Es ist schon verrückt. Da wird für einen Science-Fiction-Film richtig viel Geld ausgegeben für virtuelle künftige Welten, High-Tech-Ausrüstung und jede Menge digitale Knaller und Explosionen. Aber der größte Special Effect ist sein Star ganz allein in einer engen Kabine, wo kaum Bewegungs- und schon gar kein Entfaltungsraum gegeben ist. Und der A-Star nur zu einer Maschine spricht, die immerhin mit menschlicher Stimme antwortet.

Das verlangt einiges ab. Und es erfordert größte Schauspielkunst, das trotzdem aufzufangen und einen Film über zu tragen. Jennifer Lopez ist nicht unbedingt dafür berühmt. Aber gerade das ist der Knackpunkt: Ihre Fans werden sowieso gucken. Andere aber wohl auch, um sie, vielleicht, scheitern zu sehen.

Mal wieder muss die Menschheit gerettet werden. Oder das, was noch übrig ist

Dabei geht es in Brad Peytons knalligem Sci-Fi-Film „Atlas“ eigentlich um viel mehr. Um das Scheitern der ganzen menschlichen Spezies. Und um ein brandaktuelles Reizthema: Künstliche Intelligenz. Die nämlich wurde so raffiniert programmiert, wird einem hier gleich anfangs im Stakkato von aufregenden Nachrichtenbildern der Zukunft erzählt, dass sie sich verselbstständig hat und gegen ihre eigenen Erschaffer, die so viel unvollkommenere Spezies Mensch, ausrotten will. Bevor die den ganzen Planeten kaputtgerockt haben.

Millionen Menschen sind dabei schon ums Leben gekommen. Und um zumindest den Rest der Menschheit zu retten, macht man nun Jagd auf Harlan, den Superbot, der den Krieg der Technik gegen ihre Erzeuger anführt und auf einen fremden Planeten geflüchtet ist, um von da aus den finalen Schlag vorzubereiten.

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Hier nun der Auftritt von Jennifer Lopez als titelgebende Analystin Atlas Shepherd. Auch sie lässt zwar in ihrer smarten Wohnung alles von dienender Technik verrichten, inklusive den rituellen vierfachen Espresso, ohne den sie nicht auskommt. Aber doch misstraut sie jeder Maschine, jedem Computer, jeder künstlichen Intelligenz. Und kommt im Kampf gegen sie noch altmodisch mit ausgedruckten Papierhandbüchern daher. Was junge Ranger zum Lachen bringt: Aus welchem Jahrhundert stammt die denn?

Aber nur so kann die so Gescholtene sichergehen, dass sie nicht von der eigenen Technik gehackt und ausgetrickst wird. Nur so kann sie Bots überlisten und unschädlich machen. Und tatsächlich das Versteck von Harlan (Simu Liu) ausfindig machen. Sogleich soll eine Truppe junger, testosterongeschwängerter Ranger zu dem fernen Planeten geschickt werden, um den Superbot auszuschalten. Doch halt! Ihr habt keine Ahnung, ihr werdet alle sterben, warnt Atlas. Und setzt durch, dass sie mitfliegen darf.

Archaische Familientragödie in grellstem High-Tech-Otufit

Klingt das irgendwie bekannt? Na klar. Das erinnert an Sigourney Weaver und den zweiten Alien-Film, „Aliens“. Auch da gingen die sich so überlegen fühlenden, arroganten Kämpfer schnell hops, und am Ende war da eine Frau allein im Kampf gegen das Böse. Und auch Atlas muss nun in einen riesigen Kampfroboter, einen sogenannten Mech-Suit steigen, wie Weaver am Ende von „Aliens“. Lopez muss den allerdings schon recht früh besteigen. Und hat ab da noch mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen: Sie kennt sich mit der Handhabung dieser Maschine in keiner Weise aus.

Und muss sich deshalb dem Computerhirn dieses Transformer-artigen Mechs, der mit dem Allerweltsnamen Smith gerufen werden will, anvertrauen. Dabei traut sie doch keiner Künstlichen Intelligenz über dem Weg. Aus gutem Grund, wie man bald erfährt: Denn es war ihre Mutter, die diese Bots entwickelt hat. Harlan war der Prototyp und sogar sowas wie der ältere Bruder von Atlas. Und das bessere, perfekte Kind. Bis er gegen die Mutter rebelliert hat. Eine archaisch-antik anmutende Familienfluch- und -rachetragödie in grellstem, krawalligstem High-Tech-Outfit.

Der Super-Bot Harlan (Simu Liu) und einer seiner vielen seelenlosen Kämpen.
Der Super-Bot Harlan (Simu Liu) und einer seiner vielen seelenlosen Kämpen.© Netflix | Netflix

Für Letzteres ist Regisseur Peyton leidlich bekannt. Schon in „San Andreas“ hat er Dwayne Johnson durch ein Erdbeben manövriert, das kein Sterblicher hätte überleben können. Effekt kam vor Logik. Das aber ist das Spannende an seinem jüngsten Streich: Der kann einfach als Popcornfilm konsumiert werden. Aber er erzählt unter seiner effekthaschenden Oberfläche doch von ganz aktuellen und brennenden Themen: der Angst von Hollywood vor der KI.

Nicht umsonst wohnt die Heldin der Geschichte anfangs in einem mit vielen Wolkenkratzern verbauten Zukunfts-Los Angeles, in dem auch das berühmte Hollywood-Sign ein ganz neues, spaciges Design erhalten hat. Und nicht umsonst kommt der Film nur ein Jahr nach den großen Streiks der Drehbuchautoren und Schauspieler heraus. Da ging es nicht nur um die überfällige Anpassung von Gehältern, sondern auch um die Angst, dass künstliche Intelligenz bald die Schauspieler und auch die Autoren ersetzen könnte. Kino von der Stange gäbe es dann billiger.

La Lopez kämpft auf engstem Raum mit ihren Ängsten und sich selbst

Eine kleine Frage sei erlaubt: Käme auch bei einer KI so ein Drehbuch raus wie bei „Atlas“, wo ein Pyro-Effekt und unangebrachter Kalauer den nächsten jagt? Oder ist das schon die Zukunft, wo es dann wirklich keinen Unterschied mehr macht, ob das eine menschliche Handschrift trägt? Und doch, bei allem Geballerstakkato, ist die verkürzte Formel J-Lo gegen KI doch ein starkes Sinnbild für die Ängste der Traumfabrik vor dem Alptraum künstlicher Illusionsgenerierung.

La Lopez, die demnächst 55 wird, kann dabei auch mit dem eigenen Image spielen, als Frau, die von Jüngeren verlacht und für zu alt erklärt wird. Sie kann damit auch demonstrieren, den Zweiflers im Film wie denen im Publikum, dass man sie nicht unterschätzen sollte. Wie sie da in der Mech-Kugel auf engstem Raum neurotisch und hysterisch mit ihrem Erzfeind und zugleich mit sich selbst kämpft, das hat schon was. Aber das gelingt halt nur, wenn sie sich dabei ihrer Maschine namens Smith anvertraut. Eine Zwickmühle, aus der der Film keinen Ausweg findet. Guter Robot, schlechter Robot – das verweist dann noch auf ein anderes Vorbild: „Terminator“.

Science-Fiction, USA 2024, 120 min, von Robert Peyton, mit Jennifer Lopez, Simu Liu, Sterling K. Brown, Mark Strong.