Pflege in Berlin

Diese Residenz ist mehr Hotel als Seniorenheim

Besuch in der Residenz „Tertianum“. Dort lebt auch die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer – Serie, Teil 13.

Die Berliner Ehrenbürgerin Margot Friedländer wohnt seit 2010 im „Tertianum“ an der Passauer Straße in Schöneberg.

Die Berliner Ehrenbürgerin Margot Friedländer wohnt seit 2010 im „Tertianum“ an der Passauer Straße in Schöneberg.

Foto: Reto Klar

Berlin.  Wer im Alter nicht mehr in seinen eigenen vier Wänden leben möchte und über ein entsprechendes finanzielles Polster verfügt, kann in eine Seniorenresidenz ziehen. Eine dieser Residenzen ist das „Tertianum“ an der Passauer Straße, vis-à-vis des KaDeWe. Dort gibt es 82 Wohnungen und eine Pflegestation mit 25 Zimmern. Die Apartments verfügen über zwei bis vier Zimmer und sind 55 bis 156 Quadratmeter groß.

Das Angebot verspricht „betreutes Wohnen mit umfassendem Fünf-Sterne-Service“. Das bedeutet ein tägliches Drei-Gänge-Mittags- oder Abendmenü im Restaurant des Hauses, ein umfangreiches Kultur- und Sportangebot, freien Zugang zum Wellnessbereich und wöchentliche Reinigung des Apartments. Beim Menü stehen für jeden Gang drei Gerichte zur Auswahl. Kulinarischer Berater der Tertianum-Gruppe mit Häusern in Berlin, München und Konstanz ist Sternekoch Tim Raue, der in der Schöneberger Residenz auch für die „Brasserie Colette“ verantwortlich zeichnet. Sie steht im Unterschied zum Restaurant für die Bewohner auch externen Gästen offen.

Das Atrium erinnert an ein First-Class-Hotel

Wer das mit einem Glasdach gekrönte Atrium im Zentrum des sechsstöckigen Hauses betritt, gewinnt den Eindruck, in der Halle eines First-Class-Hotels zu sein. Lediglich die Tatsache, dass etliche Bewohner auf einen Rollator angewiesen sind, erinnert daran, dass man sich in einem Altersruhesitz befindet. Vom Atrium mit Bühne und Konzertflügel geht ein Clubraum nebst kleiner Bibliothek ab, hinter dem Restaurant liegt ein Garten. Vom Verkehrslärm der Passauer Straße ist nichts zu hören. Die Atmosphäre stilvoll zu nennen, ist keine werbliche Floskel.

Wer wohnt in einer solchen Residenz? Ehemalige Unternehmer, Manager, Diplomaten und Politiker, verrät die Presseabteilung der Gruppe. Angehörige des gehobenen Mittelstands, die immer gut gearbeitet hätten und nun „die Früchte ihrer Arbeit ernten“. Namen werden selbstverständlich nicht genannt.

Mischung aus alteingesessenen Berlinern und Zugezogenen

Zu den rund 100 Bewohnern zählten sowohl alteingesessene Berliner wie Zugezogene. Sie alle eine der Wunsch, nicht am Stadtrand wohnen zu wollen sondern „mitten im Leben“, heißt es. Das Interesse am reichhaltigen Berliner Kulturleben sei groß. Viele Bewohner hätten in ihren 70er-Jahren begonnen, über einen Umzug in eine Residenz nachzudenken. Oft vergingen dann noch zwei Jahre, bis sie die Entscheidung umsetzen.

Allerdings kann man in aller Regel ohnehin nicht von jetzt auf gleich in diese Residenz ziehen. Die Wartezeiten hingen von den Wünschen der zukünftigen Bewohner ab, so die Presseabteilung. Wer sein Augenmerk auf einen bestimmten Wohnungstyp gerichtet hat, müsse zwei bis drei Jahre einkalkulieren.

Das „Residenzentgelt“ beginnt bei 4480 Euro pro Monat

Das alles hat seinen Preis. Für eine 70 Quadratmeter große Zweizimmer-Wohnung wird ein monatliches „Residenzentgelt“ von mindestens 4480 Euro erhoben. Die Kosten für ein 100 Quadratmeter großes Dreizimmer-Apartment beginnen bei 5880 Euro pro Monat. Für einen zweiten Bewohner kommen 785 Euro hinzu. Dafür haben alle Wohnungen Parkettboden, Marmorbad mit Fußbodenheizung, eine komplett eingerichtete Einbauküche sowie Balkon oder Wintergarten.

