Die großen etablierten Orchester melden sich in der kommenden Woche aus der Sommerpause zurück. Aber noch ist die große Bühne des Konzerthauses am Gendarmenmarkt für die internationalen Nachwuchsorchester des Young Euro Classic Festivals geöffnet. Am Mittwoch war dort das Jugendorchester der EU zu Gast. Der Klangkörper setzt sich aus Musikern aller 27 Mitgliedstaaten der EU zusammen. Diese werden jährlich aus über 4000 Kandidaten ausgesucht. Das strenge Auswahlverfahren garantiert ein hohes Niveau, weshalb Spitzendirigenten wie Vladimir Ashkenazy gerne mit dem Orchester arbeiteten. Dieses Jahr stand Manfred Honeck am Pult, der zuvor bereits mit den Berliner Philharmonikern und der Staatskapelle Berlin gearbeitet hatte. Als Solisten konnte man mit dem Engländer Benjamin Grosvenor einen hervorragenden Pianisten gewinnen, der den Berlinern wohlbekannt ist, da er mehrfach beim Berliner Klavierfestival zu Gast war.
Das Programm wurde von zwei Komponisten dominiert, die unter dem sowjetischen Regime schwer gelitten haben: Sergei Prokofjew und Dmitri Schostakowitsch. Von Prokofjew wählte man das beliebte dritte Klavierkonzert, bei Schostakowitsch entschied man sich für die fünfte Sinfonie. Scheinbar hat sich Schostakowitsch nach vorherigen Konflikten mit diesem Werk wieder „auf Linie“ begeben, es ist leicht fassbar und klanglich eher traditionell. Allerdings ist der Jubelton, den er im Finalsatz anstimmt, so überzeichnet, dass man ihn kaum ernst nehmen kann. Viele interpretieren ihn als versteckte Kritik am stalinistischen System.

Zu einem Absturz im Niveau führte das dritte Stück des Abends, ein „Larghetto“ des schottischen Komponisten James MacMillan (Jahrgang 1959). Ein kitschiges Stück mit gefühligen Trompeten-Melodien, das sich bestenfalls als Soundtrack für eine sentimentale Hollywood-Schmonzette eignet. Es gibt so viele talentierte Nachwuchskomponisten, die in ihren Werken wichtige Themen unserer Zeit auf originelle und innovative Weise verarbeiten, da hätte sich sicherlich auch anderes finden lassen.
Benjamin Grosvenor bewies sich als hochvirtuoser Pianist
In Prokojews Klavierkonzert präsentierte sich Benjamin Grosvenor als hochvirtuoser Pianist, der den schwierigen Solopart mit schlankem klaren Ton und rhythmischer Wachheit souverän meisterte, allenfalls hätte Grosvenor die Ironie und Doppelbödigkeit des Werks noch etwas prägnanter herausarbeiten können. Dabei war das präzise und farblich vielschichtig aufspielende Orchester ein kongenialer Partner. Das Zusammenspiel war sensationell gut, die Klangbalance hervorragend. Zu absoluter Hochform liefen Orchester und Dirigent bei Schostakowitschs Fünfter auf.
Nur selten hört man dieses Stück klanglich so facettenreich, vor allem im Leisen agierte Honeck ungeheuer differenziert, bisweilen ließ er die Streicher an der Hörbarkeitsschwelle raunen, webte den hervorragenden Bläsersolisten, etwa an der Klarinette oder der Flöte, einen feinen Teppich. Dabei verzettelt er sich niemals in Details, hatte stets das große Ganze vor Augen. Da gab es zu Recht stehende Ovationen im voll besetzten Konzerthaus. Das Orchester bedankte sich mit zwei temperamentvollen Zugaben von Chatschaturjan und dem Katalanen Jaime Texidor.


