Man muss sich den rumänischen Regisseur Radu Jude als traurigen wie amüsierten Chronisten seines Landes vorstellen. Der 43-Jährige verzweifelt einerseits an der Vergangenheit seines Landes.
Von der Vernichtung der Juden und Roma Anfang der 40er-Jahre als Alliierter des Nazi-Reiches über das brutale Treiben der Securitate bis zum Ende der Diktatur Ceaucescus 1989 – einer der profiliertesten Filmemacher seines Landes kann darüber nur traurig den Kopf schütteln.
Dazu zeigt er immer wieder in seinen Werken schwarzweißes Archivmaterial und lässt Menschen in oft quietschebunten Spielhandlungen theatralisch debattieren, vermengt Dokumentarisches und Fiktionales und überhöht somit sein Bild von der rumänischen Realität.
Philosophische Farce über einen Porno
Auf der anderen Seite ist er natürlich auch amüsiert. Natürlich hat es etwas verdeckt Komisches, wenn Menschen auch heute noch ernsthaft an die jüdische Verschwörung glauben, an das Heil der Diktatur oder ernsthaft denken, dass Sex vor der Kamera etwas Schädliches ist. Aber es passiert offenbar. Im Rumänien von heute.
Diesen Eindruck muss man bekommen, wenn man Radu Judes neunten Spielfilm betrachtet. In „Bad Luck Banging or Loony Porn“ (sehr frei übersetzt: „Unglückliche Hämmerei oder verrückter Porno“), der sich am besten als eine philosophische Farce beschreiben lässt, bekommt die seriöse Geschichtslehrerin Emilia Cibiliu (Katia Pascariu) einen Shitstorm besonderer Art, als ein Pornovideo, das sie mit ihrem Mann gedreht hat, plötzlich viral geht.
Pornolehrerin vor einem Freiluft-Tribunal
Selbstverständlich ist die umsichtige Schuldirektorin (Claudia Ieremia) nicht darüber erbaut, dass ihre Fachkraft plötzlich als „Porn Teacher“ auf Pornhub auftaucht. Aber sie will im guten sozialistischen Sinne erst eine Elternversammlung über den Verbleib der Lehrerin abhalten. Als Tribunal im Freien mit brennenden Fackeln und reichlich Abstand zwischen den Sitzreihen.

Denn, und das durchzieht „Babardeală cu bucluc sau porno balamuc“, wie die Coproduktion aus Rumänien, Luxemburg, Kroatien und Tschechischer Republik im Original heißt, wie ein roter Faden, ist ein Coronafilm, weswegen die Maske gleich eine mehrfache Bedeutung hat.
Drei Formen der Maske
In dem Pornovideo, mit dem der Zuschauer gleich zu Beginn der 106 Minuten mit allen seinen gänzlich nicht jugendfreien Details konfrontiert wird, trägt Emilia eine Maske - zum Lustgewinn. Nur fünf Minuten später sehen wir sie im schicken grauen Kostüm durch Markthalle, Supermarkt und Café der sonnenüberfluteten Bukarester Innenstadt gehen mit der grünen OP-Maske um den Hals oder im Gesicht beim Gespräch mit der Schuldirektorin – zur Corona-Abwehr.
Zum Schutzschild wird diese Maske dann endlich, als Emilia sich dem Tribunal der Eltern stellen muss. Und wie immer bei Radu Jude, der schon 2015 bei der Berlinale mit „Aferim!“ einen Silbernen Bären für die beste Regie erhielt, ist bei derlei Gelegenheiten die ganze Gesellschaft vertreten.
Da sitzen dann der Offizier und der Pilot, der Priester und der Arbeiter, die Muslima und die elegante Dame quasi als Stellvertreter ihrer Klasse entsprechend kostümiert und hetzen und lästern über die „Hure“ im Klassenzimmer.

Weswegen es schon bald nicht mehr um das Video geht, sondern um all jene Themen, an denen Jude so verzweifelt - vom rumänischen Holocaust in der Vergangenheit bis zur Militärhörigkeit heutzutage, von postsozialistischer Besserwisserei bis zum latenten Alltagsrassismus. Ein Land aus Verschwörern und Chauvinisten, Saubermännern und Aufräumern. So sieht Jude sein Rumänien, dem er mit diesem Film quasi ein satirisches Denkmal setzt – und das in Form eines Triptychons.
Ein Film in drei Kapiteln
Im ersten Kapitel lässt er nach dem Pornovideo, das nicht umsonst im ganzen Film wie ein fucking Fremdkörper wirkt, pseudo-dokumentarische Aufnahmen aus Bukarests Straßen folgen, in denen wir Zeugen kleiner Pöbeleien an Straßenrändern und Supermarktkassen werden.
Im zweiten Teil folgt eine Summe bunt zusammengewürfelter Einzelbilder, die uns mit Archivbildern von Militärparaden und Rumänischer Revolution, Handyaufnahmen singender Nonnen und fröhlich schmetternder Männer im Baumarkt, Aufnahmen von Robotern und Ruinen die ganze Vielfalt rumänischer Geschichte vor Augen führen sollen. Um danach dann das dritte Kapitel, das Tribunal an der Schule, in seiner Gänze zu verstehen.
Das klingt alles ernster, als es ist. Vielmehr ist der Film sehr verspielt, frech und satirisch, tiefgründig und hochgradig unterhaltend. Am heutigen Sonntag wird ihm der Hauptpreis der Berlinale, der Goldene Bär verliehen.
Termine: heute, Museumsinsel nach der Preisverleihung und Schloss Charlottenburg, 22 Uhr; 15.6., Frischluftkino@Studentendorf, 22 Uhr; 18.6., Freilichtbühne Weißensee, 21.45 Uhr.