Zum Sicherheitskonzept gehören eine Notrufanlage mit Knöpfen in allen Räumen, eine 24-Stunden-Rufbereitschaft und eine rund um die Uhr besetzte Rezeption, an der sich kein auswärtiger Besucher vorbeimogeln kann.

Ehrenbürgerin Margot Friedländer ist hier zu Hause

Eine nicht unbedingt typische, aber sehr charmante Bewohnerin des Berliner Tertianums ist die Holocaust-Überlebende und Berliner Ehrenbürgerin Margot Friedländer. Die heute 97-Jährige hatte sich vor zehn Jahren entschieden, von New York, wohin sie 1946 mit ihrem Mann emigriert war, in ihre Heimatstadt zurückzukehren. „Ich kam 2009 nach Berlin und durfte sieben Monate lang in diesem Haus probewohnen. Im Februar 2010 bin ich zurückgeflogen nach New York und habe innerhalb eines Monats meine Wohnung aufgelöst.“

Seit März 2010 wohnt sie nun dauerhaft dort – in demselben Apartment, in dem sie zuvor zur Probe war. „Ich fühle mich sehr wohl hier. Es ist ein schönes Haus und es ist gut gelegen. Was sollte ich auszusetzen haben? Es ist mein Zuhause“, sagt Margot Friedländer der Berliner Morgenpost. Ihre Zweizimmer-Wohnung teilt sie sich mit Lilly, einer schwarzen Katze.

„Wie kannst Du in ein Berliner Seniorenheim gehen?“

„Freunde haben mich damals gefragt, wie kannst Du in ein Berliner Seniorenheim gehen? Da wohnen möglicherweise Menschen, die damals den Nazis zugejubelt haben. Aber das interessiert mich nicht. Ich habe festgestellt, dass sehr viele nette Menschen hier leben“, erzählt sie. „Ich finde es wunderbar, dass ich die Tür zumachen und für mich sein kann, wenn ich das möchte. Ich kann aber auch in Gesellschaft sein.“

Margot Friedländer ist sehr aktiv: „Ich gehe nach wie vor ein- bis zweimal pro Woche in Schulen und lese dort aus meinem Buch. Das gibt mir Halt, das hat mir noch einmal ein Leben gegeben. Ich habe viele Auszeichnungen bekommen, das Bundesverdienstkreuz, den Berliner Verdienstorden, die Ehrenbürgerwürde. Aber die Hunderte Danksagungen von Schülern, die sind mir am wichtigsten.“

Dokumentation „Don’t call it Heimweh“ erscheint auf DVD

Daneben liest sie auch in gesellschaftlichen Organisationen und Firmen oder bei privaten Veranstaltungen aus ihren Erinnerungen „Versuche, dein Leben zu machen“ und gibt Interviews in Medien. Die 2003 gedrehte Dokumentation über ihr Leben „Don’t call it Heimweh“ wird gemeinsam mit einer aktuellen Lesung in Kürze auf einer DVD erscheinen.

„Bei meinen Lesungen sind die Schüler sehr aufmerksam“, sagt sie. „Man kann eine Stecknadel fallen hören. Ich kann nicht alle erreichen, ob ich zu 50 Menschen spreche oder zu 150. Aber wenn ich zwei oder drei erreicht habe, dann habe ich etwas erreicht.“ Sie sage den Schülern nach der Lesung immer „es ist für Euch, für Eure Zukunft. Was war, können wir nicht mehr ändern. Aber ich möchte nicht, dass einer von Euch mit dem konfrontiert wird, was wir erleben mussten.“

„Das ist für mich eine Mission geworden“

Sie spreche für all diejenigen, die nicht mehr sprechen können, sagt Margot Friedländer. „Und das sind nicht nur die sechs Millionen ermordeten Juden, ich spreche für alle, die man umgebracht hat, Millionen unschuldige Menschen, politisch Andersdenkende, Homosexuelle. Menschen haben das getan, die andere Menschen nicht als Menschen anerkannt haben. Ich sage den Schülern, das könntet Ihr sein. Das ist für mich eine Mission geworden. Ich kann das machen und ich bin dankbar dafür.“

2003 war sie auf Einladung des Senats zum ersten Mal seit ihrer Ausreise 1946 wieder in Berlin. „Als ich mit einem Freund an der Ecke Kurfürstendamm und Leibnizstraße stand, habe ich gesagt, ich bin sehr froh, in einer so schönen Stadt geboren zu sein. Berlin hat mich erschlagen.“

