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Keine fünf Autominuten von der Stadtautobahn entfernt verzaubert Schloss Britz mit idyllischem Charme. Über eine gepflasterte Straße erreicht man das umzäunte Gebäude, das zitronenfaltergelb in der Morgensonne leuchtet. Gegenüber schnattern Enten in einem kleinen Teich. Hinter dem Schloss mäht Sebastian Twardowski seit einer Viertelstunde den sattgrünen Rasen. Zehn Grünflächen der rund 15 Hektar großen Schlossanlage muss er jede Woche mähen. Dafür braucht er zwei Tage pro Woche. „Der Rest ist Wässern, Krauten, Strauch- und Baumschnitt“, sagt der 24-Jährige.
08:45
Rhonda Bliesener macht das „Schlossrestaurant Britz“ startklar für den Tag. Das Ausbildungsrestaurant wird seit fünf Jahren vom „Hotel Estrel“ betrieben, das in dem einzigartigen historischen Schloss auch fünf Zimmer vermietet. Für dessen Gäste bereitet die 22-jährige Auszubildende jeden Morgen das Frühstück zu. Ab Mittag ist das Restaurant mit wunderschöner Gartenterrasse geöffnet.
09:25
Monika Schaupp bereitet den Konferenzsaal im ersten Stock des Schlosses für ein Meeting vor. 14 Personen finden in dem Raum im pittoresken Gründerzeitstil aus dem Jahr 1870 Platz. Hingucker sind dort ein gewaltiger Kristallleuchter und historische Seidentapeten. Auch die anderen fünf Räume der linken Schlossseite – Herrenzimmer, Damenzimmer, Festsaal, Speisezimmer und Terrassenzimmer – beeindrucken mit originalgetreuer Einrichtung und Kunstwerken aus den Jahren 1860 bis 1910. Berühmtester Bewohner des Schlosses war der preußische Kriegsminister Friedrichs II., Ewald Friedrich Graf von Hertzberg. Er stand Friedrich dem Großen so nah, dass er ihm nach dessen Tod die Augen schloss, und nicht Friedrichs ebenfalls anwesender Neffe Friedrich Wilhelm II.
10:40
Haustechniker Andreas Schmidt und Verwaltungsfachmann René Politz schwitzen in originalgetreuer Kutscherkleidung auf dem Bock. Drei- bis viermal pro Woche müssen die beiden thüringisch-sächsischen Warmblüter Lady und Princess vor den Landauer gespannt werden und durch die Straßen von Britz fahren. „Sonst verlernen die Pferde das Kutschfahren“, sagt Andreas Schmidt. Er musste mit seinem Kollegen extra einen Kutsch-Führerschein machen, und einmal im Jahr muss der Landauer zum TÜV. „Meistens wird die Kutsche für Hochzeiten gebucht“, sagt René Politz. Man kann sie aber auch für maximal sechs Personen für eine Fahrt durch die nahe gelegene Hufeisensiedlung buchen.
11:20
Schlossleiterin Sonja Kramer führt im Jagdzimmer im ersten Stock einen Edison-Phonografen von 1903 vor. 1706 ist das Schloss als Domizil für preußische Minister eingeweiht worden. Es ist neben dem Schloss Tegel das einzige nicht im Krieg zerstörte historische Schloss der Stadt. Der nebenan gelegene Gutshof produzierte nach moderner Vierfelderwirtschaft landwirtschaftliche Produkte, „aber auch Seidenraupen“, so Sonja Kramer. 2007 bis 2012 wurde das Anwesen für rund zehn Millionen Euro unter Denkmalaspekten restauriert und saniert.
