Die lichte, weitläufige Obere Halle Halle der Neuen Nationalgalerie ist seit ihrer Einweihung im Jahr 1968 eine ständige Herausforderung. Wer hier Kunst präsentieren will, kann das nur im Dialog mit der architektonischen Geste Mies van der Rohes, die mit riesigen Glasfronten das städtische Leben genauso zu sich einlädt, wie sie das Geschehen im Innern auf den Präsentierteller legt. Hier lassen sich keine Messen der Kunst zelebrieren, wie sie im White Cube des klassischen Museums Routine sind, hier gibt auch keine Raumabfolge den Rhythmus einer kuratorischen Erzählung vor. Und das omnipräsente Tageslicht tut sowieso, was es will.
Mit Blick auf Isa Genzken erweisen sich all diese Eigenheiten als Vorteil. Die Künstlerin, kreative und stets unberechenbare Vordenkerin der Bildhauerei, wird im November 75 Jahre alt. Die Neue Nationalgalerie ehrt sie deshalb mit 75 Skulpturen aus allen Schaffensphasen bis heute. „Am liebsten wäre es mir gewesen, wenn Isa Genzken die Große Halle selbst bespielt hätte“, sagt Lisa Botti, die zusammen mit Klaus Biesenbach die Ausstellung kuratiert hat. „Wer gesehen hat, wie sie den deutschen Pavillon in Venedig 2007 gestaltet hat, weiß, wie großartig sie das kann. Weil das nicht ging, haben wir eine chronologische Gruppierung gewählt, weil dann auch ihre Magie erfahrbar wird. Die Werkgruppen entwickeln Energiefelder, die einen immer wieder in den Bann ziehen.“
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Tatsächlich lässt sich anhand von diskreten Nummern am Boden ein chronologischer Rundgang von den Anfängen bis zum Spätwerk der Künstlerin unternehmen – mit dem schönen Höhepunkt der mehr als acht Meter hohen „Pink Rose“ auf dem Vorplatz, die als Nachfolgerin von Monica Bonvicinis riesigem Spiegel schon seit einigen Tagen zu einem der beliebtesten Fotomotive der Stadt avanciert. Zugleich aber erlaubt die Abwesenheit optischer Barrieren in der Halle immer wieder neue Durch- und Hinsichten auf ein unglaublich vielfältiges, verspieltes, lustiges und tiefsinniges Werk, dessen Reichtum sich nur dann erschließt, wenn man sich Zeit dafür nimmt.

Da sind etwa die Ellipsoide und Hyperboloide, die sich beim eiligen Vorbeigehen wie eine Sammlung überdimensionierter Mikadostäbe ausnehmen, mit denen es aber weit mehr auf sich hat. Isa Genzken, geboren 1948 in Bad Oldesloe, beschäftigte sich am Ende ihres Studiums an der Kunstakademie Düsseldorf mit dem Minimalismus, der sich vor allem in den USA in den 1960er-Jahren als Gegenbewegung zum Abstrakten Expressionismus herausgebildet hatte.
Mit ihren zwischen 1976 und 1982 entstandenen Arbeiten willigte sie in die Affinität zum Geometrischen ein, wie schon an den Titeln ablesbar ist: Hyperboloide und Ellipsoide sind dreidimensionale Körper, die durch Achsenrotation von Ellipsen und Hyperbeln entstehen.
Für die Berechnung der Maße arbeitete Isa Genzken mit einem Physiker der Universität Köln zusammen. In Handarbeit entstanden jeweils nur auf einem oder zwei Punkten auf dem Boden aufliegende Körper, die wie maschinell gefertigt wirken – und doch einen widerborstigen Gruß in Richtung Minimal Art verschickten, weil sie sich dem Spiel der Assoziationen gerade nicht versagten. Zahnstocher, Speere, Boote: Man kann vieles in den Objekten erkennen. Sie sind frei von dem Zwang, Form an und für sich zu sein.
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So frei wie Isa Genzken selbst, die darauf verzichtete, die Objekte zum Markenzeichen ihrer selbst auszubauen. „Man spürt dieses Selbstbewusstsein, sich neu zu erfinden, den Mut zu haben, für etwas berühmt zu sein und das dann wieder aufzugeben“, sagt Kuratorin Lisa Botti. Eine solche Neuerfindung sorgte Mitte der 1980er-Jahre für einiges Aufsehen im Kunstbetrieb, als sich Isa Genzken zunächst mit Gips, später auch mit Beton von der Formenstrenge ihres bisherigen skulpturalen Werks verabschiedete.

Ab 1990 entstanden gleichermaßen massive, mit ihren zahlreichen Rissen auch fragil wirkende Fenster – die als Durchgänge ins Offene, in ihren vielfältigen kunsthistorischen Bezügen, auch als Sinnbild des menschlichen Blicks zu einem Leitmotiv werden sollten. Sie markieren auch eine eigenwillige Auseinandersetzung mit Architektur, mit dem Leben im städtischen Raum.
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Was wiederum gut zum Ambiente der Ausstellung passt. In gleich drei Arbeiten thematisiert Isa Genzken das Lebenswerk Mies van der Rohes – mit wehmütig grundierter Buntheit etwa in der Glasskulptur „New Buildings for Berlin“, die Bezug auf den nie realisierten Entwurf des Architekten für ein Hochhaus an der Friedrichstraße von 1921 nimmt. Sie entstand 2005, als der beklagenswerte Mangel an schönen Gebäuden für die in Berlin lebende Künstlerin immer schmerzhaftere Ausmaße annahm.
Von der Decke baumelt zudem ein Barcelona-Chair („Mies“, 2008), unweit davon stehen die hübschen Krimskrams-Skulpturen der Serie „Fuck the Bauhaus“ (2000), für die auch mal ein Pizzakarton ins Kunstwerk integriert wurde – denn auf programmatische Dogmen wie Ornamentlosigkeit reagierte Genzken gern mit ausgestrecktem Mittelfinger.
Wie sich dieses Werk überhaupt oft genug aus einem schillernden, herzenswarmen Witz speist, der auch die von Männern geprägten Pathosformeln des Erhabenen aufs Korn nimmt. Noch in ihren späten Arbeiten, in den mit Schaufensterpuppen installierten „Schauspielern“ ist der immer junge, immer wache Humor dieser großen Künstlerin spürbar.



