Bei einer Wahl des originellsten deutschen Opernhauses würde der Kulturstall Britz zweifellos auf einem der ersten Plätze landen. Der Kuhstall des Gutes, auf dessen Gelände sich auch das edle Britzer Schloss befindet, wurde vor 20 Jahren in eine akustisch ausgezeichnete Bühne mit 270 Sitzplätzen umgewandelt. Volkmar Brussewitz, seinerzeit Leiter der örtlichen Musikschule, hatte die Idee, Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky unterstützte ihn damals tatkräftig. Das Projekt gelang. Es beeindruckt nicht nur durch die Vielfalt des architektonischen Ensembles inmitten arkadischer Ruhe und die Kultureinrichtungen, sondern dient auch als Korrektiv des in seinem Ansehen gründlich ramponierten Bezirks – das bessere Neukölln namens Britz.
Zum 20-jährigen Jubiläum der Sommeroper Britz gibt es den Einakter „Pigmalione“, den Peter von Winter 1787 geschrieben und wahrscheinlich nie auf einer Bühne gesehen hat. Winter war Geiger in der Hofkapelle seiner Heimatstadt Mannheim, des modernsten Orchesters jener Zeit, von Johann Stamitz, dem Erfinder der Symphonie, auf allerhöchstes Niveau getrimmt.
Viele spieltechnische Inventionen, etwa das Crescendo, gehen auf Mannheim zurück. Johann Stamitz komponierte auch das erste Klarinettenkonzert der Musikgeschichte, ein damals erst entwickeltes Instrument, das den jungen Mozart bei seinem Besuch in der kurpfälzischen Residenz 1778 über alle Maßen entzückte.
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Winters melodische Erfindungskraft war offenbar unbegrenzt
Die sogenannten Manieren und die virtuose Kunst dieses Orchesters haben unvermeidlich auch Peter von Winter geprägt; sein „Pigmalione“ gefällt durch ausgesucht schöne Harmoniemusiken der Bläser, einen bukolischen Serenadenklang und nicht zuletzt durch einen arienähnlichen Soloauftritt der Klarinette. Winters melodische Erfindungskraft war offenbar unbegrenzt, allein in diesem Einakter verstreut er Eingebungen, die für drei Opern gereicht hätten. Und zeigte sich zugleich als fortschrittlicher Komponist, der sein Werk in einem Zug durchkomponiert und dabei auf unbegleitete Rezitative vollständig verzichtet hat. Vergleiche mit Gluck und Mozart gehen natürlich viel zu weit, doch wäre eine Renaissance seiner Musik durchaus wünschenswert.
Dafür müssten sich unter Winters 40 Opern und Singspielen sicher bessere Stücke finden lassen als dieser „Pigmalione“, der seine 75-minütige Aufführungsdauer zur Hälfte mit dem einleitenden Lamento des Bildhauers füllt. Überhaupt ist das Stück dramaturgisch völlig missraten. Die Regie korrigiert das nicht und bringt auch das reaktionär-patriarchalische Frauenbild des anonymen Librettisten eins zu eins auf die Bühne.
Den kurzen Abend retten Mariia Sytailo, eine ukrainische Sopranistin, die der Kunstfigur Galatea ihr elegantes, warmes Timbre leiht, und der kraftvoll wohltönende Tenor David Krahl, der tatsächlich dem Pigmalione, der sich unpraktischerweise in die von ihm selbst geschaffene Statue verliebt, etwas Leben einzuhauchen vermag. Bestechend präzise die Leistung des von Timo Jouko Hermann dirigierten, in hundert Farben funkelnden Orchesters.
Kulturstall Schloss & Gutshof Britz, Alt-Britz 83. Termine: 20., 25., 26. und 27. August


