Utta Raifer

Zuletzt hat der Konzeptkünstler Daniel Knorr in der Schwartzschen Villa mehr Empathie für die „Rinde“ unserer Erde eingefordert und mit seinen Abdrücken den Blick geschärft für ihre Verletzlichkeit. Wie tief sind die Wunden? Kippt das Klima? Das Ökosystem? Gar die Demokratie? Die aktuelle, von Christine Nippe kuratierte Ausstellung „Verge“ zeigt Werke der 1981 in Berlin geborenen Malerin Michelle Jezierski. Ihre Eltern sind US-Amerikaner, der Vater Hornist bei den Philharmonikern. Aber auch die Ausstellung „Verge“ wird diese Fragen nicht beantworten, sie stellt neue: Was ist dieses Kippen eigentlich, welche Mechanismen stecken dahinter? Denn „verge“ ist selbst ein Kippwort, der Moment auf der Kippe, nach dem alles anders ist.

Michelle Jezierski: Hover, 2023Öl und Acryl auf Leinwand170 × 150 cmFoto: Marcus Schneider
Michelle Jezierski: Hover, 2023Öl und Acryl auf Leinwand170 × 150 cmFoto: Marcus Schneider© . | Marcus Schneider

„Hover“ – „Schweben“ ist ein nicht ganz quadratisches, großes Acrylgemälde auf Leinwand, bei dem man zuerst entweder ein quadratisches Raster sieht oder eine grün-blaue abstrakte Landschaft – ein Kippbild. Sieht man nur eine Abbildung und nicht das Original, drängt sich eher das Raster auf, gar ein digitales Pixelraster. Die Erwartung, die ein gemaltes Bild auslöst, wird unterwandert. Erst diese Störung lenkt den Blick auf die Landschaft: Grüne hügelige Wiesen, Wasser dazwischen, hinter den Bergen ein Hauch von Mond, der sich im Wasser spiegelt, wie auf Munchs „Sommernacht am Strand“. Romantik schlägt Pixel und Abstraktion.

Edvard Munch, Eine Sommernacht am Strand Munch (1902).
Edvard Munch, Eine Sommernacht am Strand Munch (1902).© picture-alliance / akg-images / Erich Lessing | Erich Lessing

Aber auf Dauer kann man das Raster nicht ignorieren. Es ist nicht perfekt, bisweilen wird es von der Landschaft überdeckt, meist aber lässt es sie durchschimmern oder scheint auf noch tiefer liegende Ebenen zu verweisen. Das Raster stiftet eher Verwirrung, anstatt zu ordnen. Was ist hier vorn, was hinten? Früher haben Maler solche Raster benutzt, um Landschaften und Objekte aus der Dreidimensionalität Quadrat für Quadrat auf Papier und Leinwand zu übertragen. Bei Michelle Jezierski ist es umgekehrt, das Raster durchstößt den Raum, betont seine Plastizität, schließlich war sie an der Berliner UdK Schülerin des Bildhauers Tony Cragg.

Kunst in Berlin

Simultan werden die Quadrate jedoch selbst zu kleinen Bildern, das Format zerfällt in eine Bilderwand und kippt so erneut. Ganz unten ist auf zwei Quadraten ein Berg mit scharfer Abbruchkante zu sehen wie in den Fantasielandschaften Caspar David Friedrichs, darüber eine Gewitterwolke, ein Atompilz und das Grün der Wiese wird zur Meeresbrandung mit Schaumkronen. Das Kippen öffnet jeweils eine neue Sicht oder, gemäß dem Philosophen Ludwig Wittgenstein, einen neuen Aspekt.

„Hover“ erinnert aber noch an einen weiteren berühmten Maler. Blau, Grün, ein bisschen Rosa und Violett: Das sind die Farben von Claude Monets Seerosen-Serie. Der Bildaufbau ähnelt dem des Münchner Seerosenteiches von 1919, die Pflanzen wachsen von der rechten Bildhälfte in den Teich, drei rosa Blüten im unteren Drittel, bei Jezierski scheinen sie zusammenzuwachsen und gleichzeitig auseinanderzufließen.

Claude Monet, Seerosen, 1903.
Claude Monet, Seerosen, 1903.© picture-alliance / akg-images / Erich Lessing | Erich Lessing

Monet, Munch und Friedrich – große Namen, die eines gemeinsam haben. Alle drei gelten als Wegweiser in die Abstraktion. Besonders bei Monet und Friedrich ist das eine nachträgliche Zuschreibung auf der Suche nach dem Kipppunkt von gegenständlicher Kunst in abstrakte. Auch diesen Kipppunkt lotet Michelle Jezierski in „Hover“ aus und noch einen weiteren: Farben und Formen erinnern auch an Satellitenbilder der Erde, rechts Asien, links Afrika, das Rote Meer, England in Wolken. Der Blick von außen auf die Erde, die in den Weiten des Weltraums schwebt, dehnt den Raum in die Unendlichkeit, die für uns Menschen sehr abstrakt ist, weil schwer vorstellbar. Andererseits stärkt die Außensicht die Beziehung zu unserem Planeten, erfüllt uns mit liebevoller Sorge und findet eine Gemeinsamkeit, die alle Menschen verbindet.

So wechseln Jezierskis Bilder zwischen bewusster Begrenzung und Störung des Kontinuums auf der einen Seite und unendlichem Licht und Raum auf der anderen Seite und werden zu verblüffenden mehrdimensionalen Kippbildern, die auch zum Suchen und Entdecken anregen. Utta Raifer

Schwartzsche Villa, Grunewaldstr. 55, Steglitz. Mo.-So. 10-18 Uhr. Bis 18. August..