film.“
Aber dennoch und trotz des Starimages von Hardy Krüger geriet „Zwei unter Millionen“ im Zuge der dauerhaften deutsch-deutschen Teilung eher in Vergessenheit. Und ihm war auch keine Neuentdeckung beschieden wie Wilders „Eins, zwei, drei“. Umso schöner ist es, ihn nun, zwei Jahre nach Krügers Tod, in bester Qualität noch einmal sehen zu können.
Zoo Palast, 3. September, 20 Uhr in Anwesenheit von Rainer Rother, dem künstlerischen Leiter der Deutschen Kinemathek. Tickets erhalten Sie hier.





