Was um Himmels Willen passiert da mit dem Brandenburger Tor? Zum Filmstart des Historien-Blockbusters „Napoleon“ mit Joaquin Phoenix läuft die Hollywood-Maschinerie auf Hochtouren und lässt das Berliner Publikum entgeistert zurück: In einem kurzen Werbefilmchen ist doch tatsächlich zu sehen, wie ein Kran die Quadriga vom Berliner Wahrzeichen herunterzerrt – und an ihre Stelle einen Zweispitz platziert. Das ganze ist natürlich Fake.

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Der unterhaltsame PR-Clip knüpft selbstredend an reale Ereignisse aus dem 19. Jahrhundert an, wenn auch in übertriebener Art. Das Bild „Napoleons Einzug in Berlin“ des französischen Malers Charles Meynier (1763–1832) zum Beispiel zeigt die triumphale Ankunft des Feldherrn in der preußischen Hauptstadt am 27. Oktober 1806. Keine zwei Wochen zuvor war die preußische Armee bei Jena und Auerstedt vernichtend geschlagen worden. Auch interessant: Als Napoleon Berlin die Quadriga raubte

Man kann es heute nur mit der propagandistischen Absicht der Auftragsarbeit erklären, dass in ihr – von einem etwas zaghaft grüßenden Preußen am linken Bildrand einmal abgesehen – die Menschen derart verzückt scheinen vom französischen Militärpomp und der wie in göttliches Licht getauchten Gestalt des selbstgekrönten Kaisers.

Napoleon in Berlin: Man verpackte die Wagenlenkerin in Kisten

Denn was sollte nun geschehen? Unsicherheit muss damals unter den Berlinern um sich gegriffen haben, und sie sollte sich schnell bestätigt sehen – spätestens jedenfalls, als Napoleon ihr Wahrzeichen demontieren ließ: die Quadriga.

Schon am 2. Dezember entfernte man die Wagenlenkerin, die erst seit 1793 auf dem Brandenburger Tor thronte, ließ sie in Holzkisten verpacken und in den Pariser Louvre bringen – sie teilte dieses Schicksal mit vielen anderen preußischen Kunstschätzen.

Ganz Europa verbindet ein ambivalentes Verhältnis mit Napoleon

Erst acht Jahre später, nach Napoleons Niederlage in der Schlacht bei Waterloo am 18. Juni 1815, sollte sie in ihre Heimat zurückkehren. Ob die Berliner sie von nun an, wie vielfach überliefert, nur noch die „Retourkutsche“ nannten, lässt sich heute nicht mehr zweifelsfrei belegen.

Nicht nur Berlin, ganz Europa verbindet ein ambivalentes Verhältnis mit Napoleon Bonaparte, der vor 254 Jahren in Ajaccio auf Korsika geboren wurde. Die Mischung aus Vernunft, Hybris und Herrschsucht, die sein Leben kennzeichnet, aber auch die klassische Dramaturgie von Aufstieg und Fall haben eine Fülle von Büchern inspiriert, und nicht zufällig kommen die Autoren aus aller Herren Länder.

Historiker Thomas Schuler hielt in ganz Europa Ausschau nach Spuren

Einen der originellsten Zugriffe hat sich dabei der Historiker Thomas Schuler mit seiner Monografie „Auf Napoleons Spuren. Eine Reise durch Europa“ ausgesucht. Schuler ist überall in Europa unterwegs gewesen, um nach historischen Spuren Ausschau zu halten.

Seine langjährige Beschäftigung mit Napoleon ermöglicht es ihm, in seine Streifzüge durch London, Regensburg, Venedig, Berlin oder Moskau nicht nur überraschende Beobachtungen, sondern immer wieder auch spannende Quellenfunde einzuarbeiten – und dabei sogar an Episoden zu erinnern, die sich erst zu viel späterer Zeit zutrugen.

Ein Requisit im Berliner Zeughaus soll Hitler-Attentat verhindert haben

So war es wohl der Anblick eines Requisits aus Napoleons fehlgeschlagenem Russlandfeldzug, der Hitler einen Besuch des Berliner Zeughauses am 21. März 1943 abrupt abbrechen ließ, nicht ahnend, dass er damit einem Attentat des 38-jährigen Oberstleutnants Rudolf-Christoph Freiherr von Gersdorff entging, der den bereits scharf gemachten Sprengsatz in seiner Tasche kurz darauf und hektisch in einer Toilettenkabine unschädlich machen musste.

Während Schuler ausgewählte Kapitel der Biografie Napoleons kurzweilig nachzeichnet, versuchen zwei weitere, deutlich umfangreichere Bücher, dieses Leben in epischer Form wiederauferstehen zu lassen.

Da ist zum einen die erschienene Studie „Napoleon. Ein Leben“ des amerikanisch-polnischen Schriftstellers und Historikers Adam Zamoyski, der sich in früheren Büchern bereits recht erfolgreich mit Napoleons Russlandfeldzug und seinem Sturz beschäftigt hat (C.H. Beck, 863 Seiten, 29,95 Euro).

Die historischen Quellen fließen überreich

Sein Buch ist mit anderen Maßstäben zu messen, erhebt es doch den Anspruch auf Vollständigkeit – und da beginnen schon die Probleme, denn die Überlieferung zu Napoleon füllt schon in Gestalt der zeitgenössischen Zeugnisse unzählige Regalmeter.

Napoleon war Patriot, Jakobiner, auch Thermidorianer, General, republikanischer Diktator und Monarch, dazu noch Privatmann – und all diese Facetten sind auch schriftlich dokumentiert. Hier gilt es unbedingt kritisch auszuwählen, will man den Leser nicht im Material ertrinken lassen.

Spannend ist auch der heutige Blick auf die Folgen für Europa

Das gelingt in Zamoyskis durchaus unterhaltsam zu lesender Studie nicht immer, wie sie auch die Einordnung in den großen Zusammenhang der europäischen Politik oft vermissen lässt. Spannend ist ja nicht nur die damalige Sicht der Kammerzofen, Sekretäre und Militärs, sondern auch der heutige Blick auf das europäische Konzert und die Folgen für den Kontinent.

Eine überzeugendere Synthese aus historischer Analyse und spannender Erzählung ist dem französischen Historiker Patrice Gueniffey gelungen, obwohl er sich in seinem Großwerk „Bonaparte“ nur mit den Jahren bis 1802 beschäftigt und seine Erzählung mit dem Beginn des Konsulats enden lässt – also eine Aufstiegsgeschichte erzählen kann, die sich mit den Niederlagen der letzten 13 Lebensjahre nicht befassen muss.

Gueniffey (übrigens ein Schüler des Revolutionshistorikers François Furet) fasst den Leit­gedanken des „modernen Individuums“, das er in Napoleon früh und quer zu seiner Gegenwart verkörpert sah. Diese Idee wäre in einem zweiten Band noch genauer auszuleuchten.