Weibliche Hauptfiguren in Filmen von Regisseurinnen haben die erste Halbzeit des noch bis Sonnabend stattfindenden 76. Internationalen Filmfestivals in Locarno dominiert. Die Heldinnen und Anti-Heldinnen vieler der 17 Beiträge im Wettbewerb beeindrucken mit großer Kraft. Diese nutzen sie oft klug im Kampf gegen eine gewaltgeladene männliche Dominanz. Dabei begeistert die Genrevielfalt. Von der Komödie über den Horrorschocker bis zum Drama gibt es eine anregende Vielfalt der Erzählformen.
Herausragend im Rennen um den Goldenen Leoparden: „Animal“. Die griechische Autorin und Regisseurin Sofia Exarchou erkundet in dem Spielfilm den Alltag von Animateuren in einem Ferienressort. Geleitet wird die Truppe von der Enddreißigerin Kalia (Dimitra Vlagopoulou), die sich der Frage stellen muss, ob es nicht besser wäre, auf den einen oder anderen Euro zu verzichten und dafür ein würdevolles Leben zu führen.
Gleich vier Frauen empfehlen sich für den Preis als beste Schauspielerin
Mitreißend ebenso: Agathe (Renée Soutendijk), die Hauptfigur des Dramas „Sweet Dreams“ von der in Amsterdam lebenden bosnischen Filmemacherin Ena Sendijarevic. Agathe lebt 1900 als Gattin eines niederländischen Plantagenbesitzers im indonesischen Archipel. Der indes sieht Einheimische wie Frauen generell als minderwertig an. Doch Agathe findet einen Weg, der Tyrannei zu entkommen.
Die Niederländerin Renée Soutendijk, vor vier Jahrzehnten im deutschen Thriller „Abwärts“ zum europäischen Star avanciert, gilt bisher neben der Griechin Dimitra Vlagopoulou als eine der aussichtsreichsten Anwärterinnen auf die Auszeichnung als beste Schauspielerin.

Zu ihnen gesellt sich die Rumänin Ilinca Manolache im neuen Film ihres Landsmannes Radu Jude. Der wurde berühmt, als er auf der Berlinale 2021 für „Bad Luck Banging or Loony Porn“ den Goldenen Bären gewann. In „Do Not Expect Too Much of the End of the World“ („Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt“) zeigt er nun den Alltag junger Frauen in der Zeit des Sozialismus und heute auf. Zentrale Figur ist Angela, die von einem internationalen Konzern als Hilfskraft einer Filmproduktion ausgebeutet wird. Der Film selbst bleibt eher an der Oberfläche. Ilinca Manolaches Porträt der Angela aber prägt sich nachhaltig ein.
Das bisherige darstellerische Glanzlicht des Festivals aber hat die Isländerin Isold Halldórudóttir mit ihrem Schauspieldebüt im Drama „Touched“ gesetzt. Sie verkörpert mit enormer Intensität und Sensibilität Maria, eine junge Pflegerin, die sich in einen querschnittsgelähmten Patienten verliebt. Die Folgen dieser „verbotenen Liebe“ sind so unvorhersehbar wie drastisch.
Claudia Rorarius besticht in der Nebensektion für den Kino-Nachwuchs
„Touched“ der deutschen Filmemacherin Claudia Rorarius läuft im Nachwuchs-Wettbewerb Cineasti del presente. Eine ungewöhnliche Lovestory von verblüffender Wahrhaftigkeit. Trotz heftiger Sexszenen fesselt der Film vor allem mit leisen Mitteln. Die Geschichte schleicht sich sozusagen in die Herzen der Zuschauer ein und wird deshalb unvergesslich. Viele erwarten für den Film mindestens einen der Wettbewerbspreise.
Im Hauptwettbewerb hat der mit deutschen Geldern, etwa vom RBB, gedrehte Spielfilm „Stepne“ („Steppe“) der ukrainischen Regisseurin Maryna Vroda Aussichten auf eine Ehrung. In strengen Bildfolgen beleuchtet der Film das Erbe der Sowjetzeit in der heutigen Ukraine, fern des Krieges auf dem kargen Land. Spannung und Anspruch sind geschickt miteinander verwoben. Diese Mischung wird in Locarno traditionell gern ausgezeichnet. Vergeben werden die Preise am 12. August bei einer Gala unterm Sternenzelt.
dpa


