„Immer in eine Richtung, wie bei Ikea“, bemerkten die Schüler rasch eine Eigenheit der Museumsausstellung im Humboldt Forum. Und schon hatten sie einen Zugang gefunden zu dem für sie neuen Ort. „Humboldting!“ nennt sich das Projekt, das über fünf Jahren hinweg eine Klasse des Thomas Mann Gymnasiums aus dem Märkischen Viertel zusammenbringt mit der Hochkultur-Institution am Schlossplatz. Ein Austausch ist in Gang gekommen, der den jungen Menschen einen Einblick in Kultur als mögliches Berufsfeld bietet – und den Beschäftigten des Humboldt Forums einen selbstkritischen Blick auf das eigene Tun gestattet. Diversifizieren soll sich die Institution, zugänglicher werden für Menschen, die das Humboldt Forum nicht als ihren Ort in der Stadt empfinden.
Künstlerisch geleitet wird das Bildungsprojekt vom kanadischen Künstler Darren O’Donnell und der Kulturproduzentin Alice Fleming. O’Donnell ist in der Kulturarbeit mit jungen Menschen eine Berühmtheit, vergleichbar mit dem Briten Royston Maldoom, dessen Tanz-Kooperation „Rhythm Is It!“ mit den Berliner Philharmonikern 2004 zahlreiche Nachfolgeprojekte anregte.
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Im Geiste Alexander von Humboldts gehen Schüler auf Forschungsreise
O’Donnell orientiert sich an den Interessen der Jugendlichen, erklärt er im Gespräch in den Werkräumen des Humboldt Forums: „Wir geben ihnen kein Projekt vor, sondern lernen sie kennen und finden heraus, womit sie sich beschäftigen möchten.“ Gestalten die jungen Menschen eine Institution mit, so die Idee, entwickeln sie sich zu mündigen Bürgern, die auch in anderen Bereichen auf Beteiligung beharren. „In unseren westlichen Gesellschaften gibt es einen fundamentalen Widerspruch: Kinder werden als ‚unsere Zukunft‘ gepriesen – aber sie dürfen diese Zukunft nicht mit gestalten, bis sie volljährig sind“, sagt O’Donnell. Dabei ist die Teilhabe junger Menschen gesetzlich verbrieft, etwa in der UN-Kinderrechtskonvention.
Klingt gut, dieser Ansatz. Doch noch wählt die erwachsene Steuerungsgruppe die Künstlerinnen und Künstler, mit denen die Teenager kooperieren. Der von den Schülern selbst geäußerte Wunsch, stärker an den Entscheidungen beteiligt zu sein, soll aber zu einem späteren Zeitpunkt aufgegriffen werden, versichert Jocelyne Stahl, eine der beiden Projektleiterinnen von „Humboldting!“. Schließlich sind die Jugendlichen intensiv mit dem Humboldt Forum befasst. In der 7. und 8. Klasse widmeten sie der Institution und deren Selbstverständnis zwei Unterrichtsstunden pro Woche.

Angelehnt an Alexander von Humboldts fünfjährige Amerika-Expedition gehen die Schülerinnen und Schüler auf Forschungsreise. Anfang 2022 besuchten sie leitende Mitarbeitende in deren Zuhause – eine Umkehr der offiziellen Hierarchien und ihrer Machtpositionen. Kathrin Kollmeier, die Leiterin der Akademie am Humboldt Forum, berichtet, wie die jungen Forscherinnen ihr Bücherregal durchsahen. Ein Junge zog eine zerlesene Ausgabe von Dostojewskis „Schuld und Sühne“ heraus und fragte nach ihrer Geschichte. „Das war eines der ersten Bücher, die ich mir selbst leisten konnte, als Lektüre fürs Abitur“, erinnert Kollmeier. Ein Schmöker, den sie damals vor lauter Faszination nicht aus der Hand legen konnte. Ein Ausgangspunkt ihrer Leidenschaft für die Geisteswissenschaften.
