Die Stadt lebte, arbeitete und schrieb sich in einen wahren Geschwindigkeitsrausch hinein. Als wüsste sie, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleiben sollte.
Innerhalb von vier Wochen entworfen
"Käsebier erobert den Kurfürstendamm" erschien 1931, kurz vor dem Ende der ersten Republik. Es ist einer der brillantesten Berlin-Romane. Und einer der schnellsten. Die Autorin warf ihn innerhalb von vier Wochen aufs Papier, und zwar in Ahrenshoop. In Berlin hätte ihr dazu die Zeit gefehlt. Gabriele Tergit, eigentlich Elise Hirschmann, verehelichte Reifenberg, saß in der Redaktion des Berliner Tageblattes. Die Tochter einer jüdischen Fabrikantenfamilie hatte sich einen Namen als Gerichtsreporterin gemacht, schrieb auch fürs Feuilleton. Ihr gefeierter Debüt-Roman gewährt Einblicke in das von Krisen geschüttelte Leben der Metropole. Die bessere Gesellschaft aus Tiergarten und Charlottenburg tanzt auf dem Vulkan, hofft auf das große Geschäft und sucht ein kleines bisschen Liebe.
Aber die Ledigen haben keine Chance, einen Zipfel vom Glück zu erhaschen. Und die Verheirateten finden höchstens gute Scheidungsgründe. Alle werden sie herumgewirbelt von der großstädtischen Hektik, der Unrast dieser Zeit. Aus dem gigantischen Alltagsinferno, das alle bewegt und alle verschlingt, treten für Augenblicke einzelne Paare hervor.
Da ist Redakteur Miermann, ein honoriger älterer Herr, ein verkannter Dichter, dessen Werke niemand liest und der sich deswegen bei der Zeitung verdingt. Er steigt, obwohl verheiratet, der Gymnastiklehrerin Käte Herzfeld hinterher, hat sogar schon eine Absteige gemietet, in der Käte jedoch nie absteigt mit ihm. Denn Käte ist eine selbstständige, moderne Frau, ihre Beziehungen dauern höchsten zwei Tage.
Da ist Fräulein Dr. Kohler, Kollegin von Miermann bei der fiktiven Berliner Rundschau am Dönhoffplatz. Sie liebt Meyer-Paris, derzeit Korrespondent des Allgemeinen Blattes in Frankreich. Aber Meyer-Paris ist ein Leichtfuß, gebildet, geschmacklos, charakterlos. "Berlin hat kein Klima für die Liebe", heißt es im Roman. "Diese Berliner Männer sind unmöglich. Überhaupt dieses Berlin, kein Flair, keine Grazie, keinen Charme."
Und Käsebier? Nur eine Nebenrolle, ein kleiner Volkssänger aus der Hasenheide, von Journalisten und Agenten in den Himmel gehoben für eine Saison. Korrupte Baulöwen und Bankiers bauen ihm sogar ein Theater an den Kurfürstendamm - dann kommt die große Pleite.
Ihre Bücher verschwanden aus den Regalen
Obwohl das Buch vernichtende Satiren auf den Stil der völkischen Presse enthält, wurde es von den Nazis gelobt. Sie lasen es als Abgesang auf ein marodes System, das der Rettung durch den Führer bedarf. Wie diese Rettung aussehen würde, war Gabriele Tergit schnell klar. Sie türmte im März 1933, nachdem SA-Schergen vor ihrer Wohnung Siegmund Hof 22 randaliert hatten. Es ging in die Tschechoslowakei, dann weiter nach Tel Aviv und 1938 schließlich nach London. Ihre Bücher verschwanden für Jahrzehnte aus den Regalen. Erst 1977 wurde "Käsebier" wieder entdeckt - dieser einzigartige Berlin-Roman, gewitzt und unerbittlich wie die Stadt selbst. Und exakt genauso schnell.
Morgen lesen Sie Folge 10: "Pünktchen und Anton" von Erich Kästner

