In ihrem Erinnerungsbuch „Etwas Seltenes überhaupt“, das 2018 neu aufgelegt wurde, beschreibt Gabriele Tergit, wie sie ganz oben auf der Liste der politischen Gegner der Nationalsozialisten landete. Einer Verhaftung konnte sich die gewitzte und zur Bissigkeit neigende Berliner Schriftstellerin, Journalistin und Gerichtsreporterin (1894-1982), die erst zwei Jahre vor der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler durch ihren „anti-propagandistischen“ Debütroman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ berühmt geworden war, im letzten Moment entziehen.

Knapp genug wurde es, glücklicherweise aber kam sie gerade noch so mit dem Leben davon. Ihre Schilderungen der Ereignisse lesen sich entsprechend drastisch: Anfang März 1933 versuchte ein SA-Trupp, der angeblich auf direkten Befehl Hermann Görings handelte, ihre Wohnung zu stürmen. Am nächsten Tag floh sie zunächst nach Prag, dann nach Palästina und landete 1938 schließlich als Emigrantin in London. Der Grund ihrer Verfolgung bestand weniger darin, dass sie eine Jüdin war – als solche hätte sie dieses Schicksal freilich auch ereilt, aber eben erst später –, sondern darin, dass sie als Kritikerin des wachsenden Einflusses der NSDAP und der Gewalt ihrer Schergen auf den Straßen zumal Berlins nie ein Blatt vor den Mund genommen hatte.

Schauspielerin Katharina Thalbach liest derzeit am Berliner Ensemble aus Gabriele Tergits „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“.
Schauspielerin Katharina Thalbach liest derzeit am Berliner Ensemble aus Gabriele Tergits „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“. © BErliner Ensemble | Moritz Haase

Erschütternd lesen sich auch die Beschreibungen ihrer Rückkehr nach Deutschland – und sie reiste bereits ab 1948 mit britischem Pass mehrfach in ihre durch die Alliierten befreite Heimat. Einmal führt sie der Weg über die „verruchte“ Grenzstation Bentheim, wo nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch dieselben Grenzbeamten am Bahnsteig standen, die einst die fliehenden Juden zwecks Deportation ins Konzentrationslager reihenweise aus den Zügen geholt hatten – woran dort, nebenbei gesagt, heute rein gar nichts erinnert.

Die Mentalität der Nachkriegsjahre wird auf den Punkt getroffen

Tergits Reisen bilden nun den biografischen Hintergrund zu ihrem kurzen Roman „Der erste Zug nach Berlin“, der vermutlich im Frühsommer 1949 spielt – zumindest ist die DDR zum Zeitpunkt der Handlung noch nicht gegründet –, Anfang der 1950er-Jahre entstand und bereits viele Eindrücke enthält, die sich später in ihren Memoiren wiederfinden. Die Handlung selbst ist schnell umrissen: Der jungen, frisch verlobten und reichlich verwöhnten New Yorkerin Maud, gerade einmal 19 Jahre alt, bietet sich die Gelegenheit, in einem Tross recht skurriler Charaktere, darunter Engländer und „kommunistische“ Russen, im Rahmen einer britisch-amerikanischen Militärmission nach Berlin zu reisen.

Maud geht es, auch wenn sie journalistische Ambitionen hegt, im Wesentlichen um Abwechslung und Abenteuer, Ziel der Gesandtschaft aber ist es, den Deutschen möglichst behutsam demokratische und rechtsstaatliche Prinzipien ins Gedächtnis zu rufen, ein Vorhaben, an dem das gescheiterte „Herrenvolk“ naturgemäß nicht das geringste Interesse zeigt. Bestechend ist hier die bodenlose Naivität, mit der Maud vorgeht – und die sich Tergit als geeignetes Mittel satirischer Darstellung gekonnt zunutze macht.