Eine Patenklasse aus dem Thomas Mann Gymnasium
Ähnlich soll „Humboldting!“ für die Patenklasse aus dem Thomas Mann Gymnasium wirken. Erhellend waren die Begegnungen mit den leitenden Mitarbeiterinnen für die Jugendlichen in jedem Fall: „Wir hatten die Erwartung, dass sie luxuriöser leben. Aber als wir sie zuhause besuchten, haben wir gemerkt, dass sie genauso sind wie wir“, sagt Zara Yavuz, eine der beteiligten Schülerinnen.
„Jeder hat eigene Interessen. Es ist schön, dass man das Wissen darum den Personen hinzufügen konnte.“ Vertrauen ist gewachsen, nach anfänglicher Fremdheit. Zwei Jahre reisen die Schüler nun schon regelmäßig von Reinickendorf nach Mitte und fühlen sich am Humboldt Forum zunehmend wohl. Zum Ende des Schuljahres haben sie sogar dort übernachtet, auf den Sofas in den Werkräumen – ein weiterer Schritt auf dem Weg zur produktiven Aneignung. „Das ist besser als normaler Unterricht“, sagt Yunus Emre Şık. „Wir lernen etwas über Kulturen und über Menschen.“
Zu wenig Party, kein Platz für Religion und Spiritualität
Sichtbar werden ihre Forschungsergebnisse nach jeder halbjährlichen „Unit“ in einem öffentlichen Format. Gerade haben sie die „Vibes“ des Humboldt Forums erkundet. Ihnen fehlte das Sommergefühl – Orte, an denen man sich abkühlen und chillen kann. Zu wenig Party, kein Platz für Religion und Spiritualität, lauten weitere Erkenntnisse. Und kaum Gelegenheit, sich kreativ zu betätigen. Jetzt ziert ihre Tape Art-Installation dauerhaft einen der Werkräume im zweiten Stock. Im kommenden Schuljahr geht es um Lügen – ein kritischer Ansatz. Aus den Haushalten der Leiterinnen nahmen die Schüler damals für eine Ausstellung einzelne Dinge mit. „Die Jugendlichen haben ganz andere Objekte ausgewählt als die, anhand derer ich mein Leben erzählen würde“, sagt Kathrin Kollmeier.
Und doch sind die Dinge aussagekräftig: das Set Gabeln, das ihre Großmutter bei ihrer Flucht aus Meißen rettete; ein Fuchs aus Papier, den ihre Tochter gebastelt hat; und natürlich der zerlesene Dostojewski. Die diverse Sammlung war vor einem Jahr am Humboldt Forum als „LOL100“ zu sehen. Der Ausstellungstitel lehnt sich an den Slang-Ausdruck Laughing Out Loud, „laut auflachen“, an und dokumentierte die „Lives of the Leaders“, die Lebensweisen des Leitungspersonals. Außerdem bezieht er sich auf das Buch „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“, die der Kunsthistoriker und Gründungsdirektor des Humboldt Forums Neil MacGregor 2011 veröffentlicht hat.
In „Humboldting!“ steckt somit ein ganzer Kosmos, an Wissen, Erfahrungen und kulturellen Kontexten. So wie im Humboldt Forum, diesem in Berlin vielfach ungeliebten und noch nicht integrierten Ort. Auch hier möchte „Humboldting!“ ansetzen und Beziehungsarbeit leisten, sagt Darren O’Donnell: „In einem intensiven Projekt mit wenigen Kindern erreicht man mehr als mit Workshops, durch die in kurzer Zeit viele Kinder geschleust werden“, ist er sicher. „Wenn die Kids ihre Eltern und Freunde mitbringen, die sehen, dass man sich hier wohl fühlen kann, dann hat das einen enormen Welleneffekt.“
Beforscht wird „Humboldting!“ zudem. Auch, um Erkenntnisse über das Besuchsverhalten junger Menschen zu erwerben. Schließlich sind die Schüler von heute die Besucher von morgen. Und die Angestellten: Nana Adutwum, die an einem von O’Donnells Jugendprojeken beteiligt war und jetzt ein Freiwilliges Soziales Jahr am Humboldt Forums absolviert hat, interessiert sich für den Job von Kathrin Kollmeier. Wie erwünscht steht die nächste Generation bereit.


