Vor dem Beginn der etwa anderthalbstündigen Performance, beim Einlass in den blau erleuchteten Saal 2 des Humboldt Forums, darf sich das Publikum kostümieren. Hüte mit runden Krempen und bodenlangen Schleiern werden gereicht, die Gäste wandeln als halbtransparente Zylinder umher. So könnte man sich das Lustwandeln einer chinesischen Hofgesellschaft in ferner Vergangenheit vorstellen – wären da nicht die pochenden Bässe und der der riesige, vollverspiegelte Tisch, der den Raum dominiert und unter dem bunte Neonröhren die Lichtstimmung dirigieren.

Das chinesische Theater- und Tanz-Kollektiv „Paper Tiger Theater Studio“ hat den Abend „Stachel im Fleisch“ im Auftrag des Humboldt Forums entwickelt, man kann ihn zusammenfassend vielleicht als ein Blitzlichtgewitter über der Kolonial- und Raubkunstgeschichte beschreiben. Fünf Performerinnen und Performer, ein Skateboarder, eine Perkussionistin, ein Zeitzeuge von Erich Honeckers China-Reise 1986 und ein DJ nehmen in assoziativer Folge in den Blick, was das Humboldt Forum als Präsentationsfläche internationaler Kulturschätze diskursiv so interessant macht: Die oftmals blutige und nicht aufgearbeitete Herkunftsgeschichte der ausgestellten Objekte, der riesige Raum transkultureller Begegnungen der vergangenen Jahrtausende, oder kurz: das Unerzählte, das Verschwiegene.

Wie vom Pfeil getroffen, im Hintergrund wilde Pferde: eine Tänzerin während der Performance.
Wie vom Pfeil getroffen, im Hintergrund wilde Pferde: eine Tänzerin während der Performance. © Stachel im Fleisch | Frank Sperling

Ausgangspunkt ist ein chinesisches Rollbild aus dem Jahr 1759 mit dem Titel „Machang durchbricht die feindlichen Reihen“ aus der Sammlung des Museums für Asiatische Kunst, das im 3. Obergeschoss des Humboldt Forums ausgestellt wird. An der Längswand des Saals wird es als Großprojektion sichtbar: Ein Reiter flieht, von einem Pfeil getroffen, auf seinem Pferd im vollen Galopp vor seinen Angreifern. Seine von Schmerz verkrümmte Körperhaltung wird tänzerisch auf dem Tisch ins Bild gesetzt, während dem Publikum die Geschichte des Kunstwerks erzählt. Es stammt von einem Mann mit einer filmreifen Lebensgeschichte: dem italienischen Jesuiten Giuseppe Castiglione (1688-1766), der in Peking eigentlich seiner Missionstätigkeit nachgehen wollte, stattdessen aber zum Hofmaler des Qianlong-Kaisers (1736-1795) aufstieg, einem Herrscher mit Vorliebe für Scharaden und Maskenbälle.

Castigliones „Machang“-Darstellung diente der propagandistischen Verherrlichung der innerchinesischen Expansion und gelangte auf bislang unbekannten Wegen nach Berlin, entweder infolge der Plünderungen während des Boxer-Krieges 1900/1901 oder während der Revolution von 1911 – wie auch unzählige andere Objekte aus den Sammlungen der Staatlichen Museen. Die überzeugend rhythmisierte, immer wieder überraschende Performance bringt sie in Erinnerung – mit auf dem Tisch ausgelegten Gegenständen, auf denen hart getrommelt wird, mit eindringlicher Aufzählung per Videoprojektion, mit Tanzchoreographien und, sehr anrührend, mit einer Befragung des ehemaligen gastronomischen Leiters des Palastes der Republik – eines großen Freundes der chinesischen Kultur, der mit dem DDR-Staatschef 1986 nach Peking fuhr, dem aber der Zugang zur Verbotenen Stadt aufgrund einer idiotischen Reiseplanung verwehrt blieb. Ein weiterer Besucher im fernen Osten, ein zugewandt interessierter Fremder, mehr als 200 Jahre nach Giuseppe Castiglione.