Gabriele Tergit: Der erste Zug nach Berlin. Schöffling, 208 Seiten, 22 Euro.
Gabriele Tergit: Der erste Zug nach Berlin. Schöffling, 208 Seiten, 22 Euro.© Schöffling

„Da ich sehr gut deutsch sprach, wollte ich gern mit den Deutschen reden“, heißt es da etwa und Maud kennt keine Bedenken, ein Gespräch mit der Frage zu beginnen: „Sind Sie glücklich, Hitler los zu sein?“ Die Ernüchterung folgt prompt und mit ihr reift die Erkenntnis, eine solche Frage besser nie mehr an Deutsche zu richten. „Hitlers Zeit“, so nämlich lautet die beispielhafte, repräsentative Antwort, „war die einzige, in der die Deutschen ein glückliches Volk waren…die große, die herrliche Zeit…Hitler hatte gerade damit angefangen, uns von den Juden zu befreien und wir sahen großen Zeiten entgegen.“ Oder: „Mir hat 1938 die Partei als Belohnung für treue Dienste ein kleines Geschäft von so einem Juden gegeben. Ich habe es zwei Jahre geführt, dann ist es von den Juden gebombt worden. Ich habe nichts, nichts mehr auf der Welt. Und nun soll ich noch Reue empfinden? Ja Herrgott, gibt‘s denn gar keine Gerechtigkeit auf der Welt?“

Einwände werden weggewischt, die langjährige Gehirnwäsche der Nazi-Propaganda bleibt erfolgreich und selbst die Schuld am Krieg wird weit von sich gewiesen – was Maud nicht daran hindert, eine Affäre mit einem „Edelnazi“ anzufangen. Die Frage nach der Wahrheit aber bleibt ein Leitmotiv und neben ihrer Naivität kennzeichnet die junge New Yorkerin auch ein ausgeprägter Wille zum Wissen – und zur investigativen Aufdeckung –, der sie mit dem amerikanischen Journalisten Merton zusammenbringt und in der Begegnung mit einem sterbenskranken KZ-Überlebenden gipfelt.

„Der erste Zug nach Berlin“: Ein bitterböser, bisweilen verstörender Text

Tergit nimmt sich durchaus die Freiheit literarischer Zuspitzung, trifft aber die deutsche Mentalität der Nachkriegsjahre auf den Punkt. Und so besteht die wesentliche Substanz des überaus unterhaltsamen, bisweilen bitterbösen und verstörenden Textes – der im Jahr 2000 bereits einmal in einer stark bearbeiteten Fassung herausgegeben wurde – auch in seinen dokumentarischen Aspekten. Etliche der seitenlangen, teils auf Englisch stattfindenden Gespräche, die um das „deutsche Denken“ und die politische und soziale Lage des kaputten Landes kreisen, führte Tergit selbst, auch wenn sie sie hier anderen Protagonisten in den Mund legt.

„Der erste Zug nach Berlin“, herausgegeben und mit einem erhellenden Nachwort versehen von Nicole Henneberg, erscheint im Schöffling Verlag, der sich bereits seit einigen Jahren dem Werk dieser herausragenden Schriftstellerin widmet, deren Karriere von den Nazis so früh – und leider mit einer Jahrzehnte währenden Nachhaltigkeit – ein Ende bereitet wurde. Tergit sollte es nie gelingen, im Literaturbetrieb Nachkriegsdeutschlands wieder Fuß zu fassen – die Gründe dafür sind sicher auch in der hier von ihr verhandelten Mentalitätsgeschichte zu finden. Mit ihrer Wiederentdeckung wollte es ebenfalls lange nicht so recht klappen. Umso erfreulicher ist es, dass ihre Bücher – allen voran ihr Erfolgsroman, das jüdische Familien-Epos „Effingers“, die gesammelten Gerichtsreportagen „Vom Frühling und von der Einsamkeit“ und natürlich der berühmte „Käsebier“ – heute wieder so viele Leserinnen und Leser findet.

Tobias Schwartz ist Schriftsteller und lebt in Berlin. Zuletzt erschien sein Erzählungsband „Landkrank“ (Elfenbein, 265 S., 24 Euro).