Es ist der Tag, an dem die historische Rekonstruktion der Fassade voranschreitet. Ein Spezialkran hebt tonnenschwere Prophetenfiguren aufs Dach. Die Sandsteinskulpturen, jeweils 3,30 Meter hoch, werden an der Kuppelbalustrade montiert. Im Vorfeld hat es die üblichen Scharmützel gegeben, in denen mit dem verstörenden Vorwurf einer „fundamental-christlichen Unterwanderung“ schwerstmögliche Geschütze gegen das Humboldt Forum aufgefahren wurden. Die Stiftung Humboldt Forum weist am Dienstagvormittag die im Netz und einigen Medien kursierende Behauptung zurück, die Rekonstruktion gehe über das demokratisch beschlossene Maß hinaus. Und die Spenden für die Fassadenrekonstruktion aus rechtem oder rechtsradikalem Umfeld? Vom Beitrag der umstrittenen Publizistin Vera Lengsfeld etwa, so die Stiftung, könne „nicht einmal der rechte kleine Fingernagel des Propheten Daniel finanziert werden“.

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    „Mit der weitestgehend erfolgten Fertigstellung des Baus“, heißt es stoßseufzend am Ende der Mitteilung, „steht für uns als Stiftung nun die kulturelle Nutzung und Weiterentwicklung des Humboldt Forums im Mittelpunkt“. Wie zum Beleg dafür wird parallel zur Prophetenmontage eine neue temporäre Ausstellung im dritten Stock präsentiert, die ursprünglich vom Mauritshuis in Den Haag initiiert wurde. „Kunst als Beute. 10 Geschichten“ versammelt zehn kleine Fallstudien zu Raub- und Beutekunst quer durch die Zeiten und ist erkennbar niederschwellig konzipiert. Das unwegsame Gelände von Provenienzforschung und Restitution mit all seinen juristischen, sozialen und finanziellen Problemfeldern soll hier nicht vollständig vermessen, sondern für Interessierte überhaupt erst zugänglich gemacht werden.

    Ein balinesischer Kris aus den Beständen des Ethnologischen Museums.
    Ein balinesischer Kris aus den Beständen des Ethnologischen Museums.© Florian Boillot | Florian Boillot

    Das gelingt zum Beispiel mit Artefakten aus Berliner Beständen. So hat die Stiftung Stadtmuseum den einzigen noch erhaltenen Teil der originalen Quadriga zur Verfügung gestellt, den in Berlin regelmäßig ausgestellten Pferdekopf aus der Werkstatt Johann Gottfried Schadows. Napoleon ließ das Pferdegespann bekanntlich 1806 demontieren, in Kisten packen und nach Paris schicken. Erst 1815 kehrte es an die Spree zurück. Mit einer VR-Brille kann man sich in der Ausstellung auf das Dach des Brandenburger Tors begeben und dem Franzosen bei seinem Berliner Auftritt beobachten, an dessen Ende er, ein winzig kleiner Mensch auf dem großen Platz, im Gespräch mit einem Untergebenen unverwandt in Richtung Quadriga gestikuliert.

    Ebenfalls aus den Berliner Sammlungen stammen silberne Armbänder, Bestecke, Schmuckstücke und Alltagsgegenstände, die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern im Nationalsozialismus auf staatliches Geheiß entwendet wurden. Zwischen 1939 und 1940 erwarb das Märkische Museum, Vorläufer des heutigen Stadtmuseums, etwa 5000 solcher konfiszierten Gegenstände, von denen heute noch etwa 500 verwahrt werden. Ihre ursprünglichen Eigentümer sind nicht ermittelbar, trotzdem sucht das Museum weiterhin nach Wegen, die Objekte zurückzugeben.

    Gipsabgüsse der Benin-Bronzen.
    Gipsabgüsse der Benin-Bronzen.© Florian Boillot | Florian Boillot

    Weitere Exponate gewähren schlaglichtartige Einblicke in die deutsche und niederländische Kolonialgeschichte und thematisieren die Frage, wie Museen mit diesem Erbe heute umgehen können. Wer im Humboldt Forum ein revanchistisches Projekt vermutet, kann seine Ansichten hier auf den Prüfstand stellen.

    Humboldt Forum, Schlossplatz 1, Mitte. Geöffnet Mi.-Mo. 10.30-18.30 Uhr. Debattentag: 23. März, 11-18 Uhr.