Umzug von New York nach Berlin – mit 88 Jahren

An der Mommsenstraße sah Margot Friedländer dann die schönen alten, mit Stuck verzierten Häuser, die sie noch von damals kannte. „Ich habe gesagt, hier könnte ich wohnen, wenn ich zehn Jahre jünger wäre. Sieben Jahre später bin ich dann nach Berlin gezogen. Mit 88 Jahren – es war unbeschreiblich.“

Ihr Entschluss stieß in New York durchaus auch auf Kritik. „Viele fragten mich, wie kannst du zurückgehen zu den Tätern? Nachdem ich zwei, drei Jahre hier war und sie gesehen haben, was ich mache, sind sie stolz auf mich und haben ihre Ansicht geändert.“ Viele Freunde hätten sie bereits in Berlin besucht. „Ich habe ein anders Gefühl gehabt für Deutschland, ich wusste, es gibt gute Deutsche. Ich wurde 15 Monate versteckt von Deutschen, von 16 Menschen, die mich nicht kannten, die mich vorher nie gesehen hatten und die mir trotzdem geholfen haben.“

„Ich habe Menschen sehr gern“

Margot Friedländer geht oft in die Oper oder ins Konzert, besucht Freunde oder bekommt Besuch. „Ich habe Menschen sehr gern, das merken die Leute. Man lädt mich gerne ein“, sagt sie lächelnd.

Die 97-Jährige ist mit einer bemerkenswerten Konstitution gesegnet und braucht keinerlei pflegerische Unterstützung. Wer im Tertianum indes Betreuung benötigt, kann sich von einem ambulanten Pflegedienst in der eigenen Wohnung oder auf der Pflegestation versorgen lassen. Es gibt einen nahegelegenen Pflegedienst als Kooperationspartner; wer möchte, kann aber auch einen anderen Dienst beauftragen.

Pflegestation mit 25 Einzelzimmern

Auf der Pflegestation mit 25 Plätzen erhalten die Bewohner Vollverpflegung „und umfangreiche Betreuungsangebote, auch speziell für demenziell erkrankte Menschen“, heißt es im Hausprospekt. Gymnastik sowie ein musiktherapeutisches und kulturelles Angebot gehören dazu. Alle Zimmer sind Einzelapartments, 32 bis 55 Quadratmeter groß, die auf Wunsch mit eigenen Möbeln eingerichtet werden können.

Die monatlichen Kosten betragen rund 3500 bis 5300 Euro, je nach Pflegegrad. Davon abgezogen werden die einheitlichen jeweiligen Erstattungen der Pflegekasse. Alle Apartments sind belegt, es gibt eine Warteliste. Vorrang hätten die Tertianum-Bewohner, es gebe aber auch Anmeldungen von außen, sagt Pflegedienstleiter Thomas Dirks. Der jüngste Bewohner des Pflegebereichs ist 81 Jahre alt, die älteste 99. Die Pflegegrade reichen von zwei bis fünf, etwa jeder zweite der 25 Bewohner hat eine Demenz.

Besetzung liegt über dem Personalschlüssel

In der Residenz arbeiten 21 Mitarbeiter nur für den Pflegebereich, hinzu kommen fünf Betreuungskräfte. Im Frühdienst seien

fünf Mitarbeiter für 25 Schutzbefohlene im Einsatz, nachmittags mindestens drei, nachts zwei, erläutert Dirks. Im Tagdienst hätten sie immer eine doppelte Fachkraftbesetzung, weil sie bei Notfällen auch auf den anderen Etagen aushelfen. Diese Besetzung liege weit über dem Personalschlüssel, sagt der Pflegedienstleiter. „Das erlaubt uns eine menschenwürdige Pflege. Ich bin seit über 30 Jahren im Beruf, ich kenne auch anderes.“

Dennoch würden auch sie bei Nachbesetzungen unter dem Fachkräftemangel leiden. „Wir erwarten aber auch soziale Kompetenz und dass der Dienstleistungsgedanke verstanden wird“, so Dirks.

Ärzte aller Fachrichtungen kommen mehrmals pro Woche ins Haus, zwei bis vier Physiotherapeuten sind fünfmal pro Woche ganztägig vor Ort. Nun, zwei Drittel der Pflegebedürftigen sind Privatpatienten.