Die Geschichte im Film „Leere Netze“ klingt zeitlos: Da sind die jungen Liebenden aus ungleichen Verhältnissen; er ein armer Schlucker, sie aus guter Familie. Um heiraten zu können, muss Brautgeld gezahlt werden. Aber woher nehmen? Als der junge Amir (Hamid Reza Abbasi), Sohn einer Witwe, dann auch noch seinen Job als Kellner verliert, scheinen die Aussichten für die Hochzeit mit Narges (Sadaf Asgari) hoffnungslos zu werden. Zumal andere Familien bei Narges’ Eltern ihre Söhne vorzustellen beginnen.
„Leere Netze“: In den Fängen der Kaviar-Mafia
Doch Amir ist bereit, jeden Job, egal wie anstrengend, anzunehmen. Er landet bei den Fischern an der Küste, eine Knochenarbeit, die auch frustrierend wenig einbringt. Doch durch aufmerksames Beobachten lernt er bald Methoden, wie er seinen Lohn aufbessern kann. Er tritt er als geschickter Schwimmer in abendlichen Tauchwettbewerben gegen Kollegen an. Während um ihn herum wie im Hahnenkampf gewettet wird, muss er versuchen unter Wasser der Schnellere zu sein, der den Aal erwischt.
Außerdem kommt er geheimen Machenschaften seines Chefs auf die Spur, der nächtens auf dem Meer wildern geht. Einmal eingeweiht, erpresst er sich das Mitmachen beim heimlichen Fangen und Ausbeuten von Stör-Kaviar. Seine Dienste als Kurier werden sogar besser bezahlt als die Arbeit beim offiziellen Fischfang. Aber je tiefer er in die illegalen Geschäfte einsteigt, desto mehr verändert sich sein Blick auf die Welt. Und auch Narges beginnt, ihn mit anderen Augen zu sehen.
Lesen Sie auch:Frankensteins Tochter: Der gefeierte Film „Poor Things“
Obwohl „Leere Netze“ im Iran spielt, steht hier einmal nicht die direkte Unterdrückung des fundamentalistischen Regimes im Zentrum. Stattdessen versucht Behrooz Karamizade, der 1985 im Alter von sieben Jahren mit seiner Familie aus dem Iran nach Deutschland kam, die subtileren Repressionen der Gesellschaft in den Blick zu nehmen.
Ein Haufen Betonsäcke als Liebestreff
Da sind die Familientraditionen, die allerdings in ihrer Ambivalenz gezeigt werden: Das Brautgeld soll nicht nur die als unstandesgemäß empfundenen Bewerber abschrecken, sondern dient zugleich als soziale Absicherung für die Braut. Und da sind die allgemein schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse, die Amir und andere in Abhängigkeiten zwingen, aus denen sie sich auf legale Weise kaum mehr befreien können.
So zeitlos der Plot ist, so bestimmt wählt Karamizade seine Handlungsorte: Sowohl die namenlos bleibende Stadt als auch die Fischerei an der Küste zeigt der Film mit großer atmosphärischer Dichte. Der heimliche Treffpunkt der Liebenden ist eine Bauruine, in der sie einen Haufen Betonsäcke durch ein Tuch in ein Sofa verwandeln. Wenn sie nur die Gesellschaft um sich herum mit ebenso leichter Hand verwandeln könnten!
Drama, Deutschland/Iran 2023, 102 min., von Behrooz Karamizade, mit Hamid Reza Abbasi, Sadaf Asgari, Keyvan Mohammadi


