Die vor 100 Jahren im ungarischen Kapuvár geborene Judit Reigl zählt zu den vielen spannenden Künstlerinnen, die trotz herausragender Arbeiten und großer zeitgenössischer Anerkennung aus dem Kunstbetrieb in Vergessenheit gerieten. Eigentlich ist es nur mit männerfixierten Kanonisierungsprozessen erklärbar, dass erst jetzt, fast drei Jahre nach Judit Reigls Tod, mit der von Maike Steinkamp kuratierten Ausstellung „Judit Reigl. Kraftfelder“ in der Neuen Nationalgalerie in Deutschland eine museale Einzelschau überhaupt zustande kommt. An ihren Bildern jedenfalls kann es nicht gelegen haben – die suggestive Kraft ihrer surrealistischen Arbeiten, auch die sich unmittelbar übertragende Energie ihrer abstrakten Arbeiten lassen die Handschrift einer Künstlerin mit enormer Bandbreite erkennen. Judit Reigl war immer bereit, vertrautes Terrain hinter sich zu lassen.
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Gezeigt werden sechzehn überwiegend großformatige Gemälde sowohl aus dem figurativen wie aus dem abstrakten Werk Reigls – und wer den Blick schweifen lässt, mag ob der massiven stilistischen Unterschiede zunächst an eine Gruppenausstellung denken. Im Bild „Unvergleichliches Vergnügen“ (1952/53) feiern in eine Sonnenuntergangsstimmung hineincollagierte Fledermäuse eine schaurige Messe – das wohl zum Umtrunk bestimmte Blut entfließt einem geschwungen-abstrakten Körper, der als düstere Zentralfigur das Bild dominiert. Und nur ein paar Schritte weiter das vollständig abstrakte Bild „Outburst“ (1956), das explosiven Körpereinsatz an der Leinwand verrät – man assoziiert sofort ein bei den Wandtexten abgedrucktes Foto der Künstlerin, auf dem man sie 1964 mit maximaler Konzentration Farbe direkt mit den Händen auf die Leinwand auftragen sieht.
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Der für das Erbe Reigls verantwortliche Fonds de dotation Judit Reigl hat mit dem Gemälden „Kraftfeld“ (1959) und „Massenschrift“ (1960) sowie dem Triptychon „Mensch“ (1967-1969) der Neuen Nationalgalerie nun Positionen geschenkt, die „ganz laut in unserer Sammlung fehlten“, wie Klaus Biesenbach es formuliert, der Direktor der Neuen Nationalgalerie. Die hier sichtbaren Übergangsformen zwischen dem Abstrakten und dem Figurativen lassen vermuten, dass Reigls Arbeiten auch deshalb nicht hinreichend rezipiert wurden, weil sie sich eingespielten Kategorien widersetzen. „Man sieht nur, was man weiß“: Goethes berühmter Satz lässt sich auch auf eine missliche Folge kunsthistorischer Ordnungsbemühungen anwenden. Wer nicht in die hübsch etikettierten Kästchen passen will, wird dort zu einem späteren Zeitpunkt auch nicht wieder aufgefunden.
So lädt die Ausstellung nun zur Wiederentdeckung einer Künstlerin ein, deren Biografie verfilmt zu werden verdient. Nach dem Studium der Malerei in Budapest und ein paar Jahren in Italien entschloss sich Judit Reigl, nachdem ihr in Ungarn der Pass abgenommen worden war, zur Flucht aus dem kommunistisch unterdrückten Land. Sie schlug sich zu Fuß über Österreich und Deutschland bis nach Paris durch – wo sie im Mai 1954 André Breton kennenlernte und in seiner Galerie l´Etoile Scellée ausstellte. „Der Blick Judit Reigls dringt vom Grund des Versiegelten Sternes herauf“, schrieb Breton so poetisch wie hingerissen, um dann doch wieder ins Chauvinistische und Gönnerhafte zu verfallen: „Es scheint so unwahrscheinlich, dass das vorwärtsstürmende Schiff von einer Frauenhand gelenkt werden könnte.“
Wie falsch man doch liegen kann.