13:05
Fünfmal pro Woche besuchen Schulklassen Imker Jürgen Hans und fragen ihn aus. Vier Völker hält Hans auf einer Wiese hinter dem Ochsensaal. Die Erstklässler der Grundschule im Hasengrund aus Pankow lernen eineinhalb Stunden Interessantes über die Bienen. Zum Abschied bekommen sie ein kleines Glas Frühlingshonig vom Imker. „Die Bienen waren bei den Äpfeln, Kirschen, Ahorn und Robinien. Als Nächstes kommen die Lindenblüten dran“, erklärt Imker Hans. Lehrerin Susann Zülsdorf ist begeistert. „Wir sind zum ersten Mal hier. Und bestimmt nicht zum letzten Mal.“
14:30
Im ehemaligen Gutsverwalterhaus direkt an der Straße hat man Töne. Dort ist die Neuköllner Musikschule Paul Hindemith untergebracht. Mehr als 1000 Musikschüler lernen, üben und proben in dem ehemaligen Kontorraum unterm Dach. Janina Sperlich hat Unterricht an der Zugposaune bei Schulleiter Daniel Busch. Der begleitet sie am Bösendorfer Flügel. Formationen wie „Berlin Brass“, das „Junge Symphonieorchester“ und der „Madrigal-Chor“ proben dort nicht nur, sondern geben im Saal auf der anderen Seite des Hofes auch Konzerte.
15:40
Beliebt bei Familien und Kindern sind die Tieranlagen auf dem Gutshof. Christina Frankiewicz kommt seit zwei Jahren einmal pro Woche mit Enkel Luca, „auch im Winter“. Der Kleine mag die Gänse, Karnickel und Kühe. Ein besonderer Freund von Luca ist der freche Ziegenbock Olaf, Christina Frankiewicz ist von den frei laufenden Pfauen fasziniert.
16:10
Viele Jahre verteidigte Matthias Buchholz im „Hotel Palace“ seinen Michelin-Stern. Dann zog es ihn vor vier Jahren ins „Schweizerhaus“ des Gutshofes von Schloss Britz. Dort serviert er feine bodenständige Küche. Die Kräuter dafür pflückt er täglich im Garten vor dem Restaurant. Zu seinen Klassikern gehört Rehrücken mit Pfifferlingen, aber auch Matjes Hausfrauenart und Bratwurst mit Sauerkraut.
16:50
Im Ausstellungsraum im Erdgeschoss gibt es neben der „Wohnkultur der Gründerzeit“ mehrmals im Jahr eine Ausstellung. Noch bis Ende August ist „Puppenwelten – Vom Biedermeier bis zum Jugendstil“ zu sehen. Ariane Walter und Bernhard Weinel sind aus Tegel angereist, um die wunderschönen Puppen, aber auch historischen Kaufmannsläden und Puppenstuben zu sehen. „Ein Ausflug hierher lohnt immer“, sagen beide unisono.
17:20 Im Heimatmuseum, untergebracht im historischen Pferdestall, betreut Udo Gößwald eine umfassende Sammlung mit Exponaten zur Kultur und Regionalgeschichte Neuköllns. „Wir verstehen uns als modernes Museum und wollen neugierig auf die Geschichte und die Gegenwart unseres Bezirks machen“, erklärt der Leiter des Heimatmuseums.
18:45
Mitarbeiter Hannes Bär inspiziert den Konzertsaal. Am nächsten Vormittag findet dort ein Konzert der Musikschule statt. Nun muss geprüft werden, ob Kasse, Eingangsbereich und Saal entsprechend vorbereitet sind, die Beleuchtung eingerichtet und die Bühne richtig aufgebaut ist.
19:05
Der Ochsensaal im ehemaligen Kuhstall des Gutshofes wurde zu einer beliebten Eventlocation umgebaut und wird ebenfalls vom „Hotel Estrel“ betreut. „Dort finden Familienfeiern, Hochzeiten und Firmenveranstaltungen statt“, berichtet Uwe Lein, der gastronomische Leiter. Der Auszubildende Jonas Härich legt bei der Dekoration letzte Hand an. In einer halben Stunde kommen die ersten Gäste.
Schloss Britz, Alt-Britz 1-3, Neukölln,
Tel. 60 97 92 30, Di.–So., 11-18 Uhr,
Konzerte und Veranstaltungen im Internet unter: www.schlossbritz.de
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